Chicago, am Mittwochmorgen: In der Kita Rayito del Sol sind die ersten Kinder eingetroffen, die Betreuer bereiten sich auf den Tag vor. Plötzlich stürmen Agenten der US-Einwanderungsbehörde ICE teils mit übers Gesicht gezogenen Sturmhauben die Kindertagesstätte und nehmen eine der Betreuerinnen fest: eine aus Kolumbien stammende Kindergärtnerin. Ein Vater, der gerade sein Kind in die Kita bringen will, hält die Szene auf Video fest: Dort ist zu sehen, wie zwei ICE-Agenten die schreiende Frau aus dem Kindergartengebäude zerren, obwohl diese beteuert, im Besitz gültiger Papiere zu sein.

Eine Sprecherin des US-Heimatschutzministeriums erklärte, ICE-Mitarbeiter hätten eine kolumbianische Frau und einen Mann in den Eingangsbereich der Kita verfolgt, nachdem diese vor einer „gezielten Verkehrskontrolle“ geflohen seien.

Doch das Video, das in verschiedenen sozialen Netzwerken geteilt und auch von verschiedenen US-Medien aufgegriffen wird, löst landesweit Empörung aus. Von den „erschreckendsten Videoaufnahmen, die ich je in meiner Amtszeit gesehen habe“, sprach der Chicagoer Lokalpolitiker Matt Martin gegenüber NBC. „Bewaffnete Beamte patrouillierten in der Einrichtung, während sich Erzieherinnen und Kinder darin aufhielten“. 

Verschärftes Vorgehen gegen Migranten

Die jüngste Razzia ist Teil eines verschärften Vorgehens gegen Einwanderer in Chicago, das im September begann. Seitdem hat es dem Ministerium zufolge mehr als 3000 Festnahmen gegeben. Seit seinem Amtsantritt im Januar hatte US-Präsident Trump immer wieder davon gesprochen, die Migrationspolitik der USA drastisch zu verschärfen, wesentlich stärker gegen Einwanderer ohne gültige Papiere vorzugehen und kriminelle Ausländer konsequent abzuschieben. Doch das Vorgehen der ICE-Agenten wird seit Monaten von vielen Seiten scharf kritisiert.

Unter den Festgenommenen befinden sich immer wieder auch Menschen ohne Vorstrafen und US-Staatsangehörige. Mehrfach kam es bereits zu Razzien vor Schulen, Altenheimen oder anderen öffentlichen Einrichtungen. In den Sozialen Netzwerken finden sich unzählige Videos, die dokumentieren, mit welcher Rücksichtslosigkeit die ICE-Beamten – oft bewaffnet, in Tarnfleck-Anzügen und mit aufgesetzten Sturmhauben – vorgehen.

In einem Video rammen sie ein Auto und drängen es zur Seite, um die Fahrerin dann aus der Tür zu zerren und zu verhaften. In anderen Videos ist zu sehen, wie Menschen auf offener Straße umringt und dann in Fahrzeuge geleitet und abtransportiert werden. Auch vor dem Einsatz von Tränengas schrecken die Beamten nicht zurück. Human Rights Watch berichtet davon, dass in einigen Fällen Autoscheiben eingeschlagen wurden, um Menschen aus ihrem Fahrzeug zu zerren. Manchmal kommt es sogar zu regelrechten Jagdszenen, wenn die Angehaltenen in Panik vor den Beamten fliehen.

Demonstration gegen die Einwanderungsbehörde ICE: Menschen halten Plakate mit Aufschriften wie "Ich kämpfe für die, die es nicht können", "Schande" oder "Keine Soldaten, bekämpft den Faschismus" in die Höhe. Demonstranten protestieren Ende September gegen das harte Vorgehen von ICE-Beamten in ChicagoBild: Chris Riha/ZUMA/picture alliance

Auch in den Haftanstalten der Einwanderungsbehörde soll es bereits zu zahlreichen Menschenrechtsverletzungen gekommen sein. Human Rights Watch dokumentierte mehrere Fälle, nach denen Beamte Inhaftierte unangemessen unter Druck gesetzt hätten, um einer „freiwilligen Ausreise“ zuzustimmen. Festgenommene seien für längere Zeit gefesselt und gezwungen worden, auf dem Fußboden zu schlafen; auch Essen und Wasser sei ihnen zeitweise verweigert worden. Zudem hätten ICE-Beamte das Kontaktieren eines Anwalts oder der eigenen Familie untersagt.

USA: Wie ein Abschiebe-Gefängnis eine Gemeinde spaltet

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Allein im Jahr 2025 sind einer Erhebung des US-Senders NPR zufolge mindestens 20 Menschen in ICE-Gewahrsam gestorben, so viele wie seit 20 Jahren nicht mehr. Und auch die Gesamtzahl der sich in Abschiebehaft befindlichen Menschen hat mit rund 60.000 einen neuen Höchststand erreicht.

Scharfe Kritik von vielen Seiten

Menschenrechtsorganisationen wie HRW oder Amnesty International berichten immer wieder von unrechtmäßigen Razzien und willkürlichen Verhaftungen seitens der US-amerikanischen Einwanderungsbehörde. „ICE ist außer Kontrolle geraten“, konstatiert die Kongressabgeordnete von Illinois, Delia Ramirez, in einer Pressemitteilung. „ICE agiert ungestraft und außerhalb des Gesetzes. ICE verletzt unsere Rechte mit Füßen. ICE terrorisiert unsere Gemeinden.“ Dies sei eine direkte Folge dessen, dass „Donald Trump, die Republikaner und die Führung des Heimatschutzministeriums ICE unbegrenztes Geld, die Freiheit vor jeglicher Kontrolle und einen Freifahrtschein in Sachen Transparenz und Rechenschaftspflicht“ geben würden.

USA: Einwanderungs-Razzien schüren Angst unter Landarbeitern

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Tatsächlich erlaubte es der Oberste Gerichtshof der Einwanderungsbehörde erst im September, Menschen allein aufgrund ihrer Hautfarbe, ethnischer Zugehörigkeit, Sprache oder der Art ihrer Arbeit festzuhalten und zu kontrollieren. Nicht erst seit dieser Entscheidung leben viele Einwanderer in der ständigen Angst, auch ins Visier der ICE-Beamten zu geraten.

Trump will noch härteres Vorgehen

Von derartiger Kritik will der US-Präsident selbst allerdings nichts hören. Am Sonntag erschien ein Interview mit dem Sender CBS, in dem Trump gefragt wurde, ob die Einsätze von ICE angesichts der zahlreichen Berichte in der Vergangenheit nicht zu weit gegangen seien. Trumps Antwort: „Ich denke, sie sind nicht weit genug gegangen.“ Einem Bericht des US-Investigationsportals The Intercept zufolge prüft die Einwanderungsbehörde derzeit, ob sie privaten Kopfgeldjägern „geldwerte Boni“ in Aussicht stellen soll dafür, dass diese im ganzen Land Einwanderer aufspüren und dem ICE melden.

Donald Trump lehnt sich an Bord der Air Force One aus einer TürWill noch härter gegen Migranten vorgehen: US-Präsident TrumpBild: Mark Schiefelbein/AP Photo/dpa/picture alliance

Schon im Sommer hatte der US-Präsident im Rahmen seines Haushaltsgesetzes („Big Beautiful Bill“) bis 2029 rund 170 Milliarden US-Dollar an zusätzlichen Mitteln für das Heimatschutzministerium und die Einwanderungsbehörde reserviert. Damit wird ICE in den kommenden Jahren zur bestfinanzierten Strafverfolgungsbehörde in der Geschichte der USA. Dies erklärte Aaron Reichlin-Melnick, Experte beim American Immigration Council, auf Bluesky: „Sie besitzt in den kommenden vier Jahren mehr Geld als FBI, Antidrogenbehörde, US-Marschalls und Gefängnisverwaltung zusammen.“