Für Verfechter der Meinungsfreiheit in den Vereinigten Staaten stellt ein Platz an der Spitze der Liste der umstrittensten Bücher fast schon einen Ritterschlag dar. Im vergangenen Jahr traf es „All Boys Aren’t Blue“, die Memoiren des Journalisten George M. Johnson. Der Vierzigjährige erinnerte sich in dem Buch an seine Kindheit und Jugend als queerer Afroamerikaner in New Jersey. Johnson beschrieb das Versteckspiel bis zum Coming-out, sexuellen Missbrauch und gesellschaftlichen Druck auf Minoritäten.
Dass er die jugendlichen Leser auch an seinen ersten sexuellen Erfahrungen mit Gleitmittel, Kondom und Penetration teilhaben lässt, stößt vor allem Konservativen auf. „Irgendwann spürte ich neben Schmerz auch Lust“, zitierte der republikanische Abgeordnete John Kennedy im Herbst 2023 bei einer Anhörung vor dem Senat aus Johnsons Erinnerungen, bevor er ein Verbot forderte. Auch „Gender Queer“, ein Comicroman der non-binären, asexuellen Maia Kobabe, provozierte den Einundsiebzigjährigen aus dem Südstaat Louisiana. Wegen Phantasien über Oralsex, Dildos und Strap-ons gehöre das Buch nicht in Schulbibliotheken und öffentliche Büchereien.
„Schwierige Themen“ wie Rassismus oder LGBTQ+
Die Liste der umstrittenen Titel wird von Tag zu Tag länger. Für das Schuljahr 2024/2025 zählte der Autorenverband PEN America fast 7000 sogenannte Book Bans in mehr als 20 Bundesstaaten, bei denen umstrittene Titel in Schulen und Bibliotheken aus den Regalen verschwanden oder ihre Ausleihe erschwert wurde. In den Jahren 2021 bis 2023 hatte die Gruppe insgesamt knapp 6000 Fälle registriert. „Dabei handelt es sich meist um Bücher für junge Erwachsene zu ,schwierigen Themen‘ wie Gewalt und Rassismus oder zu traditionell ausgegrenzten Gruppen wie People of Color und LGBTQ+“, fasste PEN America zusammen.
Für den seit einigen Monaten weiter verstärkten Trend zu Bücherverboten macht der mehr als 100 Jahre alte Verein auch die Regierung in Washington verantwortlich. Präsident Donald Trump hatte wenige Tage nach seinem Wiedereinzug in das Weiße Haus das Dekret „Zur Beendigung der radikalen Indoktrination von der Vorschule bis zur 12. Klasse“ unterzeichnet. Der Republikaner verfügte, den Einfluss von Lehrern und Schule zugunsten der Eltern zurückzuschrauben. Viele Bildungseinrichtungen, hieß es in der Executive Order, stilisierten Kinder jahrelang allein wegen ihrer Hautfarbe zu Unterdrückern oder Opfern. Immer wieder seien Heranwachsenden auch Zweifel an ihrer sexuellen Identität eingeredet worden. „Durch diese Praktiken wird kritisches Denken verhindert. Zudem fördern sie Spaltung, Verwirrung und Misstrauen“, schrieb Trump.
Neben Johnsons „All Boys Aren’t Blue“ finden sich auf der Liste der im Schuljahr 2024/2025 am häufigsten verbannten Titel auch „Vielleicht lieber morgen“, Stephen Chboskys Briefroman mit Themen wie Suizid, Homosexualität und Missbrauch, sowie Jodi Picoults „Neunzehn Minuten“, die Geschichte eines Siebzehnjährigen, der ein Schulmassaker verübt. Auch „Wicked – Die Hexen von Oz“, eine Vorlage für das gleichnamige Broadwaymusical und einen Hollywoodfilm, wurde laut PEN America aus mindestens 17 Bibliotheken entfernt. Themen wie Alkoholkonsum, sexuelle Gewalt und Prostitution wollten verschiedene Schulbezirke im konservativen Florida, unter ihnen Santa Rosa, Polk und Indian River, sowie in Texas und Utah den Schülern nicht zumuten.
Organisationen wie das Free Speech Center werten die Verbote als Verstoß gegen das durch den ersten Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung garantierte Recht auf Meinungsfreiheit. „Das Verbannen von Büchern stellt in den Vereinigten Staaten die am weitesten verbreitete Form von Zensur dar. Literatur für Kinder ist besonders oft betroffen“, teilt das Center mit, das konservative Gruppen wie Moms for Liberty für die Verbote verantwortlich macht. Die vor fast fünf Jahren in Florida gegründete Organisation um die früheren Schulrätinnen Tina Descovich und Tiffany Justice wehrt sich gegen Themen wie LGBTQ+-Rechte und Critical Race Theory in Lehrplänen. Immer wieder beantragen die Moms for Liberty, die enge Verbindungen zur Republikanischen Partei unterhalten, Bücher aus dem Programm einzelner Schulbibliotheken zu streichen. Auch „All Boys Aren’t Blue“, „Gender Queer“ und John Greens „Eine wie Alaska“, ein Roman über erste Liebe, Sex und einen möglichen Suizid, gehören dazu.
„Gut organisierte Bewegung“ will Bücher entfernen lassen
Wie die Amerikanische Gesellschaft für Bibliotheken (ALA) beobachtete, nimmt die Zahl von Gruppen wie Moms for Liberty, die gegen Bücher zu Felde ziehen, seit einigen Jahren zu. Laut ALA beschwerten sich bis zum Jahr 2020 meist einzelne Eltern über Literatur für ihre Kinder. Die Versuche der vergangenen Jahre, Werke zu Hautfarbe, Gender und Sexualität aus Schulbibliotheken und Büchereien zu entfernen, schreibt ALA dagegen einer „gut organisierten Bewegung“ zu. Im Jahr 2024 führte die Gesellschaft für Bibliotheken fast drei von vier der Versuche auf Interessenverbände, Verwaltung und Politiker zurück.
Die meisten Erfolge verbuchten dabei die sogenannten Pressure Groups in Florida, gefolgt von den ebenfalls konservativen Bundesstaaten Texas und Tennessee. Im Frühjahr 2022 erregte in Florida beispielsweise das „Don’t Say Gay“-Gesetz, offiziell Gesetz zu Elternrechten, große Aufregung. Die Regelung verbietet Debatten über sexuelle Orientierung in Klassenzimmern des Südstaats. Wie erwartet, veranlasste das Gesetz verschiedene Schulbezirke, Bücher mit LGBTQ+-Inhalten aus den Bibliotheken zu verbannen.
Illinois schlug derweil den entgegengesetzten Kurs ein. Anfang 2024 wurde der Prairie State im Mittleren Westen der erste amerikanische Bundesstaat, der Bücherverbote untersagte. Nach Vorbild der Amerikanischen Gesellschaft für Bibliotheken darf kein Werk aus Gründen von Parteizugehörigkeit oder Weltanschauung aus den Regalen entfernt werden. Bei Verstößen werden Schulen und Bibliotheken öffentliche Mittel gestrichen. „Die Vereinigten Staaten galten immer als Leuchtfeuer der Freiheit. Diese Freiheit bedeutet auch, dass man Ideen teilen darf“, sagte Alexi Giannoulias, demokratischer Innenminister von Illinois.
Ganz neu sind Bücherverbote in Amerika nicht. Auf die Versuche von Puritanern in Massachusetts, im 17. Jahrhundert kritische Texte zu ihrer Lebensart zu unterdrücken, folgte Ende des 19. Jahrhunderts das Comstock-Gesetz, welches das Verschicken von „anstößigem Material“ unter Strafe stellte. Einige Jahrzehnte später stießen auch Ernest Hemingways Kriegsgeschichten und F. Scott Fitzgeralds Schilderungen von Sex, Gewalt und außerehelichen Beziehungen in „Der große Gatsby“ vielen Sittenwächtern auf.
Als immer mehr Titel auf der Verbotsliste landeten, mahnte die Amerikanische Gesellschaft für Bibliotheken Ende der Dreißigerjahre öffentlich zu Zurückhaltung. Als Bücher wie Mark Twains „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“ und Maya Angelous „Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt“ zunehmend aus Bibliotheken verschwanden, rief die Bürgerrechtsorganisation Thomas Jefferson Center im Sommer 1990 den Notstand aus. Das Recht auf Meinungsfreiheit sei in Gefahr, wenn Klassiker nicht mehr gelesen werden dürften.
Stephen King nimmt es gelassen: „Genau das sollte man lesen“
Von 2001 bis 2020 registrierte die ALA jedes Jahr dennoch durchschnittlich etwa 270 Titel, zu denen Beschwerden eingingen oder die in einigen Bibliotheken verboten wurden. Zu den Geächteten zählen immer wieder auch Klassiker wie Anthony Burgess’ dystopisches Werk „Uhrwerk Orange“ und „Wer die Nachtigall stört“, Harper Lees Südstaatenroman aus dem Jahr 1960.
Auch der „König des Horrors“, Stephen King, findet sich regelmäßig auf der Liste der Verbannten. Wie PEN America jetzt meldete, nahm der Autor mit Titeln wie „Carrie“, „The Stand – Das letzte Gefecht“ sowie einigen Dutzend weiteren Werken im Schuljahr 2024/2025 den ersten Platz ein. Die Romane und Kurzgeschichten des Achtundsiebzigjährigen wurden mehr als 200 Mal aus dem Regal geräumt.
Nach jahrelangen Erfahrungen mit Listen und Zensur nimmt King es inzwischen gelassen. „Ich rate Kindern, keine Zeit damit zu verschwenden, Schilder zu schwenken oder Unterschriften für Petitionen zu sammeln“, sagte der Bestsellerautor. „Sie sollten stattdessen zu dem nächsten Buchladen oder der nächsten Nicht-Schulbibliothek gehen und sich die Bücher holen, die verboten sind. Das, was von Augen und Hirn ferngehalten werden soll, ist genau das, was man lesen sollte.“