Figuren, die ihre Glieder bewegten, Tränen weinten oder Blut schwitzten: Die Künstler des Mittelalters beherrschten viele Tricks, um die Gläubigen mit einem möglichst realistischen Bibel-Reenactment in Staunen zu versetzen.
Am Freitag vor Ostern wurde den Kirchgängern im Örtchen Nauders in Tirol stets ein ergreifendes Schauspiel geboten. Beim Verlesen der Bibelstelle, die vom Tod Jesu handelt, sank der Kopf des großen Holzkruzifixes nach vorn, sein Unterkiefer klappte nach unten, die Zunge rutschte heraus und die Augenlider schlossen sich. Hier war allerdings kein Wunder am Werk, vielmehr hatten die Messdiener im richtigen Moment die vier Seilzüge bedient, die an der Rückseite des Kreuzes angebracht waren und in den von hinten ausgehöhlten Kopf der Figur führten.
Derzeit wird diese Skulptur mitsamt der dazu gehörenden Apparatur in einer sehenswerten Ausstellung des Aachener Suermondt-Ludwig-Museums gezeigt. Titel der Schau: „Praymobil – mittelalterliche Kunst in Bewegung“. Die Ausstellungsmacher haben dafür überwiegend aus Holz gefertigte Objekte zusammengetragen, die einst dazu dienten, die biblischen Berichte von Jesu Geburt, Leben und Sterben anschaulich zu machen.
Gewiss, demselben Zweck dienten auch Gemälde und die üblichen Figuren aus Holz oder Stein. Doch weil man es gern ein bisschen realistischer hatte, bemühten sich Bildhauer immer wieder darum, ihre Werke in Bewegung zu versetzen. Das Dargestellte sollte zum Leben erweckt, der Betrachter ins Geschehen hineingezogen werden. Heute verfolgen immersive Ausstellungen und VR-Brillen ein ähnliches Ziel, Gemälde von van Gogh oder Monet werden in bewegte 3D-Simulationen verwandelt.
Im Mittelalter hingegen, wo Kunst fast immer religiös war, entstanden Kruzifixe, aus deren Wunden rote Flüssigkeit tropfte, Madonnen, deren Augen Tränen weinten, Engel, die Glöckchen läuten konnten. All das ist nun zu bestaunen in der „weltweit ersten Schau, die sich der Verwendung mittelalterlicher Skulptur in Ritual, Brauch und Spiel widmet“, wie die Ankündigung verspricht. Einige der 80 gezeigten Objekte waren noch nie außerhalb ihrer Heimatgemeinden zu sehen, nur mit viel Überzeugungsarbeit sei es gelungen, sie auszuleihen, sagt Michael Rief, Kurator im Suermondt-Ludwig-Museum.
Erst seit einigen Jahren widme sich die Forschung dem Genre dieser sogenannten handelnden Bildwerke, erklärt Rief. Die akademische Kunstgeschichte kümmerte sich zwar um die Stilistik der Schnitzkunst, nicht aber um deren Funktion. Für Figuren, die für eine Art Bibel-Reenactment gefertigt worden waren, hatte man nicht allzu viel übrig. Rief kennt Beispiele für eine solche Abwertung aus dem eigenen Haus: „Noch in den 1960er-Jahren hat man hier die Räder von einer Christus-Statue auf dem Palmesel entfernt“, erzählt er. Nichts sollte daran erinnern, dass diese kostbare Figur einst an Palmsonntag-Prozessionen in Volksfeststimmung durch die Straßen gezogen wurde – von Kindern umlagert wie ein Kirmespony.
Dieser lebensgroße Palmesel, dem Rief auf einem Flohmarkt ein passendes Fahrgestell besorgte, steht nun am Beginn der Schau. Er ist gewissermaßen der gute alte Bekannte, der handzahm und unverfänglich in ein Thema hineinführt, das allerdings auch skurrile und mitunter gruselige Facetten hat.
Die Figuren, die am häufigsten mit Gelenken, Hohlräumen und anderen technischen Vorrichtungen versehen wurden, sind Maria und Jesus. Es gibt schwangere Madonnen mit Babyklappe am Bauch, über die an Weihnachten der kleine Jesus herausgeholt werden konnte. In Mechelen, Belgien, wurden Jesuskindlein in großer Stückzahl geschnitzt und in ganz Europa verkauft. Man überreichte sie den Novizinnen beim Eintritt ins Kloster – als Surrogate für die Kinder, die sie nicht bekommen durften. „Die Nonnen fertigten dann für ihre sogenannten Seelentrösterlein Kleider“, erklärt Michael Rief. „Sie wuschen sie und betteten sie in eigens dafür gefertigte Wiegen, und in Berichten ist überliefert, dass sie wie zum Stillen an die Brust gelegt wurden.“
Bei vielen dieser „handelnden Bildwerke“ wisse man nicht allzu viel über deren Verwendung, sagt Rief. Die wenigen erhaltenen Beschreibungen stammten meist von Protestanten, die auf Anweisung Martin Luthers gegen die „unnötigen und kindischen Zeremonien“ vorgingen.
Doch entsprach das, was sie schrieben, immer der Wahrheit? Oder wurde übertrieben, um die katholischen Bräuche lächerlich zu machen? Stimmt es tatsächlich, dass sich im Kopf eines Rostocker Marienbildes ein kleines Bassin befand, in das „lebendige Fischlein gesetzet“ worden seien, wie es in einer polemischen Flugschrift aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts beschrieben wird. Diese Fische hätten mit ihren Flossenschlägen dafür gesorgt, dass immer wieder Wasser durch Öffnungen an den Augen schwappte und so den Eindruck stetigen Tränenflusses erweckte. Und wenn es so war: Handelte es sich um ein Schauspiel? Oder um einen hinterlistigen Fake, der Gläubige manipulieren sollte? Oder trifft beides zu?
Ob mit Fischen oder ohne, Figuren mit Hohlräumen für Flüssigkeiten aller Art sind auch in der Aachener Ausstellung zu sehen: Christusdarstellungen, in die Schwämme oder Schweinsblasen eingesetzt werden konnten, damit beim Stich mit der Lanze oder nach Betätigen eines Federmechanismus Blut floss; sogenannte Mirakelmänner, die man mit echten Haaren beklebt und mit Kugelgelenken oder Lederscharnieren ausgestattet hatte, um von der Kreuzigung bis zur Grablege das ganze Leiden Christi darstellen zu können.
Mitunter scheint man den hölzernen Skulpturen Kräfte zugeschrieben zu haben, als wären es Voodoo-Puppen. In Aachen wird ein fast lebensgroßer Christuskorpus aus einem Dorf in Württemberg gezeigt, oder vielmehr: die ramponierten Reste, die von ihm übrig sind. Im 16. Jahrhundert hatten die Winzer des Ortes die Figur im Kirchturm so aufgestellt, dass sie auf die Weinberge blickte – sie sollte über die Trauben wachen. Wenn dennoch der Frost die Ernte vernichtete, prügelten und traten die Weinbauern den Schmerzensmann die Turmtreppe hinunter.
„Praymobil – mittelalterliche Kunst in Bewegung“, Suermondt-Ludwig-Museum Aachen; bis 15. März. Infos zu Öffnungszeiten und Begleitprogramm im Netz: suermondt-ludwig-museum.de
afa