Unter den polnischen Autoren, die in Deutschland leben und in deutscher Sprache schreiben, ist Artur Becker sicherlich einer der findigsten, fantasievollsten und virtuosesten Geschichtenerzähler. Schon die eigene Migrationsbiografie bietet Stoff in Hülle und Fülle. Becker wurde 1968 in dem masurischen Dorf Bartoszyce nahe der russischen Grenze geboren. Seine Großmutter mütterlicherseits lebte während des Krieges als polnische Zwangsarbeiterin bei Hannover, sein Vater entstammt einer Familie mit deutschen Wurzeln.

Während Solidarność und Kriegszustand in Polen herrschten, hütete Beckers Familie geschmuggelte Druckerschwärze und Samisdat-Schriften. Der Vater, der geheimdienstlichen Verhöre überdrüssig, verließ das Land und siedelte nach Verden über, eine niedersächsische Kleinstadt mit gleich zwei deutsch-polnischen Gesellschaften. Artur Becker reiste später nach. Weil er Geld für einen Reisepass brauchte, verkaufte er seine Habseligkeiten und warf die letzten drei Sakkos am Abend der Ausreise in einen Müllcontainer.

Artur Becker: „Von Barschen, Augustäpfeln und anderen Menschen“, 380 Seiten, 24 Euro, Edition Faust Foto: Edition Faust

So kam Artur Becker unter die Deutschen. Der Autor, der ein entdeckungsfreudiges, an Sprachbildern reiches Deutsch schreibt, brachte seine polnisch-deutsche Geschichte mit. Und machte flugs aus diesen „Routes“ und „Roots“ eigene Geschichten. Es sind zwischen Realismus und Surrealismus schillernde, groteske Erzählungen und Romane. Dazu kommen gelegentlich Gedichte. Und umso öfter prägnante Essays, die weitläufig durch philosophische und politische Diskurse pilgern und dafür werben, dass sich die europäischen Nachbarn umso besser kennen, je mehr sie sich ihre gegenseitigen Geschichten erzählen.

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Dafür liefert, nach einer Reihe von Romanen, der jüngste Band mit Geschichten ein Paradebeispiel. „Von Barschen, Augustäpfeln und anderen Menschen“ ist ein stattlicher Band mit 15 Geschichten. Einige sind kürzer, andere reichen in der Länge durchaus an die Novellen Kellers und Raabes heran, die Artur Becker in einer höchst einladenden Mischung aus zeithistorischem Zuschnitt und humoresker Überwölbung beerbt.

Die Erzählungen führen in Beckers polnische Heimat, zu der masurischen Seenplatte, in die dortigen Kleinstädte, Plattenbauten und Erholungsbungalows, aber auch nach Venedig, New York und natürlich nach Deutschland, dahin also, wo der „Kosmopole“ Becker zuhause ist. Es sind Reisen in die Zeit, zurück und nach vorne, Erinnerungstouren in die poststalinistische Eiszeit und in eine dystopische Zukunft.

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Etwa in der Erzählung von den „vergifteten Zeiten“. Da haust einer in einem winterlich abgeschiedenen Hotel, der für die dort gestrandeten Gäste norwegische Märchen übersetzt. Die Rede ist von einer gewaltigen „Invasion im Osten“, die Kälte dringt durch die Zeilen, und auf einmal steht neben der Erinnerung an die kommunistischen Zeiten, als der Strom abgeschaltet wurde, um Steinkohle zu sparen, eine negative Utopie, die erschreckend gegenwartsnah ist.

Die Erzählung vom „Diktator vom Gehlandsee“ ist die längste des Bandes. Sie spielt in einem insulären Erholungszentrum mit eigenen Gesetzen. Im Sommer wird es zum prekären Vergnügungsort, wo schöne, schaurige und schreckliche Ereignisse stattfinden. Ein Devisengeschäftemacher namens Albrecht Butcher entführt die schönste Näherin, stiftet Brände und renoviert Häuser: Tyrann, Protosozialist und Geschäftsmann in einer Person. Und ausgerechnet diesem Typus vergönnt es der Autor, eine Schlussrede zu halten. Darin wirbt der dunkle Held fürs radikale Ausleben der Freiheit, protestiert gegen die Dummheit des Volkes, gegen Macht und Manipulation.

Zur Person

Artur Becker, geboren 1968 als Artur Bekier im polnischen Bartoszyce in Ermland-Masuren, lebt seit 1985 in Deutschland, in Frankfurt am Main. Er studierte in Bremen Kulturgeschichte Osteuropas und Deutsche Literatur- und Sprachwissenschaft. „Writer in Residence“ in Krakau (1998), New York (2000), Olevano Romano bei Rom (2005), Venedig (2010), Santiago de Chile (2017) und Johannesburg (2018).

So jemand wie diesen Butcher gibt es in nahezu jeder Erzählung: Menschen, die sich nicht auf die Zunge beißen, wenn sie von gestürzten Diktatoren und gefallenen Göttern sprechen, Figuren mit hinkendem Herz und dem Wissen, wie einsam Kometen sind, wenn sie Schreckensbotschaften verbreiten. Meisterlich staffiert Artur Beckers Erzähltheater seine Schach- und Schauspieler, Märtyrer und Heiligen, Fabrikdirektoren und Parteifunktionäre, Werftarbeiter und Näherinnen aus.

Da ist zum Beispiel ein Altenpfleger, der mehrmals täglich die 94-jährige Bacia Irmgard besucht, Stück für Stück ihre ostpreußisch-polnische Lebensgeschichte erfährt und auf einmal von ihren Visionen angesteckt wird. Da ist der verschuldete und verschluderte Jazzmusiker, der auch seine Ehe vergeigt und am Ende einen Job als Nachtportier ergattert, der ihm Zeit lässt, nach unliebsamen Geheimnissen in den Koffern seiner Gäste zu schnüffeln.

Allerorten also ein herrlich groteskes Erzählen. Kaum ein Autor kann vom kleinen Glück im großen Weltunglück so schaurig-schöne und unglaublich wahrhaftige Geschichten erzählen wie Artur Becker.