Waiblingen, Jesistraße. Von einem Hochhaus hängt ein Banner, über dem Bosch -Logo der Schriftzug „Wer braucht schon Kapitalisten?“. Auf der Straße begrüßen mehr als 1200 Protestierende die Parole und skandieren ihrerseits: „Stoppt die Jobkiller, Hartung ist der Bosch-Killer.“ Im Kern geht es ihnen um den Beschluss von Bosch-Chef Stefan Hartung, das Werk Waiblingen zu schließen – doch die Sorgen sind größer: In den Werkhallen der Autohersteller und ihrer Zulieferer ist die Angst endgültig angekommen, dass im Zuge des Strukturwandels Zehntausende von Menschen ihre Arbeitsplätze verlieren könnten.

Im Südwesten wird in diesen Tagen der Unmut lauter, die Nervosität größer – und die Wortwahl schärfer. Arbeiter der baden-württembergischen Autoindustrie und ihre Gewerkschaft IG Metall forcieren ihre Proteste gegen die Sparprogramme der Unternehmen. Nach einer Demo bei Bosch in Reutlingen und dem Aktionstag in Waiblingen wettert am Dienstag die baden-württembergische IG-Metall-Chefin Barbara Resch vor dem Werk von Bosch in Stuttgart-Feuerbach gegen die aus ihrer Sicht untätigen Politiker. In Brühl protestiert die Gewerkschaft am Mittwoch, in Feuerbach im Dezember.

„Wir erleben eine gefährliche Entwicklung: Unternehmen kürzen Investitionen, verlagern die Produktion und streichen Arbeitsplätze“, sagt Resch. „Steuern wir jetzt nicht gegen, verlieren wir industrielle Substanz und damit die Zukunftsfähigkeit unseres Landes.“ Die Ergebnisse der aktuellen Betriebsrätebefragung seien alarmierend. Mehr als 60 Prozent der Arbeitnehmervertreter sind überzeugt, dass die Investitionen nicht ausreichen, in fast der Hälfte der Unternehmen sei die Finanzierungslage angespannt, und 40 Prozent der Automobilunternehmen planten den Abbau von Stammarbeitskräften.

Erschreckend, dass sich alle um die Entscheidungen immer herumwinden“

Das Atmosphäre bei der Pressekonferenz ist so trostlos wie die Botschaften. Es regnet, ein kühler Wind wirbelt vor dem Werktor das letzte Laub auf. Neben Resch stehend, berichtet Bosch-Gesamtbetriebsratschef Frank Sell von den Verhandlungen, die er seit Monaten mit der Geschäftsführung des weltgrößten Zulieferers führt. 22.000 Jobs will Bosch in der Autosparte streichen. „Wir fordern den Ausschluss von betriebsbedingten Kündigungen. Die sagen aber, dass sie glauben, dass betriebsbedingte Kündigungen notwendig sein werden.“ Boris Schwürz, Gesamtbetriebsratschef von Mahle, fordert ein klares Signal von der Politik. „Es ist erschreckend, dass sich alle um die Entscheidungen immer herumwinden.“

Auch für Resch sind die Folgen der Strukturkrise für viele Unternehmen so einschneidend, dass die „Sozialpartner sie nicht allein bewältigen können, wir brauchen dazu die Unterstützung der Politik“, erläutert sie. Neben schneller Klarheit im Hinblick auf die Unsicherheit bei Verbrenner-Aus und CO2-Regeln seien vor allem ein Transformationsfonds für angeschlagene Zulieferer und Regeln zur lokalen Wertschöpfung nötig. „Was hier in Autos eingebaut wird, muss auch hier produziert werden“, sagt Resch. Weiter müsse eine nachhaltige Industriepolitik für eine sichere Rohstoffversorgung und belastbare Lieferketten sorgen. „Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache“, erklärt die Gewerkschafterin, und die Situation für die Mitarbeiter sei bedrückend. „Ein Teil hat große Angst vor der Zukunft, die sagen, ich habe ein Haus, Familie – wie soll es weitergehen?“, sagt Resch. „Der andere Teil ist nur sauer und fühlt sich von der Politik vernachlässigt.“

Ein Schlag in die Magengrube

In Waiblingen haben die Demonstranten ihren Protestzug vor der Fabrik in der Stuttgarter Straße begonnen. Das Werk für Verpackungen hat Bosch bereits 2020 an Syntegon verkauft. Die Beschäftigten, die an diesem Tag von Kollegen weiterer Standorte und auch von Mitarbeitern anderer Automobilunternehmen wie Mercedes, Mahle und ZF unterstützt werden, laufen durch Waiblingen zu dem Werk, das Bosch schließen will. Die Produktion für Steckverbinder aus Thermoplast und Silikonkautschuk für die globale Automobilindustrie soll Ende 2028 auslaufen, wie Bosch Ende September verkündet hat.

Am Werktor der Fabrik steht ein Mitarbeiter mit grauer Outdoorjacke, darauf das Bosch-Logo. „Das kam völlig überraschend und war ein Schlag in die Magengrube“, sagt er. „99 Prozent der Leute hier am Standort haben das nicht geahnt. Auch die Führungskräfte wussten nicht Bescheid.“ Er macht eine kurze Pause und blickt zu dem Kleinlaster, auf dem Helfer der IG Metall eine Bühne herrichten. „Die Existenzangst ist groß“, sagt er nachdenklich. „Man will frühzeitig informieren – und jetzt stehen wir da, und man lässt uns allein.“ Ein Kollege, wortkarg, mit Wollmütze, ein Kaugummi kauend. „Wie es aussieht? Schlecht! Woher sollen denn auf einmal 600 Arbeitsplätze kommen?“, fragt er grummelnd.

Nach Angaben von Bosch arbeiten in dem Werk zurzeit 560 Menschen. Der Umsatz habe sich innerhalb der vergangenen acht Jahre halbiert, die Produktionsmenge sei seit Langem rückläufig. „Die in Waiblingen hergestellten Stecker sind Standardprodukte, die die Autohersteller wie bei Amazon bestellen und dabei nur auf den Preis achten“, erläutert eine Sprecherin. Bosch beliefere seine Kunden mit diesen Produkten nun aus Werken in Thailand und China – auch die europäischen Kunden, wenn sie denn bei Bosch bestellen. Die Entscheidung, die Produktion im Werk auslaufen zu lassen, sei auch nicht kurzfristig getroffen worden, sondern das Ergebnis eines längerfristigen Prozesses.

„Waiblingen kampfbereit“ skandieren sie

In den Waiblingens Oberbürgermeister Sebastian Wolf nicht eingebunden war. „Ich habe auch erst am Tag der Verkündung von der Entscheidung erfahren, da war die erste Schicht schon informiert“, sagt der CDU-Politiker. „Aber das ist egal, die Nachricht ist sowieso schlecht.“ Ob er noch Hoffnung habe, dass das Werk doch gehalten werden könne? „Ein Bürgermeister muss immer hoffen – und das hier ist schon ein starkes Signal“, sagt er mit Blick auf die Menschenmenge, die immer wieder „Waiblingen kampfbereit“ skandiert.

Die Redner auf der Bühne nehmen die markigen Töne auf. „Wir lassen euch nicht im Stich, wir werden die Schließung verhindern und bis aufs Blut kämpfen“, sagt Frank Sell, der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats bei Bosch. „Wir wollen, dass die Politiker in Berlin und Brüssel endlich wach werden und bei ihren Entscheidungen unsere Arbeitsplätze an die erste Stelle stellen.“ Die Menge antwortet mit Trillerpfeifen und dem Schwenken der roten IG-Metall-Fahnen.

Seit Bosch die Entscheidung Ende September verkündet hat, verhandelt Stefano Mazzei, der an der Spitze des Betriebsrats am Standort Waiblingen steht, mit der Geschäftsführung. „Es geht darum, zu verhindern, dass die Gangster den best­organisiertesten Industriebetrieb im Rems-Murr-Kreis schließen“, ruft Mazzei ins Mikrofon. „Wenn uns das gelingt, werden andere Belegschaften unserem Beispiel folgen.“

Direkt im Anschluss an die Kundgebung ist Mazzei zu einer weiteren Verhandlung geladen. Die Gespräche laufen schleppend. Aus Arbeitnehmerkreisen ist zu hören, dass die Bosch-Chefs in der Zentrale des weltgrößten Autozulieferers zu keinerlei Kompromissen bereit sind.