Kiel. Die Idee hatte sein Vater. Der schlug Sabin Tambrea nach dessen Romandebüt „Nachtleben“ und im Stillstand der Pandemie vor: „Schreib‘ doch unsere Geschichte auf.“ „Und dann begann er, von seiner Flucht zu erzählen – zum ersten Mal“, sagt Tambrea im fast vollständig besetzten Kieler Schauspielhaus. „Da wusste ich: Die Geschichte hat mich gefunden.“ Ausgangspunkt für den Roman „Vaterländer“, der im Rumänien von Ceaucescus spielt, und der auch von den perfiden Mechanismen der Diktatur erzählt.
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Sabin Tambrea zwischen Politik und Familiengeschichte
Die eigene zwischen Rumänien und Deutschland aufgespannte Familiengeschichte ist für den Schauspieler, bekannt aus Kultserien wie „Babylon Berlin“ und der „Ku’damm“-Reihe oder im Kino als sensibler wie packender Kafka-Darsteller in „Die Herrlichkeit des Lebens“, das eine. Das andere ist seine anhaltende Irritation darüber, wie geflüchtete Menschen in Politik und Alltag meist auf die nackte Zahl, die Statistik reduziert werden. „Ich wollte die Tür zur Geschichte dahinter aufmachen“, sagt er. „Ich wollte erzählen, was es bedeutet, wenn Menschen ihre Familie, ihr soziales Geflecht, auch ihre Sprache hinter sich lassen.“
So wie sein Vater Bela, der Violinist, der 1985 nach einer Konzerttournee in Frankreich nicht mit dem Orchester zurückkehrte, sondern sich nach Deutschland absetzte. In Rumänien blieben seine Frau Rodica, ebenfalls Musikerin, und zwei kleine Kinder. Sabin Tambrea war damals gerade acht Monate alt, die Schwester Alina ein paar Jahre älter.
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Der Schauspieler und Autor imaginiert die Situation im Buch so lebhaft und detailliert, als sei er dabei gewesen; und wenn der junge Bela und sein bester Freund den richtigen Moment zur Flucht abpassen, dann wächst die Spannung ins Filmreife.
Roman im Dreiklang der Generationen
Neben Belas Geschichte lässt Tambrea auch der eigenen und der Perspektive des Großvaters Raum. Er taucht ab in die Kinderwelt, spürt der Verlassenheit und Fremdheit bei der Ankunft in Köln nach – zwei Jahre nach der Flucht des Vaters.
Und er lässt den Großvater Horea sprechen, der für Tambrea auch ein zweiter Vater war. Der dokumentierte 1991 bis ins Detail die Geschichte seiner Verhaftung durch die rumänische Geheimpolizei Securitate und drei Jahre Haft. Sein Enkel hat sie nun übersetzt. Eine Herausforderung: „Was die Arbeit daran auch körperlich mit mir gemacht hat, war eine gänzlich unerwartete Erfahrung“, sagt er.
Wir brauchen Empathie – das ist unsere einzige Chance.
Sabin Tambrea
Schauspieler
In diesem Dreiklang der Generationen und Stimmen wird neben der Familiengeschichte auch spürbar, wie sich das Trauma von Repressalien, Flucht und Trennung auch in die nachfolgenden Generationen einschreibt.
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Man muss ihn zum Erzählen kaum anstoßen, der Charismatiker Tambrea hat einiges zu sagen. Er spricht über den Wert von Freiheit und Demokratie, macht seiner Verstörung Luft über den Onkel, der es nach jahrelanger Diktatur-Erfahrung heute in den USA für richtig hält, Trump zu wählen. Nicht ohne den Blick ähnlich kritisch auf Deutschland zu richten. „Wir brauchen Empathie“, sagt er. „Das ist unsere einzige Chance.“
Sabin Tambrea ist aber auch ein launiger Plauderer, zugewandt und mit trockenem Humor. Seine warme, sonore Stimme trägt die Lesung, und manchmal gewinnen die Geschichten in kleinen Gesten zusätzlich Gestalt. Im Buch ist Platz für die Anekdote, wie er in einer Probenpause als Kind mit Stargeiger Yehudi Menuhin kickte. Und für den ersten Eindruck der deutschen Sprache: „Eine plumpe Sprache, die nur Beschreibung ist, kein Gefühl vermittelt.“ Vielleicht nennt er auch deshalb im Gespräch mit Moderatorin Maline Kotezki die Musik seine Muttersprache – auch wenn die Geige, anders als bei den Eltern und der Schwester, nicht sein Lebensweg geworden ist.
KN