Der amerikanische Präsident ist zu Recht besorgt über die atomare Aufrüstung Chinas, Russlands und weiterer Staaten. Aber die Drohung mit eigenen Atomtests wirkt wie eine Kurzschlusshandlung.

Präsident Donald Trump will, dass die USA ihr Moratorium auf Atomtests beenden.Präsident Donald Trump will, dass die USA ihr Moratorium auf Atomtests beenden.

Andrew Harnik / Getty

Mit der Ankündigung von Atomwaffentests hat der amerikanische Präsident Trump weltweit Erstaunen und Besorgnis ausgelöst. Russlands Führung hat sofort reagiert und diese Woche ihrerseits über die Wiederaufnahme solcher Versuche beraten. Aber wie in den USA herrscht auch im Kreml Verwirrung darüber, was Trump gemeint haben könnte.

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Die Chance, nachträglich Klarheit zu schaffen, hat der amerikanische Präsident bisher verpasst: In einem Fernsehinterview vergrösserte er die Konfusion vielmehr, mit Falschbehauptungen wie jener, dass viele andere Länder ihre Atomwaffen testeten, nur die USA nicht. Eine mögliche Deutung lautet, dass Trump den Unterschied zwischen einer nuklearen Detonation und dem blossen Test von Trägersystemen wie Raketen nicht kennt. So wäre zu erklären, weshalb er in jedem Raketentest der Nordkoreaner oder Russen einen Atomwaffentest sieht.

Aber diese Erklärung greift zu kurz. Denn erstens testen auch die Amerikaner regelmässig ihre Trägersysteme, gerade kürzlich wieder mit dem Start einer unbewaffneten Minuteman-Interkontinentalrakete. Zweitens meint der Präsident offensichtlich nicht Trägersysteme, sondern atomare Explosionen, wenn er – ohne jeden Beweis – Russland und China vorwirft, unterirdische Tests durchzuführen, von denen man «nur einige Vibrationen» spüre. Sind die USA somit wild entschlossen, nach einem Unterbruch von mehr als dreissig Jahren unter der Wüste von Nevada wieder Atombomben explodieren zu lassen?

Eine inaktive Minuteman-III-Rakete auf der Luftwaffenbasis Minot im Staat North Dakota.Eine inaktive Minuteman-III-Rakete auf der Luftwaffenbasis Minot im Staat North Dakota.

Charlie Riedel / AP

Atomwaffen werden wichtiger, aber die Kosten sind riesig

Für den Moment ist Gelassenheit angezeigt. Zwar wirkt es hochgradig unseriös, wie Trump mit diesem Thema umgeht und faktenfrei über eine Waffengattung schwadroniert, von der noch immer das Potenzial einer weltzerstörenden Katastrophe ausgeht. Aber dieser Politiker kam nicht an die Macht, weil sich die Wähler eine wandelnde Enzyklopädie im Weissen Haus wünschten. Präzision im Ausdruck und Konsistenz im Handeln werden sicherlich bis zu seinem letzten Amtstag nicht zu seinen Markenzeichen zählen. Ein typischer Wesenszug ist hingegen, dass er eine Art politischer Seismograf ist, der verschiedenste Entwicklungen auffängt und mit entsprechenden Ausschlägen reagiert.

Das Grundrauschen, das der Präsident zweifellos korrekt wahrnimmt, ist die Tatsache, dass Atomwaffen wieder an Bedeutung gewonnen haben. Die Hoffnung, sie über vertragliche Regelungen zu begrenzen und als Machtmittel in den Hintergrund zu drängen, ist geplatzt. China baut seine Arsenale stark aus und weigert sich, über Obergrenzen zu verhandeln. Russland nutzt seine Atomwaffen erfolgreich als Drohmittel, um den Westen von einem vollen Einsatz zugunsten der Ukraine abzuhalten. «Schurkenstaaten» wie Nordkorea und Iran sehen in Atomwaffen ihre Lebensversicherung.

Gleichzeitig stehen die USA vor dem Dilemma, dass sie ihre aus dem Kalten Krieg stammenden Atomarsenale modernisieren müssen, aber vor den hohen Kosten erschaudern: 950 Milliarden Dollar sind für die nächsten zehn Jahre veranschlagt, ein Viertel mehr, als noch 2023 geschätzt. Am einen Ohr hat Trump Einflüsterer, die ihn zu Einsparungen drängen, am anderen Hardliner, die in Atomtests ein simples Mittel sehen, um Amerikas Nuklearmacht zu demonstrieren. Wieder andere Berater dürften dem Präsidenten die Theorie zugespielt haben, dass Russland und China sogenannte Ultra-Low-Yield-Experimente machen – Atomtests, bei denen die nukleare Kettenreaktion gleich nach Beginn gestoppt wird und die sich deshalb nicht nachweisen lassen.

Gefährlicher Dominoeffekt

Trumps Ankündigung ist eher Ausdruck von Ratlosigkeit in dieser komplexen Gemengelage als Zeichen einer neuen Strategie. Aus technischer Sicht sind Testexplosionen laut Experten nicht notwendig. Dank dem Wissen aus 1054 ober- und unterirdischen Atomtests im Kalten Krieg und mithilfe von Laborsimulationen sowie Versuchen ohne Auslösung einer nuklearen Kettenreaktion können die USA ihre Waffen problemlos instand halten.

Geht es jedoch um eine Machtdemonstration, würden die erwähnten Ultra-Low-Yield-Experimente nichts nützen; sie blieben der Öffentlichkeit verborgen. Eine Testexplosion dagegen wäre ein folgenschwerer Schritt: Russland und China würden nachziehen, als Reaktion auf China wahrscheinlich auch Indien und dessen Erzfeind Pakistan. Dieser Dominoeffekt ist nicht im amerikanischen Interesse, zumal die genannten Länder alle weniger Erfahrungen mit Atomtests haben und deshalb grösseren Nutzen aus der Erprobung ziehen würden.

Was also wird Trump tun? Es bleibt abzuwarten, aber mit einem baldigen Atomtest ist nicht zu rechnen. Die Anlagen auf dem nuklearen Versuchsgelände in Nevada sind teilweise verfallen, und nach 33 Jahren fehlt es an Know-how. Die zuständige Behörde lebt nach der Vorgabe, dass sie sich für die Vorbereitung eines Tests drei Jahre Zeit lassen kann. Das für die Atombomben verantwortliche Regierungsmitglied, der Energieminister Chris Wright, hat dem Präsidenten ohnehin indirekt widersprochen: Priorität hat für ihn die Modernisierung, Nuklearexplosionen dagegen hält er für unnötig. Es gehe darum, «all die anderen Teile einer Atomwaffe» zu testen.

Wright skizziert damit ein vernünftiges Vorgehen. Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass die USA genau diesen Weg beschreiten werden. Mit einer langfristig angelegten Atomstrategie werden die USA ihre geopolitischen Rivalen ohnehin mehr beeindrucken als mit Schnellschüssen aus dem Oval Office.