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Präsident Macron mit Zwangsrekrutierten, vorne links François DochterPräsident Macron mit Zwangsrekrutierten wie François Dochter (v.l.). © Stefan Brändle

Nach Jahrzehnten des Schweigens erhalten die Zwangsrekrutierten aus Elsass-Moselle 2025 erstmals eine nationale Anerkennung.

Achtzig Jahre langen musste er schweigen, die schlimmsten Erinnerungen für sich behalten. Niemand mochte darüber sprechen, auch als der Krieg 1945 vorbei war. Als hätte François Dochter etwas Schändliches getan, als hätte er sein Vaterland verraten und mit dem Feind kollaboriert – den Nazis.

„Falsch“, sagt der heute 102-Jährige mit Nachdruck. Er sitzt im Rollstuhl am Fenster eines Pariser Hotelzimmers und erklärt, wie es wirklich war. Er ist nicht gewohnt, darüber zu sprechen, muss nach Worten suchen, aber dann kommt er mehr und mehr in Fahrt. Und immer wieder rollen die Tränen, wenn ihm mit den Worten ein tief verschollenes Ereignis frisch in den Sinn kommt. Es begann damit, sagt er, dass Hitler 1942 beschlossen habe, dass die französischen, von ihm annektierten Gebiete Elsass und Moselle Truppen für die Wehrmacht stellen müssten. Auch Dochter, der damals 18-jährige Schulabgänger, erhielt ein Aufgebot für den Reichsarbeitsdienst (RAD). Widerstand war zwecklos und wurde mit Sippenhaft bestraft: Geschwister und Eltern eines Deserteurs wurden von der Gestapo verhaftet und deportiert. In Ballersdorf westlich von Basel erschossen die Nazis 18 flüchtige Männer, die sich dennoch in die Schweiz absetzen wollten.

Es begann damit, sagt er, dass Hitler 1942 beschlossen habe, dass die französischen, von ihm annektierten Gebiete Elsass und Moselle Truppen für die Wehrmacht stellen müssten. Auch Dochter, der damals 18-jährige Schulabgänger, erhielt ein Aufgebot für den Reichsarbeitsdienst (RAD). Widerstand war zwecklos und wurde mit Sippenhaft bestraft: Geschwister und Eltern eines Deserteurs wurden von der Gestapo verhaftet und deportiert. In Ballersdorf westlich von Basel erschossen die Nazis 18 flüchtige Männer, die sich dennoch in die Schweiz absetzen wollten.

François Dochter wollte seine Familie nicht gefährden und rückte in Sélestat ein. Obwohl das streng verboten war, sangen die jungen Elsässer auf dem Weg die Marseillaise. Im RAD mussten sie aber zum deutschen Stechschritt exerzieren, zuerst mit einem Spaten anstelle des Gewehrs. Monate später ging es nach Osten an die Kriegsfront, vermutlich in Polen. François war in der 25. Panzerdivision und trug deren schwarze Uniform, weshalb er oft mit der Waffen-SS verwechselt wurde.

Aber der Elsässer stellt klar: „Ich habe nie jemanden getötet, ich zielte immer in die Luft.“ Jener Krieg war nicht sein Krieg, und die Russen waren auch nicht seine Feinde, sondern Alliierte Frankreichs im Kampf gegen den Nationalsozialismus.

Dochter schoss auch nicht, als er gegen Kriegsende in seinem Erdloch ausharrte und plötzlich zwei Russen sah. Er schaute sich um, wo die deutschen Soldaten seiner Einheit waren, aber die waren allesamt getürmt. „Mich, den Elsässer, hatten sie vergessen“, sagt Dochter. „Oder dagelassen.“ Er schaute, wohin die Russen gingen, und machte sich in die Gegenrichtung auf. Nach zwei Tagen stieß er auf einen US-Soldaten, der ihm sagte, der Krieg sei aus. Über Brüssel und Lille kehrte der Elsässer heil in seine Heimat zurück.

Seine spannende, unübliche Geschichte – sie interessierte aber niemanden. Kein behördliches Wort der Anerkennung, keine Medaille; nicht einmal die Familie wollte mehr wissen. „Niemand wollte auch nur darüber reden“, erinnert Dochter sich. „Viele Leute dachten, wir Zwangsrekrutierten seien in Wahrheit Freiwillige gewesen, Nazi-Kollaborateure.“

Kollabo, das ist in Frankreich ein Schimpfwort, schändliches Gegenstück zum glorreichen Prestige der Résistance. Aber es trifft auf die 145.000 Zwangsrekrutierten aus Elsass-Moselle nicht zu. „Es gab einige wenige Freiwillige, aber es waren kaum 2000“, schätzt der Amateurhistoriker Louis Spieser. „Und selbst unter denen waren nicht alle Nazis.“

Der pensionierte Lehrer sagt: „Das Elsass hat eine komplizierte Geschichte“. Von 1870 bis 1918 war die linksrheinische Region deutsch und die in dieser Zeit geborene Generation lernte in der Schule Deutsch und kämpfte im Ersten Weltkrieg auf der deutschen Seite.

Schicksal des ganzen Elsass

Bei seinen Nachforschungen hat er festgestellt, dass fast jede Elsässer Familie im Zweiten Weltkrieg einen „Malgré-Nous“ gestellt hatte. So werden die Zwangsrekrutierten in Frankreich genannt; „malgré nous“ bedeutet „gegen unseren Willen“. Den falschen Ruf von Kollabos erhielten sie unter anderem, weil einige Elsässer bei dem berühmten Nazi-Massaker im zentralfranzösischen Dorf Oradour-sur-Glane mitgemacht hatten.

Den falschen Ruf von Kollabos erhielten sie unter anderem, weil einige Elsässer bei dem berühmten Nazi-Massaker im zentralfranzösischen Dorf Oradour-sur-Glane mitgemacht hatten. Spieser entgegnet verärgert: „Darunter war ein einziger Freiwilliger aus dem Elsass! Schauen Sie dagegen, wie viele andere Franzosen in Nazi-Truppen kollaborierten: 7300 in der Division Charlemagne, die Teil der Waffen-SS war, und 6500 in der französischen Freiwilligenlegion!“

Louis Spieser entgegnet verärgert: „Darunter war ein einziger Freiwilliger aus dem Elsass! Schauen Sie dagegen, wie viele andere Franzosen in Nazi-Truppen kollaborierten: 7300 in der Division Charlemagne, die Teil der Waffen-SS war, und 6500 in der französischen Freiwilligenlegion!“.

Langsam reift in Frankreich die Einsicht, dass die Malgré-Nous keine Mittäter der Nazis waren, sondern Opfer. Von den 145.000 Zwangseinberufenen, darunter 15.000 Frauen, sind 40.000 umgekommen. Viele starben in Tambow, dem berüchtigten sowjetischen Kriegsgefangenenlager für Menschen aus dem Elsasser. Die letzten kehrten 1955 zurück.

Und auch sie wurden mit Schweigen empfangen. Eine Veteranenrente erhielten sie nie; Frankreich zahlt nur eine ohnehin fällige Invalidenhilfe, Deutschland überwies 1981 einen Einmalbetrag von gut 5000 Euro. Die französischen Historiker interessierten sich kaum für die Malgré-Nous. Bis zur offiziellen Anerkennung vergingen viele Jahre. Mitte November 2025 enthüllte Präsident Emmanuel Macron im Pariser Invalidendom endlich eine Gedenktafel zugunsten der Malgré-Nous, von denen heute nur noch 50 am Leben sein dürften.

Unweit von Napoleons Sarkophag ist nun in Stein gemeißelt, dass die Zwangsrekrutierten aus Elsass-Moselle Anspruch auf das nationale Gedenken haben. Sie seien keine Landesverräter, sondern geehrte Veteranen. Ein historischer Moment für das Elsass. Dochter posiert zusammen mit drei anderen Malgré-Nous stolz unter der Tafel. Macron legt ihm landesväterlich die Hand auf die Schulter. Ein einsamer Trommelwirbel erschallt, gefolgt vom Totenruf aus dem Signalhorn und der obligaten Schweigeminute für die Gefallenen.

Aber wohlgemerkt, es ist kein Verschweigen mehr, sondern ein stilles Gedenken. Nach einer kurzen, rituellen Zeremonie ohne Ansprache fragen die Pariser Journalist:innen die Überlebenden aus.

Dochter erzählt, wie er als Elsässer hundert Jahre lang gelebt und gelitten habe, wie es gewesen sei, unter Drohungen in der falschen Armee zu dienen – und wie er später alles für sich habe behalten müssen, in der Textilfabrik, wo er arbeitete, aber auch in der Familie.

„Für die Deutschen waren wir Franzosen, doch für die Franzosen waren wir Verräter“, bricht es aus ihm heraus und eine dicke Träne rollt über seine rechte Wange.

Neben ihm stehen seine Tochter, seine Enkeltochter, sein Urenkel. Vier Generationen aus dem Elsass. Der Junior, der 23-jährige Téophil, hatte das Eis vor knapp zehn Jahren gebrochen, als er seinen Urgroßvater einmal spontan fragte, wie es ihm im Krieg ergangen sei. „Da merkte ich, dass ich der Erste war, der das Thema ansprach, das so lange in der Brust meines Urgroßvaters eingeschlossen war“, erinnert sich Téophil.

Lokalpolitikerin Brigitte Klinkert will die Gunst der Stunde ausnützen: Sie regte in der Zeitung „Le Monde“ an, dass die Malgré-Nous auch Eingang in die französischen Schulbücher finden. Dort steht von ihnen bis heute kein Wort zu lesen. Höchste Zeit, dies 80 Jahre später zu ändern.