26. November 2025

Kai Imhoff

erschwommene ukrainische Flagge zwischen den USA und Russland als Symbol für Diplomatie, Friedensgespräche und geopolitische Spannungen im Ukraine-Krieg

(Bild: Jacek Wojnarowski / Shutterstock.com)

Ein US-Entwurf basierte wohl auf Putins Wunschliste – bis Europa und Kiew in Genf neun Punkte streichen ließen und die Verhandlungen drehten.

Der von Washington vorgelegte Friedensplan für die Ukraine löst diplomatische Spannungen aus. Nach Informationen mehrerer Quellen, auf die sich Reuters beruft, fußt der ursprünglich 28 Punkte umfassende Vorschlag auf einem russischen Papier, das US-Regierungsvertretern im Oktober zugespielt wurde.

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Das informelle Schriftstück enthielt Moskauer Maximalforderungen, die Kiew bereits früher zurückgewiesen hatte – etwa die Preisgabe bedeutender Gebiete im Osten des Landes.

Nachdem diese Zusammenhänge öffentlich gemacht wurden, wurde scharfe Kritik laut. In den USA sprachen Parlamentarier von einer Auflistung russischer Wünsche. Auch in europäischen Hauptstädten wuchs das Misstrauen, ob die Trump-Regierung die Belange der Ukraine und Europas hinreichend im Blick hat.

Verhandlungen in Genf bringen Korrekturen

In der Folge intensiver Gespräche am Genfer See wurde das Papier deutlich umgeschrieben. Berichten zufolge fielen neun Punkte komplett weg. Eine hochrangige Delegation aus den USA verständigte sich mit Vertretern Europas und der Ukraine darauf, besonders einseitige Passagen zu entschärfen oder ganz zu tilgen.

Kiew signalisierte Zustimmung zum überarbeiteten Gerüst. Zugleich pochen die Ukraine und ihre europäischen Verbündeten darauf, dass die sensibelsten Themen – hauptsächlich Gebietsfragen – in einem persönlichen Austausch zwischen Präsident Wolodymyr Selenskyj und US-Präsident Donald Trump geklärt werden.

Europas Taktik: Öffentliches Lob, private Korrekturen

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Die führenden Politiker Europas verfolgten eine koordinierte Linie. Nach außen würdigten Premierminister Keir Starmer, Präsident Emmanuel Macron und Bundeskanzler Friedrich Merz den Entwurf als Diskussionsgrundlage. Intern jedoch drängten sie laut New York Times (NYT) darauf, Klauseln zu streichen, die fundamentale europäische Positionen verletzten.

Zu diesen Grundsätzen gehören: keine Duldung umfangreicher russischer Landnahmen, keine dauerhafte Blockade eines Nato-Beitritts der Ukraine, keine von Moskau vorgegebene Obergrenze für ukrainische Streitkräfte und keine generelle Ablehnung einer Stationierung europäischer Truppen in der Ukraine.

Ein Experte räumte laut NYT ein, Europa könne die USA in Sicherheitsfragen nicht ersetzen. Dennoch zeigt das Vorgehen, dass der Kontinent entschlossen ist, den Verhandlungsverlauf aktiv zu prägen und Resultate näher an ukrainische sowie europäische Interessen heranzuführen.

Für die Phase nach einer möglichen Einigung bereitet eine Gruppe europäischer Staaten die Entsendung von „Friedenstruppen“ vor. Diese „Koalition der Willigen“ soll zur Sicherung eines Abkommens beitragen.

Moskau macht Europa und Kiew verantwortlich

Russland reagierte verärgert auf die Überarbeitung. Außenminister Sergej Lawrow kündigte laut Financial Times (FT) an, die Situation werde sich „grundlegend wandeln“, falls zentrale Absprachen zwischen Putin und Trump aus dem Text verschwänden. Ein Kreml-Sprecher betonte, entscheidend sei allein „Trumps Projekt“.

Moskau beschuldigt Europa und die Ukraine, den ursprünglichen Entwurf verwässert zu haben. Russland besteht weiterhin darauf, dass Kiew Positionen im Donbass räumt – darunter die Oblast Donezk, die Moskau seit 2014 nicht vollständig beherrscht.

Beobachter zweifeln laut Bericht, dass Russland die modifizierte Fassung akzeptiert. Ein Analyst der Rand Corporation erwartet demnach, dass Moskau die Gespräche in die Länge zieht und seinen Vormarsch an der Front fortsetzt. Putins Strategie bestehe darin, Verhandlungstüren niemals ganz zu schließen.

Veröffentlichte Telefonate heizen Streit an

Die Verhandlungsatmosphäre wird durch durchgesickerte Gesprächsprotokolle belastet. Bloomberg hatte die vermeintliche Mitschrift eines Telefonats vom 14. Oktober zwischen Trumps Gesandtem Steve Witkoff und Putins außenpolitischem Berater Juri Uschakow veröffentlicht.

Darin berät Witkoff Moskau, wie der Kreml Trump einen Friedensplan schmackhaft machen könne. Das Gespräch deutet auf mögliche Gebietsabtretungen hin, etwa die Provinz Donezk oder einen Gebietstausch.

Russland, so berichtet Reuters, nannte die Veröffentlichung inakzeptabel und Teil hybrider Kriegsführung. Uschakow erklärte, die Unterhaltungen seien nicht für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen.

Der Chef eines russischen Staatsfonds bezeichnete einen weiteren Bericht als Erfindung. Wie Bloomberg an die Aufzeichnungen gelangte, bleibt unklar. Eine unabhängige Verifizierung der Transkripte liegt laut Reuters nicht vor.

Mehrgleisige Gespräche und ungeklärte Kernfragen

Der Friedensprozess verläuft auf mehreren Ebenen. Nach den Genfer Beratungen fanden in Abu Dhabi Treffen zwischen US- und russischen Delegationen statt. Auch eine ukrainische Abordnung war vor Ort, um mit dem amerikanischen Team zu sprechen. Witkoff soll demnächst nach Moskau reisen, um die Verhandlungen voranzutreiben.

Zentrale Streitpunkte bleiben offen. Die Ukraine lehnt Gebietsabtretungen kategorisch ab, während Russland auf Zugeständnissen im Donbass beharrt. Auch die Nato-Perspektive der Ukraine, die Stärke ihrer Streitkräfte und die Rolle europäischer Truppen sind weiterhin umstritten.

Berichten zufolge übten die USA Druck auf Kiew aus, indem sie andeuteten, militärische Unterstützung könne reduziert werden, falls die Ukraine den Plan ablehnt. Trump ließ seine ursprüngliche Frist für eine Einigung fallen, äußerte sich aber optimistisch über die bisherigen Fortschritte.