Zum ersten Mal ist mit Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa ein syrisches Staatsoberhaupt im Weißen Haus empfangen worden. Der Besuch wurde schon vorab als „historisch“ bezeichnet. Noch vor einem Jahr galt al-Scharaa in den USA als gesuchter Terrorist – und Syrien steckte in den letzten Wochen eines blutigen Bürgerkriegs.

Aus der US-Regierung hieß es nun: Präsident Donald Trump wolle sein Versprechen halten und Syrien „eine Chance auf Größe“ geben. Die Regierung verlängerte demnach die Aussetzung bestimmter Sanktionen um ein halbes Jahr. Ganz aufgehoben wurden sie jedoch nicht, wie aus einem Dokument des Finanzministeriums hervorgeht. Die Lockerungen sollten Syriens Wiederaufbau und Stabilität fördern.

Eine Ankündigung al-Scharaas, dass sein Land sich an der US-geführten Koalition zum Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) beteiligen werde, wurde kurz nach dem Treffen offiziell bestätigt. „Das Abkommen ist politischer Natur und enthält bislang keine militärischen Komponenten“, erklärte Informationsminister Hamza al-Mustafa auf der Plattform X.

Außenminister Asaad al-Schaibani, der ebenfalls im Weißen Haus empfangen wurde, bezeichnete das Treffen als konstruktiv. Es sei monatelang vorbereitet worden.

Aus dem Außenministerium hieß es zudem, beide Seiten hätten sich auf die Umsetzung eines Fahrplans zur Zusammenarbeit verständigt. Ziel sei die Wiederherstellung diplomatischer Beziehungen auf Botschafterebene, die Wiedereröffnung gemeinsamer Institutionen sowie die Stärkung der politischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit.

Übergangpräsident schließt Annäherung an Israel vorerst aus

Direkte Gespräche zur Normalisierung der Beziehungen mit dem Nachbarland Israel hat al-Scharaa vorerst ausgeschlossen. Angesprochen auf den Wunsch von US-Präsident Donald Trump, dass auch Syrien den Abraham-Abkommen für eine Normalisierung der diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und mehreren arabischen Staaten beitreten sollte, wies al-Scharaa auf Israels andauernde Besetzung der Golanhöhen hin. Im Gespräch mit dem US-Fernsehsender Fox News sagte er weiter, die Bedingungen für Damaskus seien daher andere als für jene Staaten, die sich dem Abkommen bereits angeschlossen hätten.

„Syrien hat eine Grenze zu Israel, und Israel besetzt seit 1967 die Golanhöhen. Wir werden derzeit keine direkten Verhandlungen aufnehmen“, sagte al-Scharaa laut Übersetzung des Senders. „Vielleicht kann die US-Regierung unter Präsident Trump uns dabei helfen, eine solche Verhandlung zu erreichen.“

Vom Dschihadisten zum Präsidenten

Al-Scharaas Laufbahn scheint in Teilen wie aus dem Drehbuch einer dramatischen Fernsehserie: Einst kämpfte er als Dschihadist gegen US-Streitkräfte im Irak und saß über Jahre hinweg in ihrer Gefangenschaft. Heute wird er mit warmem Händedruck vom US-Präsidenten höchstpersönlich im Weißen Haus empfangen. Seit Anfang des Jahres steht er als Übergangspräsident an der Spitze Syriens. Als Kopf der Islamistengruppe Haiat Tahrir al-Scham (HTS) hatte er im Dezember 2024 mithilfe einer Rebellenallianz die jahrzehntelange Herrschaft der Assad-Familie beendet.

Seit seinem Amtsantritt jettet er um die Welt, um Syrien wieder an die internationale Gemeinschaft anzuschließen. Unter dem gestürzten Machthaber Baschar al-Assad war das Land zuletzt wegen des brutalen Bürgerkriegs international isoliert gewesen.

Von Terrorliste gestrichen

In den einflussreichen Golfstaaten warb al-Scharaa für internationale Investitionen in Syrien. Als erster syrischer Präsident seit fast 60 Jahren hielt er eine Rede bei der UN-Generaldebatte. Selbst in Moskau empfing ihn der russische Präsident Wladimir Putin, der Assad jahrelang militärisch im Kampf gegen die jetzigen Machthaber geholfen hatte. Und nun eben der Besuch im Weißen Haus. Zuvor hatten Trump und al-Scharaa sich bereits zwei Mal getroffen, einmal in Saudi-Arabien im Mai und einmal am Rande der UN-Generaldebatte.

Noch kurz vor al-Scharaas Besuch im Weißen Haus ließ Washington den Interimspräsidenten von einer Liste streichen, auf der die Regierung mit Sanktionen belegte Terroristen aufführt. Gleiches gilt für Syriens Innenminister Anas Hasan Chattab. Ein von den USA ausgesetztes Kopfgeld in Höhe von zehn Millionen US-Dollar auf al-Scharaa wurde bereits kurz nach dem Sturz Assads aufgehoben.

Weiterer Meilenstein in Washington

Al-Scharaas Trip nach Washington wird als weiterer Meilenstein in der Geschichte Syriens nach Assad gewertet. Beobachter sprechen von einem Wendepunkte für die Beziehungen zwischen Syrien und den USA. Den USA ist auch daran gelegen, den Einfluss des Irans in Syrien einzudämmen. Die islamische Republik und seine Milizen waren eine der wichtigsten Verbündeten Assads.

International wird das Vorgehen und die Ausrichtung der Übergangsregierung in Syrien genau beobachtet. Fachleute sehen einen Willen hin zu einem demokratischen Wandeln, blicken aber auch mit Kritik auf die ersten Monate der neuen Führung im Amt. Insbesondere der Schutz von Minderheiten im tief gespaltenen Syrien steht im Fokus.

Seit dem Sturz Assads kam es wiederholt zu Gewaltausbrüchen, bei denen zum Teil Hunderte Menschen getötet wurden. Dabei waren teils auch Sicherheitskräfte der Interimsregierung beteiligt.

Viele Teile Syriens sind nach dem fast 14-jährigen Bürgerkrieg mit internationaler Beteiligung noch immer verwüstet. Die Wirtschaft liegt am Boden. Nach UN-Angaben leben in Syrien noch immer schätzungsweise sieben Millionen Binnenvertriebene. Noch immer sind demnach rund 16 Millionen Menschen der rund 23 Millionen Einwohner in Syrien auf humanitäre Hilfe angewiesen.