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Der französische Generalstabschef Fabien Mandon.Der französische Generalstabschef Fabien Mandon. © Ludovic Marin/AFP

Generalstabschef Mandon appelliert an die seelische Kraft der Bevölkerung und betont die Gefahr eines hybriden Krieges mit Russland.

Es sind starke Worte, die der französische Generalstabschef Fabien Mandon vor der Jahresversammlung der Bürgermeister geäußert hat. Der höchste Militär des Landes erklärte, die Französinnen und Franzosen müssten sich auf einen „Schock in drei, vier Jahren“ vorbereiten. Denn Russland plane für spätestens 2030 einen Angriff gegen ein Natoland.

Frankreich habe vieles, um Moskau davon abzuhalten, darunter Knowhow, Bevölkerungszahl und Wirtschaftsstärke, führte Mandon aus. „Was uns fehlt, ist die seelische Kraft, die uns akzeptieren lässt, dass es auch schmerzen kann, die Nation zu verteidigen. Wenn unser Land wankt, weil es nicht akzeptieren will, seine Kinder zu verlieren und wirtschaftlich zu leiden – dann gehen wir ein Risiko ein.“

Die vom Fernsehen live übertragene Rede des Luftwaffengenerals war noch nicht zu Ende, als die Schlagzeile vom „Verlust der Kinder“ durch die Medien ging. In die Verblüffung mischte sich teils Verständnis, aber auch Ärger über die „Sprüche“ vom Kriegstod französischer Kinder.

Sicher scheint: Der abgelesene Passus war kein Versprecher. Mandon suchte wohl bewusst eine Schockwirkung, um seine Landsleute mit dem Wort „Kinder“ aufzurütteln. Er stellte noch im gleichen Auftritt klar, dass er damit Soldaten meine, die üblicherweise 18 bis 27 Jahre alt seien. „Kinder der Nation“ – entnommen dem Beginn der Marseillaise: „Allons enfants de la patrie…“ – werden in Frankreich zum Teil auch die Weltkriegssoldaten genannt; ihre Namen sind auf langen Gefallenenlisten der Mahnmale französischer Dörfer und Städte inskribiert, überschrieben mit „mort pour la France“ – gestorben für Frankreich.

Mandon sagte selbst, er habe das Forum der Stadtoberen für seinen Weckruf gewählt, weil sie seine Botschaft in die Gemeinden würden hinaustragen können. Dazu gehöre, wie andere Generäle in TV-Diskussionsrunden ausführten, die unangenehme Einsicht, dass Russland nicht nur die Ukraine angegriffen hat und dort täglich Kriegsverbrechen begeht, sondern bereits einen hybriden Krieg gegen Europa führe. Das Bewusstsein dafür sei aber in der Bevölkerung nicht sehr verbreitet. Und er erklärte hintan: „Einen Krieg hoher Intensität zu erleiden, bedeutet, Verluste zu erleiden. Ein Land, das dies nicht versteht, ist ein schwaches Land.“

Heftige Reaktionen auf Mandons Wortmeldung kamen nicht ganz unerwartet von jenen Parteien, die für ihre Sympathien mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin bekannt sind oder zumindest waren. Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon verwahrte sich gegen einen „kriegerischen Diskurs, der von niemandem beschlossen“ worden sei. Andere Angehörige der Unbeugsamen (LFI) sprachen Mandon das Recht ab, solche „politischen Aussagen“ zu tätigen. Das rechte Rassemblement National (RN) ließ verlauten, der Generalstabschef habe „keine Legitimität, die Franzosen aufzuschrecken“.

Von Seiten der Regierung und der Partei von Präsident Emmanuel Macron kam dagegen erstmal Unterstützung – am Freitag dann legte Regierungssprecherin Maud Bregeon einen beeindruckend verpatzten Rückzieher hin, in dem sie versprach, „französische Kinder“ würden nicht „in der Ukraine kämpfen und sterben“; außerdem habe Frankreich eine Berufsarmee (als ob das keine Französinnen und Franzosen seien). Gleichwohl bestätigte sie, dass man derzeit Pläne für einen freiwilligen Wehrdienst wälze. Verteidigungsministerin Catherine Vautrin lobte derweil Mandon, dass er der Nation die Augen vor der Bedrohung durch Russland öffne. Macron, der als Staatschef die außenpolitische Linie Frankreichs festlegt, äußerte sich vorerst nicht. Im europäischen Rahmen hatte er sich stets für ein offensives Vorgehen – unter anderem mit der Entsendung von Bodentruppen – ausgesprochen. Auch erklärte er, die Abschreckung zur Kriegsverhinderung erfordere nicht nur eine atomare Force de Frappe, sondern auch die Entschlossenheit der Nation zur Verteidigung.

Wohl nicht zufällig lässt die Regierung seit dieser Woche auch einen „Überlebens-Ratgeber“ in den Briefkästen verteilen. Gedacht ist er für Umweltkatastrophen, Terroranschläge – und auch für Kriegszeiten.