Die drei Gründer der Rüstungsfirma Arx Robotics hatten als junge Männer keine Allergie gegen olivgrüne Kleidung. Sie gingen zum Bund, wurden Offiziere, litten unter der mangelhaften Ausstattung der Bundeswehr und schworen sich, etwas dagegen zu unternehmen. Sie wurden Unternehmer, gründeten ihr Rüstungs-Start-up, für das inzwischen rund 130 Frauen und Männer arbeiten, viele davon in Oberding, aber auch in Kiew oder in Großbritannien. Einer von ihnen ist Marc Wietfeld.
Gäste werden zunächst von seinem Hund begrüßt, einem ausgesprochen friedlichen, höflich Distanz wahrenden Tier, für das im Erdgeschoss und im ersten Stock Schalen mit Wasser bereitstehen. Dort finden sich in einem Konferenz- und Aufenthaltsraum größere Mengen Haribo als Motivationsstütze für um Innovationen kämpfende Mitarbeitende.
Die Geräusche startender und landender Flugzeuge sind durch die Mauern des Gebäudes zu hören. In einer Glasvitrine steht etwas versteckt, ganz unten, ein Plastikbehälter mit den Werkzeugen, die Wietfeld als Schlosser-Lehrling zu gebrauchen lernte. Mit seiner Brille, dem Dreitagebart und den nach oben gekämmten schwarzen Haaren wirkt der 35-jährige Arx-Robotics-Chef unscheinbar, jedenfalls solange er nicht beginnt, Einblicke in sein Leben und die Entwicklung der Firma zu gewähren. Dann kommt ein bodenständiger, selbstbewusster Unternehmer zum Vorschein, der Klartext spricht, ob über die Verteidigungsbranche oder den Umgang der Politik mit dem stark wachsenden Wirtschaftszweig.
Arx-Gründer Marc Wietfeld: „Wir haben keine Ruhe mehr“
Wietfeld glaubt nicht, dass die Welt wieder friedlicher wird: „Wir haben keine Ruhe mehr.“ Als junger Offizier habe er gelernt, Verteidigung bestehe darin, dem Angreifer die Lust am Angriff zu nehmen. Auch beobachtet der Unternehmer in Deutschland den Reflex, Rüstungsgüter zu beschaffen, die früher geholfen haben, wie etwa Panzer. Die wuchtigen Gefährte vergleicht er mit der Kavallerie. Dabei müssten sich Länder wie Deutschland erheblich mehr Drohnen anschaffen.

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Der Gründer und CEO von Arx Robotics, Marc Wietfeld.
Foto: Arx Robotics
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Der Gründer und CEO von Arx Robotics, Marc Wietfeld.
Foto: Arx Robotics
Deutschland braucht beides: Mehr Drohnen, um diese zu bekämpfen, als auch Geräte, mit denen Drohnen ausgemacht und entdeckt werden können. Von den kleinen, unbemannten und mit Sensoren ausgestatteten Kettenfahrzeugen von Arx Robotics können Drohnen geortet und abgeschossen werden. Sie lassen sich auch mit Bahren bestücken, um wie in der Ukraine verletzte Soldaten zu bergen und dadurch nicht mehr Menschenleben zu gefährden.
Wietfeld hat sich gezielt nach oben gearbeitet. „Ich habe einen Hauptschul-Abschluss gemacht“, sagt er stolz, wie andere berichten, in Oxford oder Harvard studiert zu haben. Der junge Handwerker wurde für neun Monate zur Bundeswehr eingezogen, blieb 23 Monate bei der Truppe in Sonthofen im Allgäu, weil „er die Kameradschaft und das Umfeld schätzen gelernt hat“. Wietfeld wurde mit der Weile klar, einen größeren Beitrag zur Verteidigung von Freiheit und Demokratie leisten zu wollen – und das weit vor dem Putin-Trump-Sorgen-Zeitalter.
„Mit Hauptschulabschluss und Schlosserlehre war eine Offizierslaufbahn nicht drin“, erinnert er sich. Der aufstrebende Mann ging raus aus der Bundeswehr und arbeitete für eine Elektronik-Firma im Leiterplatten-Bereich. Wietfeld lernte, wie ein Industriebetrieb funktioniert, bildete sich in der Abendschule bis zum Abitur zäh weiter, machte seinen Fach- und Betriebswirt und stieg bei einem Unternehmen bis in die Geschäftsführung auf. Aus der Wirtschaft ging es zurück zur Bundeswehr. Einer Offizierslaufbahn stand nichts mehr im Weg. Er blieb lange bei der Bundeswehr, „ohne je ein Gefecht erlebt zu haben“.
Oft in der Ukraine unterwegs
Als Unternehmer hat er längst intensiveren Umgang mit den Folgen des Krieges: „Ich habe aufgehört, zu zählen, wie oft ich in der Ukraine war.“ Wietfeld stellt das ruhig und ernst fest, alles andere als martialisch. Er wirkt so friedlich wie sein Hund, aber entschlossen, Technologie zu entwickeln, mit der freiheitliche Länder Aggressoren wie Russland abschrecken können. Interessant ist, wie der Soldat zum Unternehmer heranreifte, den Mut fasste, sich mit Freunden selbstständig zu machen. Die letzten Jahre seiner Bundeswehrzeit verbrachte Wietfeld im Forschungs- und Entwicklungsbereich der Truppe, gewann einen Ideen-Wettbewerb zur Digitalisierung und durfte seine Vorstellungen umsetzen. Für ihn war das ein Schlüsselerlebnis: „Zum ersten Mal nach vielen Jahren habe ich gelernt, dass diese Streitkräfte innovativ sein können, fähig, ja willig sind, sich zu verändern.“
Der Soldat und seine beiden Mitstreiter haben inzwischen eine Firma aufgebaut, die längst einem Start-up entwachsen ist. Sie schließen Partnerschaften mit Größen der deutschen Industrie wie dem Augsburger Panzergetriebebauer Renk, dem Motoren-Spezialisten Deutz und Daimler. Wietfeld will die „industriellen Muskeln“ solcher Unternehmen nutzen, also nicht selbst alles produzieren. Arx Robotics sieht er als „Fähigkeits-Entwickler“. So wollen die „New Kids on the Block“, wie er das Unternehmen nennt, nicht alleine zu einem Industrie-Riesen heranwachsen, sondern bestehende Größen stärken. Der Arx-Robotics-Chef hat Größeres vor: Er will nicht nur Freiheit und Demokratie schützen, sondern auch einen Beitrag zur „Reindustrialisierung“ Deutschlands leisten.
Das Unternehmen wächst und zieht in den Münchner Norden
So praktisch versteckt der kleine Standort in Oberding ist, so beengt sind dort die Verhältnisse für die Firma. Arx Robotics zieht um, irgendwo in den Münchner Norden. Nähere Angaben macht der sonst gesprächige Aufsteiger nicht. Dass die Wahl auf den Großraum München fällt und dort das Unternehmen auf mehr als 500 Beschäftigte wachsen kann, liegt auf der Hand. Wietfeld lächelt und sagt: „Software- und KI-Experten kriege ich nicht so leicht aufs Land.“ Fachkräfte fand Arx Robotics bislang ausreichend. Immer mehr junge Menschen wollen etwas für die Sicherheit ihres Vater- und Mutterlandes tun.
Der Begriff „Arx“ stammt übrigens aus dem Lateinischen und lässt sich mit „Burg“ oder „Festung“ übersetzen. Diesen Eindruck machte der Luftraum über dem Münchener Flughafen zuletzt nicht immer. Weshalb Arx seine Roboterfahrzeuge nicht nur an den Fronten in der Ukraine einsetzt, sondern auch in unmittelbarer Nachbarschaft. Am Franz-Josef-Strauß-Airport waren in den vergangenen Wochen immer wieder Drohnen gesichtet worden. Auch hier – denn Drohnen-Alarm ist inzwischen fast zu einer Standard-Meldung geworden. Kritische Infrastruktur in vielen europäischen Ländern ist davon betroffen. Zuletzt, vergangene Woche, wieder München. Zwar musste die Start- und Landebahn nur vergleichsweise kurz am Abend gesperrt werden, aber alle Verantwortlichen würden sich wünschen, dass es solche gefährlichen Vorfälle gar nicht gäbe.

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Einer der unbemannten Fahrzeuge von Arx Robotics.
Foto: Arx Robotics
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Einer der unbemannten Fahrzeuge von Arx Robotics.
Foto: Arx Robotics
Helfen konnte und kann dabei Arx. Das Unternehmen unterstützte am 4. Oktober die Sicherheitsbehörden als „einziger Industriepartner“, wie man stolz betont. Mehrmals waren Drohnen gesichtet worden, und Arx-Systeme halfen dabei, die unbekannten Flugobjekte zu identifizieren.
Auch wenn nicht erwiesen ist, dass Russland hinter diesen Provokationen steckt, klar ist, dass Russland die Nato-Staaten testet. Bei der Bundeswehrtagung in Berlin war am Freitag zu beobachten, wie Deutschlands Top-Militärs die Lage einschätzen. Verteidigungsminister Boris Pistorius gab dort zu Protokoll: „Es ist kein Alarmismus, wenn ich sage, unsere Art zu leben, ist in Gefahr.“ Und der Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer, sekundierte so: „Wir müssen wieder über Krieg nachdenken.“ Und: „Russland darf niemals annehmen, dass es einen Krieg mit der Nato gewinnen kann.“ Denn: „Wir sind in dieser dämmrigen Übergangszeit, in der noch nicht Krieg, aber auch nicht ganz Frieden ist.“
Wietfeld sieht das genauso. Er findet zwar, dass 2029 – also das Jahr, in dem Russland zu einem Großangriff auf die Nato bereit sein soll – ein „theoretisches Datum“ sei, aber dennoch ist er sicher: „Wir sind im Rückstand. Und es liegt an Europa, ob wir in die Opferrolle gehen, ob wir als lohnendes Ziel erscheinen, ob es Krieg geben wird.“ Die Mission von Arx ist deshalb: „Der europäische Soldat muss erhalten, was er braucht, um seinen Dienst zu erfüllen. Und danach wieder nach Hause zu kommen.“ Es klingt ein bisschen pathetisch, wie er das sagt, aber Wietfeld versichert, dass das auch die Einstellungspraxis beeinflusst. Sie wollen bei Arx schon wissen, ob jemand nur einen Job will oder sich dieser Mission verpflichtet.
Die Zeitenwende sieht er inzwischen auf einem guten Weg. Über das viel gescholtene Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr hört man von ihm kein schlechtes Wort. Im Gegenteil. „Die machen gerade einen unglaublichen Job, die mussten sich neu erfinden.“ Allerdings warnt Wietfeld vor dem, was er eine „Panzer-Blase“ nennt: „Der Krieg in der Ukraine zeigt, dass 80 Prozent des Effekts – also der Ausfälle und Zerstörungen – von unbemannten Systemen kommen. Niemand denkt den Panzer weg vom Gefechtsfeld, aber er muss im Verhältnis zu den unbemannten Systemen stehen.“
Was Wietfeld meint: Alles muss flexibler und schneller werden. FCAS, das milliardenschwere deutsch-französisch-spanische Kampfjet-Projekt, der Nachfolger des Eurofighters, ist für ihn ein „Mahnmal“. Ob etwas daraus wird, soll nach langen Jahren der Diskussion und des Streits nun bis zum Jahreswechsel endlich entschieden werden. Falls ja, soll das neue System 2040 einsatzbereit sein. 2040.
Während seiner Dienstzeit war Wietfeld in der Bundeswehr bei der Kampftruppe. Präsenz ist ihm wichtig, gerade in der Ukraine. Wo und wie oft er sich dort aufhält, sagt er nicht. Aber: „Wenn sich etwas auf dem Gefechtsfeld ändert, dann ist das innerhalb von Stunden bei uns. Wir passen quasi live an. In den traditionellen Systemhäusern dauert so etwas Jahre oder Jahrzehnte.“ Trotzdem ist er überzeugt, dass es für die unbemannte Panzerarmee der Zukunft die Produktionslinien der großen Rüstungsunternehmen braucht.
Mit Blick auf das große Ganze findet es der frühere Soldat jedenfalls erschreckend, dass ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg auf die Ukraine nicht als Weckruf gereicht hat. „Erst der öffentliche Streit von Trump und Selenskyj im Weißen Haus hat dazu geführt, dass Europa nicht noch einmal die Snooze-Taste gedrückt hat.“ Er ist überzeugt: „Wir müssen auf eigenen Beinen stehen, unabhängig davon, ob in der Ukraine Krieg oder Frieden herrscht.“
Und welche Bundeswehr brauchen wir?
Was das für die laufende Wehrdienst-Debatte bedeutet, bleibt für den früheren Zeitsoldaten ambivalent. Einerseits sagt er: „Ohne Wehrpflicht wäre ich nie zur Bundeswehr gegangen und es würde dieses Unternehmen nicht geben.“ Andererseits gibt er zu bedenken: „Wie viele gebraucht werden, hängt sehr stark davon ab, welche Armee wir eigentlich haben werden. Eine Kommandanten-Ausbildung für einen Panzer dauert drei Jahre. Die Ausbildung an unserem System für die ukrainischen Soldaten dauert drei Tage.“ Fest steht für ihn: „Man kann mit Drohnen kein Land gewinnen, halten und sichern. Es wird immer Soldaten brauchen.“
Was ihm Hoffnung macht, wenn er auf seine Mitarbeitenden schaut: „Die neue Generation versteht, dass es niemals zuvor ein Deutschland oder ein Europa gab, für das es sich so lohnt, zu kämpfen. Durch Arbeitskraft oder durch den Dienst.“

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Stefan Stahl
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