Der Internationale Chopin-Wettbewerb in Warschau ist ein Medienereignis. Das war er schon immer, aber Live-Streams machen ihn zu dem Event für mitfiebernde Klavier-Aficionados schlechthin. Nur zur Einordnung: Fast 500 000 Mal wurde Vincent Ongs Final-Performance auf Youtube aufgerufen. Kein Wunder, dass auch das Prinzregententheater voll ist, wenn drei der Preisträger auf ihrer Tournee Station in München machen.

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Wie im Finale in Warschau spielt Vincent Ong Chopins Polonaise-Fantaisie. Der Fünftplatzierte findet dazu einen unsentimental agilen Zugang. Die einleitenden Arpeggien fächert er luftig auf, in seinem farbenreichen Piano, aber schon mit der drängenden Energie, die die Interpretation durchpulst. Nachdem sein E-Dur-Nocturne (op. 62,2) zwar eminent klangschön, aber dynamisch uneindeutig klang, überzeugt der malaysische Pianist hiermit völlig. Eine kontrastreiche Arabeske von Schumann schenkt er als Zugabe.

Zitong Wang konnte sich vor wenigen Wochen nicht nur über einen dritten Preis freuen. Für ihre Interpretation der zweiten Chopin-Sonate wurde ihr auch der Sonaten-Sonderpreis zuerkannt. Zurecht: edles Pathos im Kopfsatz; ein aus dunklem Piano entwickeltes Scherzo; ein organisch bewegter Trauermarsch, in dessen Mitte das Klavier einen bewegend schlichten Gesang anstimmt; das Finale eine vorbeihuschende Impression in gespenstischem Grau – ein neunzigsekündiger Albtraum. Dafür gibt es Bravo-Rufe, auf die die Pianistin mit drei funkelnden Chopin-Ecossaisen reagiert.

Kevin Chen war als Gewinner des Rubinstein-Wettbewerbs 2023 schon ein Name. Doch mit dem zweiten Platz in Warschau sichert er sich seinen Platz auf den Bühnen. Dort erlebt man ihn als einen Pianisten von vorbildlicher Ausgewogenheit und technischer Finesse. Seine Etüden op. 10 sind ein Ereignis. Mit umwerfender Musikalität macht der Kanadier sie zu Charakterstücken, etwa die schillernde Nummer 7 oder Nummer 10, in der er in den Oberstimmen von Rechter und Linker ein hinreißendes Duett gestaltet. Mit dem Grande valse brillante und dem A-Dur-Prélude verabschiedet er sich von einem beglückten Publikum.