
analyse
Was passiert, wenn sich Schwarz-Rot bei der Rente nicht einigt – und die Reform erstmal liegen bleibt? Ein Blick in die Mechanik der Rentenkasse zeigt: Deutschlands Rentner könnten erstmal sogar mehr Geld bekommen.
Die Ungeduld bei den Sozialdemokraten wächst. Hinter den Kulissen ist die Botschaft deutlich: Jens Spahn, der Fraktionschef der Union, müsse mal für Disziplin sorgen. Und dafür, dass die Stimmen für die Rentenreform zusammenkommen.
Noch aber sieht es nicht danach aus. Die 18 Abgeordneten der Jungen Gruppe in der Union wollen dem Gesetzentwurf nicht zustimmen, durch den beim Rentenniveau eine Untergrenze von 48 Prozent bis 2031 festgezurrt werden soll.
Kosten des demografischen Wandels teilen
Eine solche „Haltelinie“ hatte es in den vergangenen Jahren bereits gegeben, die Garantie ist aber in diesem Jahr ausgelaufen. Deswegen will die SPD sie verlängern. Sonst wird wieder nach der alten Methode gerechnet. Die sieht vor, dass Rentner und Arbeitnehmer sich die Kosten des demografischen Wandels teilen.
Wenn immer weniger Arbeitnehmer immer mehr Rentner finanzieren müssen, wird bei der jährlichen Rentenerhöhung gebremst. Wegen des sogenannten Nachhaltigkeitsfaktors fällt eine Erhöhung in diesem Fall niedriger aus.
Aber dieser Faktor wirkt eben in beide Richtungen: Bei guter Beschäftigungs- und Wirtschaftslage sind auch kräftigere Rentenerhöhungen möglich. Durchgesetzt wurde der Faktor 2005 von einer SPD-geführten Bundesregierung.
Bas will Nachhaltigkeitsfaktor außer Kraft setzen
Die heutige SPD-Sozialministerin aber möchte den Nachhaltigkeitsfaktor schnellstmöglich außer Kraft setzen: „Da werden wir Kurs halten“, kündigte Bärbel Bas diese Woche im Bundestag an. Sie pocht auf den Zeitplan: Im Januar 2026 sollen die Rentenreformen in Kraft treten können, führte sie aus. Die Haltelinie sei unentbehrlich, weil 50 Prozent der Menschen in Westdeutschland nur die gesetzliche Säule bei der Rente hätten, im Osten sogar 74 Prozent: „Deshalb sind dort Sicherheit und Stabilität wichtig.“
Ohne Haltelinie erstmal mehr Geld?
Sollte die Haltelinie verlängert werden, rechnet die Deutsche Rentenversicherung (DRV) für 2026 mit einer Rentenerhöhung von 3,73 Prozent. Ohne Haltelinie könnte es aber mehr sein – sogar 3,8 Prozent. „Das liegt am Nachhaltigkeitsfaktor, der die Rentenanpassung im nächsten Jahr zusätzlich erhöhen könnte“, so der aktuelle Vorsitzende der Rentenversicherung, Alexander Gunkel.
„Der Nachhaltigkeitsfaktor bleibt jedoch ausgeschaltet, wenn die Haltelinie verlängert wird“, erklärte Gunkel. Er betont, dass es sich um vorläufige Schätzungen handele und die Daten noch unsicher seien. Die tatsächliche Rentenanpassung werde erst im Frühjahr 2026 feststehen.
Zeitlich dringend scheint die Entscheidung nicht
Das Rentenniveau bliebe nach den Schätzungen der DRV auch ohne Haltelinie in den Jahren 2026 und 2027 bei 48 Prozent. Und 2028 könnte das Rentenniveau ohne Haltelinie sogar auf 48,2 Prozent steigen, während es mit Haltelinie im selben Jahr bei 48 Prozent festgezimmert bliebe.
Zeitlich dringend scheint eine politische Entscheidung über die Haltelinie also vorerst nicht. Denn diese wird sich erst 2029 und in den dann folgenden Jahren bemerkbar machen: Ohne die Untergrenze bei 48 Prozent würde das Rentenniveau schnell auf 46,8 Prozent im Jahr 2032 sinken, um in den folgenden Jahren stetig weiter zu fallen.
Bas will längerfristige Lösung
Die Haltelinie müsse deswegen so gebaut sein, argumentierte Sozialministerin Bas, dass sie auch nach 2031 noch wirke. „Würden wir das nicht tun, würde jetzt nur eine Generation davon profitieren“, so Bas. „Ich will aber, dass auch die folgenden Generationen von dieser Stabilität profitieren.“ Der Gesetzentwurf ist deswegen aktuell so angelegt, dass das Rentenniveau auch nach Ende der Haltelinie 2031 dauerhaft um etwa einen Prozentpunkt höher liegt, als das ohne Haltelinie der Fall wäre.
Die daraus entstehenden, dauerhaften jährlichen Milliardenkosten für den Staatshaushalt treffen nicht nur auf Widerstand bei der Jungen Gruppe der Unionsfraktion, sondern auch in der Wirtschaft. 32 Verbände forderten die schwarz-rote Koalition gestern auf: „Vertagen Sie die Entscheidung über das Rentenpaket 2025, bis die Rentenkommission ihre Vorschläge erarbeitet hat.“ Durch das Rentenpaket drohten „gigantische Schulden“, der Entwurf überdehne „die Tragfähigkeit des Systems endgültig“.
Ergebnisse aus Kommission könnten Mitte 2026 vorliegen
Die Rentenkommission ist im Koalitionsvertrag angekündigt. Dort heißt es, sie solle „eine neue Kenngröße für ein Gesamtversorgungsniveau über alle drei Rentensäulen prüfen“. Mit den Säulen sind hier die gesetzliche Rentenversicherung, Betriebsrente und private Altersvorsorge gemeint. Im politischen Berlin gehen viele davon aus, dass das Kabinett am 17. Dezember die Einsetzung der Kommission beschließt und diese am Jahresanfang ihre Arbeit aufnimmt. Mitte 2026 könnten dann Ergebnisse vorliegen.
Für Deutschlands Rentner zumindest dürfte es laut den Zahlen der Deutschen Rentenversicherung bis zum Frühjahr 2029 keinen Unterschied machen, ob die schwarz-rote Koalition sich die Zeit nimmt, weiter über die Haltelinie zu diskutieren.
Nikolaus Nützel, BR, tagesschau, 14.11.2025 08:17 Uhr
