Emmerich Kálmáns „Die Csárdásfürstin“ ist nicht nur wegen der genialen Musik des Großmeisters der silbernen Operettenära ein besonders Prunkstück des Genres. Die Nazis haben zwar den Komponisten ins Exil getrieben und für die Zeit ihrer Herrschaft seine Musik von den Bühnen verbannt. Aber sie war nicht tot zu kriegen und gehörte schnell wieder und immer noch zum Tafelsilber des gängigen Repertoires.
Der Rezeptionsgeschichte hat kein Geringerer als der Altmeister des Regietheaters, Peter Konwitschny, mehr als nur eine Fußnote hinzugefügt. So, wie er in seiner Inszenierung Ende 1999 an der Semperoper metaphorisch die Granaten aus dem ersten Weltkrieg einschlagen ließ (das Uraufführungsjahr 1915 bot die Vorlage!), schlug der Umgang mit den Protesten ein, die Konwitschnys interpretatorischen Hintersinn missverstehen wollten. Der damalige Intendant Christoph Albrecht ließ sich dazu hinreißen, nachträglich in die Inszenierung einzugreifen. Das kostete ihn zwar letztlich sein Amt, aber die juristische Auseinandersetzung, die folgte, führte zu der Klarstellung, dass eine interpretierende Inszenierung eine eigenständige künstlerische Leistung ist.
© Matthias Horn
Szenenbild aus „Die Csárdásfürstin“
Szenisch ausgebremst: Timing und Esprit
Auch Ben Baur versucht sich als Regisseur und Bühnenbildner an den Bühnen Halle daran. Allerdings bremst seine Ambition die für Operette unentbehrlichen Zutaten wie Timing und Esprit selbst immer wieder aus. Er verlegt das Stück für seine erste Operetteninszenierung aus dem Wien und Budapest vor dem Ersten Weltkrieg ins Hier (nach Halle) und (hoffentlich nicht so bald) Heute einer bedrängten Kultur. Es wird also eine Theater auf dem Theater-Geschichte, in der die Räumung des Hauses und eine Umwandlung der Immobilie in einen profitorientierten Eventtempel beschlossene Sache ist.
Der Fürst von und zu Lippert-Weylersheim wird zum XL-Baulöwen und Immobilien-Deal-Maker, der eben auch ein Theater kauft. Sein Sohn Edwin bleibt der Filius, der die Diva des vom Papa aufgekauften Theaters liebt, gegen seinen Willen kurzerhand mit Anastasia verlobt wird, die noch auf der Baustelle zum ausrangierten Intendanten Boni wechselt. Sylva Varescu wiederum kämpft (was sonst) für den Erhalt des Theaters, gibt sich auf dem Richtfest als reiche Investorin aus (wobei man von Liquiditätsproblemen vorher nichts hört), wird vom schnell besoffenen Betonfürsten so brüskiert (sprich begrapscht), dass der ihr am Ende das Theater sogar schenkt. Was sie gleich weiter an ein halbes Dutzend ihrer Kolleginnen weiterreicht (ein Schelm, wer sich da eins feixt).
© Matthias Horn
Szenenbild aus „Die Csárdásfürstin“
„MAKE OPERA GREAT AGAIN“
Das ist vor allem nach der Pause in eine gehörige Dosis von Betroffenheit und Theaterprosa und Baustellenslapstik verpackt. Natürlich sitzt auf dem Dixiklo jemand, wenn einer die Tür aufmacht; natürlich dreht man sich mit einem Rohr unterm Arm so um die eigene Achse, dass andere getroffen werden (müssten). Das wird tatsächlich witzig, wenn Matthias Brenner als Betonfürst zum besoffenen Parvenü mutiert und Sylva für ihre Baustellenshow mit der Würde des Besuchs der alten Dame, vor allem aber mit einem Hut wie dem von Melania auftaucht, mit dem sie sich ihren Donald von der Wange gehalten hat. Über das Werbeplakat „MAKE OPERA GREAT AGAIN“ neben der Oper Halle und einem goldschimmernden Hochhaus dahinter mag man gesondert nachdenken.
Zwischen Nachdenklichkeit und Slapstick
Nun hat der Abend natürlich – neben aller szenischen Ambition zwischen Nachdenklichkeit und Slapstick – die Musik auf seiner Seite. So lange genügend Musikfreunden zu den Hits wie „Die Mädis vom Chantant“, „Ganz ohne Weiber geht die Chose nicht“, „Machen wir’s den Schwalben nach“, „Jai Mamám, Bruderherz, ich kauf‘ mir die Welt“ oder dem „Tausend kleine Englein singen: Habt Euch lieb“ (nur) die dazugehörige Kálmán-Melodie einfällt, bleibt das auch so. Egal wie sexistisch man da den Unterton in Sachen Frauenbild finden mag und egal wieviel neuerdings tabuisierte Vokabeln da verbannt und durch einen Geige spielenden „Wilden Teufel“ ersetzt werden.
© Matthias Horn
Szenenbild aus „Die Csárdásfürstin“
Die passende Dosis Pusta- bzw. Ungarnklischee gehört dazu.
Musikalisch also haben die Staatskapelle Halle und der Chor des Hauses die besten Karten. Der (neue) 1. Kapellmeister Andreas Wolf gönnt den Musikern die Dosis Pusta- bzw. Ungarnklischee, die dem Zuhörer gehörig Spaß macht und eigentlich auch das Zeug hat, im Saal zu zünden. Die aber auch den Protagonisten gelegentlich Mühe bereitet, sich gegenüber dem Graben zu behaupten. Dass die Chose nicht ganz ohne Weiber geht, ist eine Operettenweisheit, gegen die sich nichts sagen lässt. Dass es für diese Nummer keinen Szenenapplaus gibt, wirkt allerdings etwas seltsam. Soviel Publikumsverführung sollte schon sein.
Das mag zum Teil daran liegen, dass Robert Sellier zwar wie immer mit seinem Charme in dem Fall (als Boni) punktet, aber mit seiner vokalen Durchschlagskraft ausgerechnet in der Abräumernummer an seine Grenze kommt. Selbst Anke Berndt, die sich mit darstellersicher und vokaler Verve die Sylva Varescu als Diva anverwandelt, oder auch Vanessa Waldhart als selbstbewusste Anastasia behalten da nicht immer die Oberhand.
© Matthias Horn
Szenenbild aus „Die Csárdásfürstin“
Wenig darstellerische Substanz
Daniel Szeilis Edwin setzt durchgängig auf die große vokale Geste; im zweiten Teil allerdings fast nur noch auf Lautstärke. Eva Löser kann sich als Selma mit einem eingefügten „The Show must go on“ profilieren. Und Gerd Vogel ist natürlich so versiert, dass er als (Inspizient) Feri weder sprechend noch singend untergeht. Der von Frank Flade einstudierte Chor hat naturgemäß kein Problem mit dem Durchkommen, sondern diesmal, dank der Choreografie von Rachele Pedrocchi (die auch fünf Showgirls im wahrsten Wortsinn Beine machte) und der Kostümfantasie von Uta Meenen jede Möglichkeit, auch sein darstellerisches Potenzial zu nutzen, Bein zu zeigen, die Hüfte zu schwingen oder sich selbst auf der Baustelle in Szene zu setzen.
Zur tollen Musik von Kálmán und üppigen Kostümen gibt’s durchaus Nachdenkliches. Manchmal freilich kommt es einem so vor, als ob der zu lauwarme Sekt in der Pause besser zur Inszenierung passte, als er sollte.
Bühnen Halle
Kálmán: Die Csárdásfürstin
Andreas Wolf (Leitung), Ben Baur (Regie & Bühne), Uta Meenen (Kostüme), Rachele Pedrocchi (Choreografie), Frank Flade (Chor), Toni Burghard Friedrich (Dramaturgie), Anke Berndt, Daniel Szeili, Robert Sellier, Vanessa Waldhart, Gerd Vogel, Maximilian Wölfer, Matthias Brenner, Eva Löser, Linda Rabisch, Victoria Meißner, Ricarda Oppenhorst, Lisa Ulbrich, Sarah Witter, Chor der Oper Halle, Staatskapelle Halle
Fr., 05. Dezember 2025 19:30 Uhr
Anke Berndt (Sylva Varescu), Daniel Szeili (Edwin), Robert Sellier (Graf Boni), Vanessa Waldhart (Comtesse Stasi), Andreas Wolf (Leitung), Ben Baur (Regie)
Mi., 31. Dezember 2025 18:00 Uhr
Anke Berndt (Sylva Varescu), Daniel Szeili (Edwin), Robert Sellier (Graf Boni), Vanessa Waldhart (Comtesse Stasi), Andreas Wolf (Leitung), Ben Baur (Regie)
Sa., 03. Januar 2026 19:30 Uhr
So., 11. Januar 2026 18:00 Uhr
Fr., 27. Februar 2026 19:30 Uhr