Meinung

Chaos in London –

Ein Frankenstein-Budget für die Geschichtsbücher

Publiziert: 26.11.2025, 16:29Rachel Reeves, britische Finanzministerin, vor 11 Downing Street in London mit roter Budgetbox, vor ihrer Haushaltsvorstellung am 26. November 2025.

Finanzministerin Rachel Reeves hat am Mittwoch zum zweiten Mal ihren Budgetplan präsentiert.

Bild: Chris J. Ratcliffe/Bloomberg

Was chaotisch anfängt, hört chaotisch auf. Ein versehentlich publiziertes Dokument der Haushaltsaufsicht OBR (Office for Budget Responsibility) gibt am Mittwoch den Startschuss zum lange erwarteten britischen Budget-Tag. Rund eine Stunde früher als erwartet, enthüllt das Dokument wichtige Eckpunkte aus Finanzministerin Rachel Reeves Haushaltsplänen. «Dieser Fehler ist sehr enttäuschend», sagte sie während ihrer Rede vor dem Unterhaus.

Seit Monaten ist die Öffentlichkeit des Königreichs mit geheimen Informationen aus Regierungskreisen versorgt worden. Im Wochentakt waren die grossen Zeitungen in der Lage, angebliche Details aus dem Budgetvorschlag zu publizieren. Langjährige Beobachter bezeichnen die Vorbereitungen auf dieses für die Wirtschaft und die finanzielle Verfassung zentrale jährliche Ereignis als die chaotischsten in der Geschichte.

Die nun vorgestellten Massnahmen, um den Haushalt ausgeglichener zu gestalten, sind ein Flickenteppich. Dominiert vom Versuch, möglichst viele verschiedene Interessen zu bedienen. Entgegen früherer Spekulationen bleiben die Einkommenssteuersätze unverändert. Das ist ein Versuch, das vor einem Jahr abgegebene Versprechen, die durchschnittliche Bevölkerung nicht noch mehr zu belasten, einzuhalten.

26 Mrd. einsammeln

Stattdessen bleiben die Schwellenwerte für die verschiedenen Einkommenssteuerklassen eingefroren, trotz Inflation. Erhält also jemand eine Lohnerhöhung und steigt eine Steuerklasse auf, erhöht sich die relative Steuerlast. Eine Entscheidung, die jährlich zusätzliche 8 Mrd. £ (8,5 Mrd. Fr.) in die Staatskasse spülen soll.

Die zweitgrösste Massnahme im Umfang von 4,7 Mrd. ist die Einschränkung von Steuererleichterungen bei Umwandlung von Gehalt in nicht monetäre Leistungen wie Altersvorsorge oder Kinderbetreuung. Weitere Einnahmen umfassen zusätzliche Abgaben auf Glücksspiele und teure Grundstücke. Investoren müssen eine höhere Dividendensteuer schlucken.

Bis 2030 kommen so insgesamt 26 Mrd. £ zusammen. Davon stammen eben doch rund 15 Mrd. aus einer höheren Besteuerung von Privatpersonen, was die Glaubwürdigkeit der Labour-Regierung zusätzlich infrage stellt. Der Anteil der Steuern am Bruttoinlandprodukt (BIP) steigt auf einen neuen Rekordwert von 37%, was allerdings immer noch zurückhaltender ist als die Eurozone mit 40%.

Gleichzeitig sind die staatlichen Dienste und die Infrastruktur in einem schlechten Zustand. Für das Wirtschaftswachstum ist es deshalb genauso wichtig, wie die zusätzlichen Einnahmen investiert werden. Den Hauptteil will Reeves in Sozialleistungen fliessen lassen. Das Kalkül dabei: Über den Konsum soll dieses Geld in den Wirtschaftskreislauf kommen.

«Der Haushalt trägt kaum dazu bei, das schleppende Wachstum, das geringe Vertrauen oder einen aufgeblähten öffentlichen Sektor, der durch ein verzerrendes Steuersystem finanziert wird, ernsthaft anzugehen», schreibt Kallum Pickering, Chefökonom der Investmentbank Peel Hunt, in einem Kommentar.

An dieser Stelle finden Sie einen ergänzenden externen Inhalt. Falls Sie damit einverstanden sind, dass Cookies von externen Anbietern gesetzt und dadurch personenbezogene Daten an externe Anbieter übermittelt werden, können Sie alle Cookies zulassen und externe Inhalte direkt anzeigen.

Cookies zulassenMehr Infos

Premierminister Keir Starmer hat Hilfe dringend nötig. Er ist im zweiten Jahr seiner Amtszeit zum unbeliebtesten Regierungschef geworden. Einer Umfrage von YouGov zufolge haben nur 21% der Briten eine positive Meinung von ihm. Im europäischen Vergleich schneidet nur Frankreichs Präsident Emmanuel Macron noch schlechter ab.

Farage unaufhaltsam

Einen freut das besonders: Nigel Farage. Der Kopf der Oppositionspartei Reform UK treibt mit seinem migrationskritischen Diskurs die etablierten Parteien seit Monaten vor sich her. Flüchtlinge, die in kleinen Booten über den Ärmelkanal kommen, sind zum Symbol für Labours Versagen geworden. Dabei vergessen die Leute offenbar, dass Farage der Motor hinter dem Austritt aus der Europäischen Union war. Es wird immer offensichtlicher, dass der Brexit dem Königreich wirtschaftlichen Schaden zufügt. Trotzdem würden sie ihn zum nächsten Premierminister wählen, wenn man den Umfragen glaubt.

Die Hoffnung ist, dass die fiskalpolitische Straffung durch eine geldpolitische Lockerung im nächsten Jahr ausgeglichen wird. Somit würde die Wirtschaftsentwicklung einigermassen stabil bleiben, schätzen Ökonomen. Ob die neuen Mittel – anders als im Vorjahr – inflationsschonend sind, muss sich erst noch weisen. Nur dann wird sich die Bank of England genügend wohlfühlen, um ihren Leitzins von aktuell 4% schrittweise zu senken.

Die Haushaltsaufsicht OBR geht in ihrer neusten Prognose von weniger Wachstum und Produktivität aus, weshalb Zinssenkungen eine willkommene Entlastung wären. Seit der Pandemie sind die öffentlichen Ausgaben stark gestiegen. Die Begehren für Gesundheit und Verteidigung nehmen zu, kein westliches Land bezahlt so hohe Zinsen auf seine Schulden.

Märkte vorerst beruhigt

In einer ersten Marktreaktion steigen die Renditen auf zehnjährige britische Staatsanleihen leicht im Hinblick auf die tieferen BIP-Wachstumsraten. Gleichzeitig gewinnt das Pfund gegenüber dem Dollar und dem Franken an Wert, ebenso der Leitindex FTSE 100. Mit einem finanzpolitischen Spielraum von neu 22 Mrd. können zukünftige Schocks besser absorbiert werden.

Die Zeit des Spekulierens, der Gerüchte und der Dementi hat ein Ende. Es wäre aber falsch zu erwarten, dass in Westminster nun Ruhe einkehrt. Trotz einer komfortablen Mehrheit im Parlament bleibt der Druck auf die Regierung hoch. Um das vorhandene Potenzial des Königreichs zu entfalten, braucht es jedenfalls mehr als Steuererhöhungen.

Ökonom Pickering spricht von einem Frankenstein-Budget voller bitterer politischer Kompromisse. Es möge zwar dazu beitragen, dass Reeves und Starmer noch eine Weile im Amt bleiben, doch es sei eine weitere verpasste Gelegenheit, die zahlreichen grossen Probleme der britischen Wirtschaft ernsthaft anzugehen.

Mehr zu Grossbritannien

An dieser Stelle finden Sie einen ergänzenden externen Inhalt. Falls Sie damit einverstanden sind, dass Cookies von externen Anbietern gesetzt und dadurch personenbezogene Daten an externe Anbieter übermittelt werden, können Sie alle Cookies zulassen und externe Inhalte direkt anzeigen.

Cookies zulassenMehr InfosNewsletter

FuW – Das Wochenende

Erhalten Sie am Wochenende handverlesene Leseempfehlungen der Redaktion. Jeden Sonntag in Ihrem Postfach.

Weitere Newsletter

EinloggenIvo Ruch berichtet als Korrespondent aus London. Daneben schreibt er regelmässig über Unternehmen aus den Sektoren Konsum und Retail sowie über Kapitalmarkttransaktionen.

2 Kommentare