Seit Monaten liegt die „Reform UK“-Partei von Nigel Farage in allen Umfragen eindeutig vorne. Wären morgen Parlamentswahlen, dürfte sie die meisten Stimmen erhalten. Farage selbst lässt an seinen Ambitionen keinen Zweifel. Auf einer Konferenz in London vor wenigen Wochen fragte er rhetorisch: „Sprechen Sie mit dem nächsten Premierminister? Ich denke ja.“
Doch der Höhenflug gerät ins Stocken. Die Partei kommt immer wieder aus den falschen Gründen in die Schlagzeilen. Aktuell steht Parteichef Farage selbst in der Kritik: Er soll während seiner Zeit als Schüler am Dulwich College, einer teuren Privatschule in Südlondon, mit heftigen rassistischen und antisemitischen Äußerungen aufgefallen sein.
„Er würde sich an mich heranpirschen und knurren: ‚Hitler hatte recht‘ oder ‚Vergast sie‘, manchmal noch ein langes Zischen hinzufügen, um das Geräusch der Gaskammern zu imitieren“, sagte Farages ehemaliger Mitschüler, der Regisseur und Filmproduzent Peter Ettedgui, dem „Guardian“. Mehr als ein Dutzend ehemalige Mitschüler bestätigten dem Bericht zufolge, solche und ähnliche Äußerungen Farages gehört zu haben. Der „Guardian“ weist in seiner Geschichte jedoch auch darauf hin, dass sich andere Mitschüler von damals anders an Farage erinnerten. Und das Blatt verweist darauf, dass niemand behaupte, dass Farage als erwachsener Mann noch immer dieselben Ansichten vertrete wie der Jugendliche, dem diese Ansichten zugeschrieben wurden.
Die Vorwürfe sind nicht neu. 2013 berichtete Channel 4 News, dass Lehrer am Dulwich College in den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren Bedenken über Farages „rassistische“ und „faschistische“ Ansichten als Schüler geäußert hätten. Nach dem damaligen Bericht räumte Farage ein, „einige lächerliche Dinge“ gesagt zu haben, aber „nicht unbedingt rassistische Dinge.“ Es komme darauf an, „wie man es definiert“.
Zu den nun erneut aufgekommenen Vorwürfen erklärte die Reform-Partei, die Anschuldigungen entbehrten „jeder Grundlage“. „Der Guardian hat keinerlei zeitgenössische Aufzeichnungen oder bestätigende Beweise vorgelegt, um diese umstrittenen Erinnerungen von vor fast 50 Jahren zu untermauern.“ Es sei „kein Zufall, dass diese Zeitung versucht, Reform UK zu diskreditieren – eine Partei, die in mehr als 150 aufeinanderfolgenden Meinungsumfragen geführt hat und deren Vorsitzenden die Buchmacher inzwischen als Favoriten für das Amt des nächsten Premierministers sehen“, hieß es weiter. Man erwarte „voll und ganz, dass diese zynischen Versuche, Reform zu verleumden und die Öffentlichkeit in die Irre zu führen, noch weiter zunehmen werden, je näher die nächste Wahl rückt.“
Doch auch andere Reform UK-Politiker machen mit bisweilen fragwürdigen Äußerungen von sich reden: So gab im Oktober die Reform UK-Abgeordnete Sarah Pochin während einer Anrufsendung auf dem Sender TalkTV einem Anrufer Recht, der sich über die „Demografie“ in der Werbung beschwert hatte. Pochin sagte, der Anrufer habe „absolut recht“. Es mache sie „wahnsinnig“, wenn sie Werbung sehe, die voller „schwarzer Menschen, voller asiatischer Menschen“ sei. Der „durchschnittliche weiße Mensch“ werde „nicht mehr repräsentiert“.
Farage erklärte, er finde Pochins Äußerung „falsch und unschön.“ Rassistisch sei sie nicht. Auch ein ehemaliger Reform UK-Politiker sorgt derzeit für gehörige Negativschlagzeilen: Der ehemalige Reform-Chef in Wales, Nathan Gill, der die Partei 2021 verlassen hat, gab kürzlich vor Gericht zu, als EU-Abgeordneter zwischen 2018 und 2019 Schmiergelder aus Russland entgegengenommen zu haben. Im Gegenzug hielt er pro-russische Reden im EU-Parlament und gab Russland-freundliche Statements ab. Das Urteil gegen ihn soll am Freitag fallen. Es dürfte auf eine Haftstrafe hinauslaufen.
In der Lokalpolitik wiederum sah sich „Reform“ kürzlich gezwungen, fünf Mitglieder auszuschließen, die in der Lokalverwaltung des „Kent County Council“ saßen. Ein geleaktes Video zeigte sie im heftigen Streit. Sie hätten die Partei „in Verruf gebracht“ und einen „Mangel an Integrität“ gezeigt, lautete danach die Begründung für den Ausschluss.
Das alles dürfte sich auf die Umfragewerte ausgewirkt haben: So hat Reform UK seit einem Umfragehoch im September, als die Partei bei 29 Prozent lag, zwei Prozentpunkte verloren. Bis zu den nächsten Parlamentswahlen, die für das Jahr 2029 geplant sind, ist es ein langer Weg.