Deutschlands Industrie steckt im Rückwärtsgang. Das vom Export getragene Wachstum hat seinen stärksten Treiber verloren. Zwar hält die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt mit rund 20 Prozent Industrieanteil am Bruttoinlandsprodukt noch eine Spitzenposition, doch schrumpft das verarbeitende Gewerbe stetig. Seit 2019 sank die industrielle Wertschöpfung real um etwa 60 Milliarden Euro, rund 250.000 Arbeitsplätze gingen verloren. Gleichzeitig ziehen Wettbewerber wie China in immer mehr Schlüsselbranchen vorbei.

Über die Ursachen herrscht im Prinzip Einigkeit: Energiekosten liegen weit über denen internationaler Konkurrenten, die Lohnstückkosten haben sich im internationalen Vergleich weiter erhöht, und die Steuerlast raubt vielen Unternehmen die Widerstandskraft. Hinzu kommen digitale Rückständigkeit, marode Infrastruktur und eine lähmende Bürokratie. Deutschland hat sich zu lange auf die Stärke vergangener Jahrzehnte verlassen. Doch wirtschaftliche Stärke ist kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis harter Arbeit, effizienter Strukturen und kluger Prioritäten.

Jetzt ist die Zeit, wieder zu zeigen, dass Deutschland es kann. Für den Wiederaufstieg braucht es Mut, Tempo und eine Agenda, die veraltete Strukturen modernisiert und überkommene Regeln abschafft. Nur ein mehrjähriges Fitnessprogramm bringt Wirtschaft und Gesellschaft zurück auf gesunde, wettbewerbsfähige Füße.

Arbeit: Alte Zöpfe abschneiden

Das zentrale Thema ist die Arbeit. Die hohen Lohnstückkosten bedrohen zunehmend auch die verbliebenen industriellen Kerne. Deutschland muss wieder mehr arbeiten – und weniger Anreize setzen, es nicht zu tun. Dazu gehört, dass Lohnfortzahlungen und Unterstützungsleistungen neu austariert werden, Wochenarbeitszeiten steigen können, Arbeitseinkommen weniger stark besteuert werden und bessere Kinderbetreuung mehr Familien die Vollzeittätigkeit ermöglicht.

Entscheidend bleibt die Flexibilität der Arbeit. Bisherige tarifliche Öffnungen weisen in die richtige Richtung, sind aber zu bürokratisch und stützen sich in schwierigen Phasen zu sehr auf den Staat. Viele Unternehmen reagieren wegen starrer rechtlicher Regelungen zu spät auf Marktveränderungen, was hohe Restrukturierungskosten verursacht und Investoren abschreckt. Dieses Zögern ist ein strukturelles Problem Europas: Wer Anpassungen hinauszögert, verliert Wettbewerbsfähigkeit und Kapital.

Energie: Versorgung, Wettbewerbsfähigkeit, grüne Transformation

Die hohen Energiekosten und drohende Engpässe lassen sich nur durch mehr Angebot bekämpfen. Deutschland und Europa importieren über zwei Drittel ihrer Primärenergie, überwiegend in fossiler Form. Ohne neue, langfristig gesicherte Kapazitäten scheitern sowohl die Versorgungssicherheit als auch die grüne Transformation. Subventionen können hier keine Dauerlösung sein. Entscheidend ist, dass Deutschland die kostengünstige Versorgung seiner Industrie mit einem geeigneten Maßnahmenbündel aus erneuerbaren Energien und zuverlässiger Spitzenlastabdeckung sichert.

Gleichzeitig müssen Partnerschaften und Abnahmeverträge mit sonnen- und windreichen Ländern in Afrika und im Mittleren Osten geschlossen werden, um langfristig stabile Energiequellen zu sichern. Nur so kann die Industrie auf planbare Kosten und Versorgung bauen – eine Grundvoraussetzung für Investitionen und Standortentscheidungen.

Steuern: Effizienter Staat schafft Spielräume

Wettbewerbsfähigkeit verlangt auch niedrigere Steuern auf Einkommen und Gewinne. Das erfordert eine Balance aus Wirtschaftswachstum und Effizienzsteigerung im öffentlichen Sektor, der zuletzt deutlich schneller wuchs als die Privatwirtschaft. Ein kleiner Lichtblick: Im IMD Global Competitiveness Report belegt Deutschland bei der staatlichen Effizienz wieder Platz 17 – eine Verbesserung, aber zu wenig für die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt. Ein eigenes Ressort kann der Digitalisierung der Verwaltung mehr Durchschlagskraft verschaffen.

Und: Nur wenn mehr Transferleistungen in Produktiveinkommen umgewandelt werden, kann der Staat schlanker und handlungsfähiger werden. Sicherheit, Infrastruktur und Energiewende bleiben gewaltige Aufgaben – sie verlangen einen Staat, der Prioritäten setzt und nicht weiter aufbläht, sondern fokussiert.

Deutschlands Industrie muss raus aus dem Rückwärtsgang.Arnd FranzCEO, Mahle

Technologie und Autonomie

Deutschland muss in Zukunftstechnologien wieder führend werden. Dazu gehört, Kräfte zu bündeln und die zersplitterte Förderlandschaft zu überwinden. Statt kleinteiliger Kirchturmpolitik braucht es Kompetenzcluster, die global mithalten können. Sonderwirtschaftszonen mit steuerlichen Vorteilen und gezielten Investitionsanreizen könnten dabei helfen, Innovation zu beschleunigen – insbesondere in Künstlicher Intelligenz, Luft- und Raumfahrt, Robotik und anderen Schlüsseltechnologien.

Zugleich muss Deutschland seine industrielle Autonomie stärken. Exportkontrollen, Zölle und gestörte Lieferketten haben seine Verwundbarkeit offengelegt. Unser Land sollte zwar am offenen Welthandel festhalten, aber strategische Kapazitäten in Grundstoffen, Halbzeugen, digitaler Infrastruktur, Wehrtechnik und Hochtechnologie sichern. Diese industrielle Substanz ist das Rückgrat europäischer Souveränität und Voraussetzung für wirtschaftliche Unabhängigkeit.

Made in Germany 2.0

Deutschland besitzt weiterhin außergewöhnliche Stärken: eine erstklassige Qualifikationsbasis aus Jahrzehnten dualer Ausbildung, eine führende akademisch-technische Landschaft, ein leistungsfähiges Partnernetzwerk, ein stabiles demokratisches System und weltweite wirtschaftliche wie politische Verbindungen. All das ist Kapital – aber kein Garant für die Zukunft.

Jetzt braucht es ein neues „Made in Germany 2.0“ – eine Wiederbelebung des industriellen Führungsanspruchs. Mit nachhaltigen, wettbewerbsfähigen Rahmenbedingungen, mit Leistungswillen und Innovationskraft, mit verlässlicher Energieversorgung und einem Staat, der Wachstum will und ökonomisch denkt. Deutschland kann wieder spitze sein – wenn es den Mut hat, sich selbst zu erneuern.

Bild: © Mahle

Das aktuelle Handelsblatt Journal


Dieser Artikel ist im aktuellen Handelsblatt Journal
„Die Zukunft der Industrie“ erschienen. Das vollständige Journal können Sie sich hier kostenlos herunterladen:


Zum Journal