Kiel. „6,51 Euro stehen mir pro Tag für Essen und Trinken zur Verfügung“, sagt Renate Krause. „Ein Besuch auf dem Kieler Weihnachtsmarkt ist da leider nicht drin.“ Die 72-Jährige lebt von einer kleinen Rente und Wohngeld. Für den Bezug von Grundsicherung ist ihre Rente fünf Euro zu hoch. In der Vorweihnachtszeit spüre sie besonders schmerzlich, wie sie durch ein Leben in Armut an den Rand der Gesellschaft gedrängt werde.
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Der Gang über den Weihnachtsmarkt, der Besuch eines Shopping-Centers, bereits ein Blick ins Fernsehprogramm: All dies hinterlässt in der Weihnachtszeit bei der Seniorin ein Gefühl von Traurigkeit. „Überall kommen Menschen zusammen, überall sieht man heile Familien, es wird gemeinsam gegessen und getrunken“, sagt Renate Krause. „Doch viele alte Menschen wie ich sind einsam.“
Betroffen seien vor allem Seniorinnen und Senioren, die auf finanzielle Unterstützung wie Grundsicherung, Bürgergeld oder Wohngeld angewiesen sind. „Wir fühlen uns von der Gesellschaft ausgeschlossen“, sagt die 72-Jährige. „Denn aus dem Haus zu gehen und Leute zu treffen, bedeutet auch, Geld auszugeben.“
Altersarmut: Viele fühlen sich von der Gesellschaft ausgeschlossen
Geld für Glühwein, Liebesapfel oder gebrannte Mandeln beim Weihnachtsmarktbesuch ist nicht übrig. Weihnachtsgeschenke für ihre sieben Enkel stellt Renate Krause in Handarbeit selbst her. „Täglich werden wir von aggressiver Werbung für Black Friday und Weihnachten bombardiert“, klagt sie. „Dabei denke ich an die armen alten Menschen, die sich diesen ganzen Luxus nicht leisten können und denen immer wieder diese miserable Situation vor Augen geführt wird.“
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Viele alte Menschen wie ich sind einsam.
Renate Krause
Seniorin
Renate Krause hat in ihrem Leben viele Herausforderungen gemeistert. Ihr beruflicher Werdegang begann als Buchhändlerin. Später wurde sie Inhaberin eines Geschäfts für Naturwaren. Später arbeitete sie an den Wochenenden als Schaustellerin auf historischen Märkten. Ein Augentumor zwang sie, ihre Arbeit aufzugeben und 2015 in Erwerbsminderungsrente zu wechseln. Seitdem engagiert sie sich politisch im Kampf gegen die Altersarmut.
Über 200 Bewerbungen für Gutscheine für Weihnachtsmarkt
Hierbei sitzt sie unter anderem im Vorstand des Vereins Groschendreher, einem Kieler Bündnis gegen Altersarmut. Auch in diesem Jahr hat der Verein mit der Howe-Fiedler-Stiftung und in Kooperation mit Kiel Marketing Weihnachtsmarkt-Gutscheine an Kieler Bürgerinnen und Bürger ab 60 Jahren mit geringen finanziellen Mitteln ausgegeben. „Durch Spenden konnten wir 200 Gutscheine zur Verfügung stellen, hatten allerdings weit über 200 Bewerbungen dafür“, berichtet Vorsitzender Benjamin Walczak.
Jeder Kiel-Gutschein hat einen Wert von zehn Euro und kann an vielen Ständen des Kieler Weihnachtsmarktes eingelöst werden. Auch eine Busfahrkarte für die Fahrt in die Innenstadt und zurück spendiert der Verein. „Wir wollen es den älteren Leuten ermöglichen, dass sie mal in die Stadt fahren und sich etwas gönnen“, sagt Walczak.
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Renate Krause weiß, wie wichtig die Aktion „Weihnachtsmarkt für alle“ für die von Altersarmut betroffenen Menschen in Kiel ist: „So haben sie vielleicht einmal die Möglichkeit, sich auf dem Weihnachtsmarkt mit jemandem zu verabreden, dort etwas zu trinken oder zu essen und zumindest einen Nachmittag oder Abend lang der Einsamkeit zu entkommen.“
Gut findet die 72-Jährige, dass in diesem Jahr zum ersten Mal die überall bekannten Kiel-Gutscheine verteilt wurden. „Damit wird man zumindest nicht sofort als bedürftig abgestempelt“, sagt Renate Krause. „Keiner von uns bezahlt gerne mit einem Gutschein und erträgt dabei die Blicke, die uns wortlos das Gefühl geben, Schmarotzer zu sein.“
Spendenkonto für den Verein Groschendreher – Kieler Bündnis gegen Altersarmut: IBAN: DE09 2105 0170 1003 6104 98, Verwendungszweck: Weihnachtsaktion. Oder via Spendenplattform Betterplace: https://t1p.de/weihnachtenfueralle
KN