
AUDIO: Data-Talk: Hannover 96 – Warum läuft es aktuell nicht rund? (3 Min)
Stand: 22.11.2025 09:22 Uhr
Hannover 96 ist heute bei Zweitliga-Spitzenreiter SC Paderborn zu Gast. Während die Ostwestfalen von Sieg zu Sieg eilen, bekommen die „Roten“ seit knapp drei Monaten keine Konstanz rein. Die Daten zeigen, woran das liegt – und dass es Parallelen zur Titz-Arbeit in Magdeburg gibt.
Im direkten Duell zwischen Paderborn und Hannover am heutigen Sonnabend (13 Uhr, im NDR Livecenter) gibt es eine Mannschaft, bei der Aufwand und Ertrag stimmen – und es gibt 96. Denn während der SCP aus den jüngsten acht Partien „alle Achte“ geholt hat, gelangen den „Roten“ gerade einmal zwei Siege (gegen Bielefeld sowie im Derby gegen früh dezimierte Braunschweiger).
Damit stehen die Ostwestfalen dort, wo 96 hin möchte: auf Platz eins. Und ganz nebenbei wandeln sie auf den Spuren des FC St. Pauli, der in der Zweitliga-Saison 2022/2023 zehn Siege am Stück feierte – und den Schwung mitnahm in die folgende Spielzeit, in der dann der Bundesliga-Aufstieg gelang.
„Die Offensivstruktur ist herausragend, die Ballbesitzphasen wirken kontrolliert.“
GSN-Analyse
Davon träumen sie auch an der Leine. Nach einem starken Start mit vier Siegen aus vier Partien sind die Niedersachsen seit Ende August durch den munteren Wechsel von Niederlagen, Unentschieden und Siegen allerdings auf Platz fünf abgerutscht und haben mittlerweile acht Zähler Rückstand auf Paderborn. Gemessen an den Ambitionen ein ergebnistechnisches Gruseln und Grausen.
Entsprechend bedeutend ist die Partie beim SCP am Sonnabend nach einem Drittel der Saison bereits tabellarisch. Die Gastgeber könnten das Team von Christian Titz mit einem Sieg auf elf Punkte distanzieren.

Ergebnisse, Tabellenstände und die Spieltage im Überblick.
Der Trainer, seit Sommer in Hannover im Amt, bleibt optimistisch und sagt: „Wir schaffen es, vergleichsweise viele Torchancen zu kreieren. Und wir haben den Glauben und die Geduld mit den Spielern, dass wir dauerhaft unsere Quote erhöhen.“
Eine Analyse, die sich mit den Daten des Global Soccer Networks (GSN) deckt. 96 belegt in vielen Offensivstatistiken im Ligavergleich Spitzenpositionen. Egal ob bei Schüssen, Passspiel, Strafraumpräsenz oder Pressing in der gegnerischen Hälfte, kaum jemand ist besser als die Niedersachsen. Oder anders formuliert: „Die Offensivstruktur ist herausragend, die Ballbesitzphasen wirken kontrolliert, und die Mannschaft erzeugt mehr Tiefe, Dynamik und Struktur als fast jedes andere Team der Liga.“
Hannover 96 mit Problemen in der eigenen Hälfte
Die Kehrseite bei aller Strukturiertheit und Schönheit (auch der Daten) des Titz’schen Ballbesitz-Fußballs: Speziell „sobald das Spiel nicht in der eigenen Hand liegt“, zeigt sich 96 der GSN-Analyse nach „verletzlich“. Bedeutet: Das Team hat in der eigenen Hälfte teils eklatante Probleme – beispielsweise darin, den Ball zu erobern, bei Standards sowie bei Luftzweikämpfen. Die Werte entsprechen in Teilen denen eines Abstiegskandidaten.
Die Experten fassen zusammen: „Sobald Hannover gezwungen ist, tief zu verteidigen, fehlt es an Kompaktheit, physischem Zugriff und klarer Boxverteidigung.“ Insbesondere wenn die Mannschaft „über längere Phasen ohne Ball agieren muss, treten die strukturellen Defizite offen zutage“. Das auch, weil es „an Automatismen in klassischen Abwehrsituationen“ mangelt.
Die „Roten“ haben eine „sterile Dominanz“
Erschwerend kommt hinzu: Über die vergangenen acht Begegnungen haben sich laut GSN „zentrale Leistungsparameter – offensiv wie defensiv – systematisch verschlechtert“. Konkret drückt sich das in fünf Bereichen aus: Verlust der Kompaktheit und Anstieg individueller Fehler; nachlassende Zweikampfstärke und reduzierte Verteidigungsintensität; Ballbesitzsteigerung ohne Durchschlagskraft („sterile Dominanz“); Aufbauschwäche und steigende Pressinganfälligkeit; physischer Einbruch nach der Halbzeit.
- Gefährliche Ballverluste im eigenen Drittel stiegen an: von 3,0 auf 5,5 pro Spiel (+83 %). Diese Ballverluste entstehen hauptsächlich, wenn Hannover im Aufbau unter Druck gerät – ein strukturelles Risiko des Titz-Fußballs.
- Auch verpasste Klärungsaktionen / verlorene Defensivaktionen im Strafraum nahmen von 1,75 auf 3,63 zu – ein Plus von mehr als 110 %.
- Gleichzeitig gingen die Klärungsaktionen von 7,25 auf 3,0 zurück, was auf weniger konsequente Strafraumverteidigung hindeutet.
- Besonders schwer wiegt der Einbruch in der Strafraumverteidigung:
- Gegentore aus der Box: von 0,5 auf 1,88 (+280 %)
- Gegentore durch das Zentrum: von 0,25 auf 1,13 (+350 %)
- Gewonnene Defensivzweikämpfe nahmen von 108 auf 88,13 ab (-18 %).
- Die gewonnenen defensiven Bodenzweikämpfe fielen von 46,5 auf 30,25 (-35 %).
- Die Gesamtzahl der defensiven Bodenzweikämpfe ging von 72,5 auf 53,38 zurück (-26 %).
- Die gegnerischen Abschlüsse stiegen leicht von 9,5 auf 10,63, was in Kombination mit der schlechteren Strafraumverteidigung besonders gravierend wirkt.
- Hannover hatte in den acht Spielen nach dem starken Auftakt noch mehr Ballbesitz: von 54,25 % auf 60 %. Dennoch sank die offensive Effektivität.
- Die Trefferquote sank von 14 auf 9 %, obwohl die Expected Goals (xG) anstiegen von 1,73 auf 2,29 (+32 %); es mehr Abschlüsse gab – von 13,25 auf 15,75 (+19 %); sowie mehr Schüsse aufs Tor abgegeben wurden – von 5,0 auf 5,88 (+18 %).
- Zudem verlor Hannover an Kreativität:
- Kreativpässe: von 0,75 auf 0,13 (-83 %)
- Kombinationsspiel im letzten Drittel: von 3,5 auf 2,25 (-36 %)
Die Gesamtzahl der Ballverluste im eigenen Drittel blieb zwar nahezu identisch (31,75 zu 31,38), aber die Zahl der gefährlichen Ballverluste stieg stark an – von 3,0 auf 5,5 (+83 %). Bedeutet: Die Gegner konnten häufiger in Zonen pressen, die sofortige Torchancen ermöglichen. Ein Kernproblem des Titz-Fußballs ist somit der riskante Aufbau im eigenen Drittel.
- Die Gesamtlaufdistanz sank von 107,118 Metern auf 101,530 Meter.
- Besonders kritisch ist die Schlussphase: Rückgang der Laufdistanz von 22.852 Metern auf 20.549 Meter (-10 %).
- Die Explosivaktionen gingen zurück: hohe Beschleunigungen (von 270 auf 253) sowie hohe Abbremsbewegungen (von 319 auf 288)
- Auch die Sprints in der Schlussphase brachen ein: von 44,5 auf 34,25 (-23 %)
- Dafür wurde die durchschnittliche Sprintdistanz länger von 9,49 Metern auf 11,54 Meter – „ein typisches Muster für ein Team, das weniger oft, aber in größeren Distanzen sprintet, weil die Struktur bricht“.
Zwar ist 96 insgesamt eine der sprintstärksten Mannschaften der Liga, gegen das variable Spiel und die Positionswechsel des Spitzenreiters dürfen sich die Titz-Schützlinge aber kein Nachlassen im zweiten Durchgang erlauben. Der Coach glaubt, dass über den Ausgang der Partie mitentscheiden werde, „wie wir defensiv stehen. Paderborn ist ein Gegner, der sehr viel aus der Positions-Rotation kommt.“ Es werde daher „nicht nur darauf ankommen, den Gegner gut aufzunehmen, sondern sich auch nicht zu stark aus der Position ziehen zu lassen“.
Viele Parallelen zu Magdeburg in der Vorsaison
Die bisherigen Muster der Saison der Niedersachsen zeichnen ein Bild, das sich dem des 1. FC Magdeburg aus der Vorsaison durchaus ähnelt. Beim FCM, wo Titz bis Sommer an der Seitenlinie stand, ließ der 54-Jährige einen hochattraktiven Fußball spielen, der in entscheidenden Phasen aber der größeren Effektivität anderer Mannschaften nicht Stand hielt.
Ist Hannover unter Titz ein FCM 2.0?
Negative Parallelen:
Die GSN-Analyse kommt zu folgendem Zwischenfazit: „Die Daten und die Entwicklungslinien zeigen, dass sich viele Stärken und Schwächen des Magdeburger Titz-Fußballs aktuell fast deckungsgleich in Hannover wiederfinden.“ 96 in der Spielzeit 2025/2026 wirke daher wie Magdeburg 2024/2025 – „nur mit höherem Anspruch und größerem Erwartungsdruck“.
Hannovers Umbruch „zu tiefgreifend und zu gleichzeitig“
Das Problem aus 96-Sicht könnte angesichts von 19 Neuzugängen sowie 20 Abgängen sein, dass es laut GSN „sehr deutliche Anzeichen“ dafür gibt, „dass der Umbruch bei Hannover 96 zu umfangreich, zu tiefgreifend und zu gleichzeitig war, um kurzfristig zu einer stabil funktionierenden Mannschaft zu führen“. Die Größe des „Eingriffs“ berge Gefahren, gerade in engen Spielen und entscheidenden Phasen – beispielsweise hinsichtlich der Automatismen, der Kommunikation und Führung sowie der für Stabilität notwendigen Achsenbildung.

Christian Titz muss in Hannover einen sehr großen Umbruch managen.
Das GSN-Resumée nach zwölf Spieltagen: „Die Probleme, die sich aktuell zeigen, sind weniger Ausdruck mangelnder Qualität oder fehlender taktischer Ideen, sondern vielmehr symptomatisch für eine Mannschaft, deren Fundament sich noch mitten im Aufbau befindet.“
SCP unter Neu-Coach Kettemann noch stärker
Auch der kommende Gegner Paderborn hat mit zwölf Neuzugängen und 17 Abgängen unter Neu-Coach Ralf Kettemann einen größeren Umbruch zu bewältigen. Allerdings ist der SCP schon einen Schritt weiter, was auch das Mehr an Stabilität und die konstanteren Ergebnisse erklärt: „Kettemann verändert nicht die Identität, sondern stärkt sie. Der Trainerwechsel ist eine Weiterentwicklung, kein Bruch.“
Das Team ist unverändert offensivstark, hat sich im Vergleich zu den Vorjahren aber defensiv deutlich stabilisiert – auch, weil eine Achsenbildung schnell gelungen ist.
Holt 96 den ersten Punkt in Paderborn?
Die Niedersachsen haben gegen eines der „komplettesten, flexibelsten und modernsten Teams der 2. Bundesliga“ also eine absolute Herkulesaufgabe vor der Brust, die aufgrund der Historie sogar noch ein wenig größer wirkt: Von den zwölf bisherigen Duellen konnte Hannover nur eines gewinnen. Und in Paderborn setzte es bislang in sechs Anläufen nur Niederlagen.
Nächster Anlauf am Sonnabend um 13 Uhr. Und dann wid sich ein weiteres Mal zeigen, „wie gut Hannover Spiele kontrolliert, wie selten es in tiefe Phasen gezwungen wird und wie stabil es mit Drucksituationen umgeht, die nicht zur eigenen Spielidee passen“.