Der Besuch scheint schon erfolgreich, bevor er überhaupt stattgefunden hat: Am Montag wird der syrische Interimspräsident Ahmed al-Scharaa im Weißen Haus empfangen.
Bei dem Treffen, so die Erwartungen, würde al-Scharaa US-Präsident Donald Trump nicht zuletzt in einem Punkt um Hilfe bitten: den UN-Sicherheitsrat dazu zu bewegen, die gegen ihn verhängten UN-Sanktionen aufzuheben.
Das ist nun bereits geschehen: Am späten Donnerstag (06.11.25) billigte das mächtigste UN-Gremium fast einstimmig eine von den USA eingebrachte Resolution. Einzig China enthielt sich. Dem Beschluss zufolge werden al-Scharaa und sein Innenminister Anas Hasan Chattab von der Sanktionsliste für Personen und Gruppen mit Verbindungen zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS) und zum Terrornetzwerk Al-Kaida gestrichen. Zuvor waren sie mit einem Reiseverbot, dem Einfrieren ihrer Vermögenswerte und einem Waffenembargo belegt.
Kein Routinebesuch
Von Anfang an galt das Treffen als alles andere denn als Routinebesuch: Noch nie war ein syrischer Staatspräsident bei einem US-Präsidenten zu Gast. Zu angespannt waren die Beziehungen beider Staaten während der Assad-Herrschaft, als dass ein solcher Akt möglich gewesen wäre.
Bereits während seiner Reise nach Saudi-Arabien im Mai dieses Jahres hatte sich US-Präsident Donald Trump mit al-Scharaa getroffen. Die erneute Begegnung, zumal in Washington, deutet darauf hin, dass beide Präsidenten die Beziehungen ihrer Länder auf eine neue Grundlage stellen wollen.
Längerer Anlauf zur Aufhebung der Sanktionen
Bereits im Mai habe Trump angekündigt, die US-Sanktionen gegen Syrien aufzuheben, sagte die Sprecherin des Weißen Hauses, Karoline Leavitt, in einer Pressekonferenz. Der Schritt ziele darauf ab, dem Land eine „echte Chance auf Frieden“ zu geben. „Und ich denke, die Regierung hat unter ihrer neuen Führung in dieser Hinsicht gute Fortschritte erzielt“, so Leavitt weiter. Tatsächlich sind die US-Sanktionen gegen das Land inzwischen weitgehend aufgehoben.
Szene aus Ain Tarma, einem Außenbezirk von Damaskus, November 2025Bild: Louai Beshara/AFP
Nun sind also auch die UN-Sanktionen gegen Scharaa persönlich aufgehoben – auf Initiative der USA. Die hatten nämlich bereits zuvor einen Entwurf für eine Resolution des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen vorgelegt, um dies zu erreichen. Die Sanktionen galten seit 2014, als Al-Scharaa noch ranghöchster Kommandant der islamistischen Gruppe Hajat Tahrir al-Scham (HTS) war. Die Sanktionen gegen ihn und andere ehemalige HTS-Mitglieder umfassen unter anderem ein Reiseverbot und autorisieren dazu, Vermögenswerte der Betroffenen einzufrieren. Al-Scharaa selbst hatte bereits im September auf der UN-Vollversammlung für ein neues Verhältnis der Organisation zu Syrien geworben. Die europäische Union hatte ihre Sanktionen bereits im Frühjahr aufgehoben.
Trump: gemeinsame Front gegen „Islamischen Staat“
Auch die USA dürften mit dem Treffen konkrete Interessen verknüpfen. Donald Trump werde wohl versuchen, Syrien in die Koalition gegen den „Islamischen Staat“ (IS) und andere Dschihadistengruppen einzubinden, erwartet Bente Scheller, Syrien-Expertin der Heinrich-Böll-Stiftung. Im Rahmen ihrer Syrien-Mission halten die USA weiterhin Truppen im Nordosten des Landes präsent. Einem Report des online-Magazins Army Recognition zufolge waren im Dezember vergangenen Jahres noch rund 2000 Angehörige der US-Streitkräfte in Syrien stationiert. Ihre Zahl soll aber reduziert werden.
Langfristig sollen syrische Kräfte die Abwehr des IS gewährleisten. Zwar ist es noch nicht so weit, aber die Gespräche dürften sich auch um eine entsprechende Kooperation drehen, sagt Scheller.
Einladung auch nach Deutschland
Vor wenigen Tagen wurde Al-Scharaa vom deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz ebenfalls zu Gesprächen eingeladen. Dabei soll es vor allem um die Abschiebung syrischer Straftäter nach Syrien gehen. Eine entsprechende Debatte ist in Deutschland gerade dieser Tage wieder in Gang gekommen. Nach einer Reise nach Damaskus Anfang November hatte Außenminister Johann Wadephul öffentlich Zweifel daran geäußert, ob viele Syrerinnen und Syrer freiwillig in ihr Heimatland zurückkehren würden. „Hier können wirklich kaum Menschen richtig würdig leben“, hatte der Minister erklärt – und sich damit den Unmut zahlreicher Stimmen aus seiner konservativen Partei CDU zugezogen.
Ende der Willkommenskultur? Deutsche Bürgerinnen und Bürgen begrüßen syrische Geflüchtete am Starnberger Bahnhof, 2015 Bild: Florian Peljak/SZ Photo/picture alliance
Das Thema Rückführung sei heikel, sagt Bente Scheller. Deutschland habe in den vergangenen Jahren sehr viele Syrerinnen und Syrer aufgenommen und genieße in Syrien darum hohes Ansehen. „Das sollte man jetzt nicht aufs Spiel setzen, indem man sich vor allem auf die Rückführung konzentriert. Denn natürlich setzt man auch damit ein Zeichen – nämlich, dass man froh ist, die Geflüchteten wieder los zu sein.“ Viel eher müsse es darum gehen, Hilfe beim Wiederaufbau und bei der Stabilisierung des Landes zu leisten. „Denn davon hängt ganz wesentlich die politische Zukunft des Landes ab“, sagt Scheller.
Verhältnis zu Russland
Allerdings dürften auch andere Themen angesprochen werden, nimmt Bente Scheller an. „Den westeuropäischen Staaten dürfte es ganz wesentlich darum gehen, dass Russland künftig in Syrien keine Rolle mehr spielt. Auch soll das Land aus Perspektive der meisten Politiker keine Militärbasen mehr in Syrien haben.“
Wie Syrien auf dieses Anliegen eingeht, ist derzeit noch offen. Denn ungeachtet des russischen Angriffskrieges in der Ukraine ist die Regierung im Damaskus weiterhin auch mit dem Kreml im Gespräch. So hatten sich Al-Scharaa und der russische Präsident Wladimir Putin Mitte Oktober in Moskau getroffen. Wie die britische Zeitung The Guardian berichtet, hatte Putin dabei vor allem die beiden russischen Militärbasen in Syrien, den Marinestützpunkt Tartus und den Flughafen Hmeimim, im Blick. Derzeit ist die künftige Nutzung der beiden Standorte noch nicht endgültig geregelt.
Al-Scharaa gehe es vor allem darum, dass sich der gestürzte Ex-Präsident Baschar al-Assad wie auch andere nach Moskau geflohene Repräsentanten des Regimes in Syrien vor Gericht verantworten müssen, so der Guardian. Er könnte auch versuchen, Moskau als Partner gegen Israel zu gewinnen, das Syrien in den vergangenen Monaten wiederholt attackiert hatte.
Grundsätzlich lege die syrische Regierung hohen Wert darauf, mit möglichst vielen Staaten ins Gespräch zu kommen, sagt Scheller. „Das zeigt den Willen, möglichst unabhängig zu bleiben und sich nicht nur in die Arme eines einzigen Partners zu begeben.
Verliert Putin seine Militärbasen in Syrien?
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