Xuzhou, rund 600 Kilometer nordwestlich von Shanghai gelegen, ist außerhalb Chinas kaum bekannt. Zwar gibt es in der Stadt eine sehr viel kleinere Version der weltberühmten Terrakotta-Armee zu sehen, doch Touristen besuchen lieber das Original in Xi’an. Ende August jedoch flog geradezu die halbe Welt in Xuzhou ein.
Abgesandte der Bergbauindustrie aus 30 Ländern bekamen nach ihrer Ankunft am Flughafen Pappschilder mit dem Ausruf „Oh Yeah“ in die Hand gedrückt und ließen sich neben dem Logo des Baumaschinenherstellers XCMG fotografieren, der sie anschließend in einer ganzen Armada von Reisebussen auf das gigantische Werksgelände fuhr. Dort bekamen sie 80 neue Bagger, Radlader und anderes Gefährt für den Einsatz in Minen vorgeführt, die ausnahmslos mit Strom statt mit Diesel angetrieben wurden – alles, damit in der Welt bald Klimaneutralität herrsche, wie XCMG als Motto ausgab.
Aus Australien waren Mark Kouwenhoven und Brian Hynes angereist, die in der größten Mine Solomon des Bergbaugiganten Fortescue – gelegen in der nordwestlichen Pilbara-Region – darüber wachen, dass beim Ausbuddeln von jährlich geschätzt 70 Millionen Tonnen Eisenerz alles glattgeht. Das wird anschließend in Waggons gekippt und auf der unternehmenseigenen Bahnlinie zum Hafen gefahren, von wo es fast vollständig nach China verschifft wird. Doch chinesische Baumaschinen hat Fortescue bisher nicht eingesetzt.
Wie lange sind die Bagger noch ausgelastet?
Die gigantischen Bagger und Radlader in der Solomon-Mine tragen fast allesamt das Logo des deutschen Liebherr-Konzerns und des amerikanischen Baumaschinenherstellers Caterpillar, die beide große Produktionsanlagen in den Vereinigten Staaten haben. Die Frage ist, wie lange diese noch ausgelastet sind. Er habe sich in Xuzhou angeschaut, ob vom Fuhrpark der Chinesen etwas in der australischen Wüste „zu gebrauchen“ war, berichtete Hynes im Kontrollzentrum der Mine.
Hynes’ Chef, Fortescue-Gründer Andrew Forrest, ist gerade in China. Obwohl die Verarbeitung des australischen Eisenerzes in den chinesischen Werken zu Stahl erheblich zur Erderwärmung beiträgt, lässt sich Forrest gerne als grüner Unternehmer darstellen. Bis zum Jahr 2030 sollen in seinen Minen die Diesel-Trucks durch 400 Radlader mit Batterien ersetzt sein, die mit grün erzeugtem Strom aufgeladen werden.
Gerade hat Forrest in Peking dazu mit XCMG einen riesigen Liefervertrag unterzeichnet. Die Chinesen sollen alles in allem die Hälfte der Gefährte liefern. Der Auftrag ist 400 Millionen amerikanische Dollar wert – es ist das größte Exportgeschäft, das je ein Hersteller mit Elektro-Baumaschinen gemacht hat.
Aufregung um Eisenerzkäufe
Das Ganze könnte allerdings erst der Anfang sein. In der Solomon-Mine zeigt Fortescue einen per Batterie betriebenen Liebherr-Bagger, an dessen Rückseite ein Stromkabel hängt – es ist eine gemeinsam entwickelte Innovation zwischen den Deutschen und ihrem australischen Kunden. Doch Minen-Leiter Mark Kouwenhoven lässt durchblicken, dass sein Arbeitgeber sein Gerät künftig vermehrt in China kaufen will, um die Beziehungen zum größten Kunden und der alles beherrschenden Kommunistischen Partei zu verbessern. Noch in diesem Dezember zieht der Australier nach Shanghai um. Um die chinesischen Zulieferer „bei Laune zu halten“, wie Kouwenhoven in aller Offenheit sagt.
Schließlich hat Australien gerade erfahren, wer in den Beziehungen zu China die Oberhand hat. Ende September sorgten Berichte für Aufregung, nachdem die Chinesen die Eisenerzkäufe vom größten australischen Bergbaukonzern BHP eingefroren hatte, um Preisnachlässe zu erzwingen. Ministerpräsident Anthony Albanese zeigte sich daraufhin „besorgt“. Mit einem Anteil von einem Fünftel an den Exporten ist Eisenerz Australiens wichtigster Schatz. Sein Verkauf trägt jährlich mehr als 100 Milliarden australische Dollar (87 Milliarden Euro) zur Wirtschaftsleistung des Landes bei.
Auch die Eisenerzexporte von Hancock – einem weiteren australischen Unternehmen der Branche – sollen in China zeitweise gestoppt worden sein. Man verfolge die Verhandlungen mit dem größten Kunden in Fernost „sehr genau“, sagt Simone Spencer aus dem Energieministerium des Bundesstaats Western Australia der F.A.Z. – schließlich sei man von den Steuern und Gebühren der Eisenerzgiganten in der Pilbara-Region abhängig. Die Finanzbeamten wachten „mit dem Eisenerzpreis im Kopf auf“ und gingen „mit dem Eisenerzpreis im Kopf zu Bett“, sagt sie, um die Wichtigkeit der Bodenschätze zu unterstreichen.
Erpressungsversuch oder Verhandlungstaktik?
China hat Australien reich gemacht, nun soll es andersherum gehen. In Down Under versuchen Regierung und Unternehmen, Pekings offensichtlichen Erpressungsversuch als normale Verhandlungstaktik herunterzuspielen. Wenn dem so ist, scheint diese aufzugehen. Berichten zufolge hat sich BHP mit dem staatlichen chinesischen Zentraleinkäufer China Mineral Resources Group darauf geeinigt, dass bereits im laufenden Quartal die Chinesen 30 Prozent ihrer Eisenerzkäufe den Australiern nicht wie bisher in amerikanischen Dollar bezahlen dürfen, sondern in Renminbi.
Das hat für China gleich drei Vorteile: Zum einen schiebt das Land den Australiern damit einen Teil des Wechselkursrisikos zu. Zum anderen hilft das Geschäft bei der von der Regierung in Peking seit Längerem herbeigesehnten Internationalisierung des Renminbi, die einfach nicht vorankommt. Vor zehn Jahren lag der Anteil der Währung am internationalen Zahlungsverkehr bei gerade mal rund 2,5 Prozent. Aktuell liegt er darunter.
Den dritten Vorteil, das Eisenerz mit Renminbi zu bezahlen, erläutert Mark Kouwenhoven im Pilbara vor einem Radlader von Caterpillar. Der Minenleiter und sein Vize Hynes betonen, dass sie mit „allen Zulieferern hervorragende Beziehungen“ hätten. Doch Kouwenhoven macht klar, wohin die Reise geht: Die Chinesen wollten, dass die Australier mit den Renminbi, die sie erhielten, künftig ihre Baumaschinen zu Rabatt in China kauften.
Im August dieses Jahres hat Fortescue in China einen in chinesischer Währung nominierten Kredit über 14 Milliarden Renminbi aufgenommen, umgerechnet 1,7 Milliarden Euro. Das sei wohl Teil des Versuchs gewesen, die Chinesen „zu besänftigen“, kommentierte die „Australian Financial Review“ – ein Eindruck, den Fortescue in Gesprächen mit Investoren ganz offiziell sogar bestätigt hat. Genau das habe BHP falsch gemacht, sagt Kouwenhoven. Für den Konkurrenten seien die Vereinigten Staaten und der restliche Westen viel wichtiger – etwa für die Abnahme von Kupfer, das Trump mit heftigen Importzöllen belegt hat.
Zudem soll BHP die jüngste Zusage der australischen Regierung mit Leben füllen, den Amerikanern künftig jene kritischen Rohstoffe zu liefern, mit denen China die Welt mehr und mehr erpresst. In South Australia liegen in der BHP-Mine Olympic Dam die weltweit zweitgrößten Reserven an Seltenen Erden – unersetzlich für viele Zukunftstechnologien wie die Chip-Industrie. Sich weitere Konflikte mit dem größten Kunden in Fernost auszumalen, ist da nicht schwer.