Unter dem Titel „Vom Urteil zur Begegnung“ widmet sich die aktuelle Sonderausstellung Frei:Klang im Museum Die Weberei auch einer speziellen Facette der Stadtgeschichte: könnten Gericht und Gefängnis touristisch und soziokulturell genutzt werden?
Oederan. Weit über Oederans Stadtgrenzen hinaus gilt ein verwaister vom Zahn der Zeit betroffener Gebäudekomplex als Geheimtipp: das Gefängnis am früheren Amtsgerichtsgebäude. Als sogenannter Lost Place-Platz genießt das morbide Gebäude sogar im Ausland bei Fotografen und Fans derart Kulissen einen geschätzten Ruf. Seit geraumer Zeit bietet der Stadtmarketingverein vereinzelte Aktionstage für angemeldete Besucher. Das Schicksal der Immobilie bleibt trotzt zurückliegend geführter Gedankenspiele der Stadtverantwortlichen und interessierter Einwohner indes ungewiss.
Im Rahmen der aktuellen Sonderausstellung Frei:Klang im Museum Die Weberei nutzen die Gestalter den Moment, in der sehenswerten Schau dieses die Stadt unmittelbar betreffende Thema aufzugreifen. Mit Johanna Kruse widmet sich eine Oederanerin im Rahmen ihrer Architektur-Masterarbeit am Karlsruher Institut für Technologie diesem Schauplatz.
Ehemaliges Gefängnis Oederan. Foto: Christof Heyden
Am zurückliegenden Wochenende stellte die 25-Jährige einen ersten Teil ihrer ehrgeizig vorangebrachten Studie vor und entwickelt darin Visionen, wie der Gebäudekomplex als ein Kultur- und Gemeinschaftszentrum für die Kleinstadt im Spannungsfeld zwischen Vergangenheit, Erhalt und Erneuerung perspektivisch zu nutzen wäre. Rund 50 Einheimische und Gäste verfolgten in der aufgeschlossenen Diskussionsrunde interessiert die Gedankenspiele der Studentin.
Die Mittelsächsin hat zwischenzeitlich Archive durchstöbert, Zeitzeugen befragt, Eigentümer und Stadtverantwortliche kontaktiert und zudem eine Onlineumfrage zur Meinung unter der Einwohnerschaft initiiert. Ihre Nachforschungen gelten der touristischen Situation in der Stadt des Klein Erzgebirges einschließlich des Bewirtungs- und Übernachtungsangebots, wie sie der soziokulturellen Gemengelage in der Kommune nachspürt. In ihre Betrachtung fließen prognostische Überlegungen ein, so zu Entwicklung der Bevölkerungsentwicklung in Sachsen und auf dem Lande im speziellen.
Ehemaliges Gefängnis Oederan, vieles Zeitzeugnisse sind noch im morbiden Zustand zu finden. Foto: Christof Heyden
„Mein Anliegen ist es, zu zeigen, dass durch die städtebauliche Aufwertung des Objektes ein neuer Ort der Begegnung entstehen könnte, der die Stadt mit den umliegenden Gemeinden aber auch die Einwohnerschaft stärker miteinander verbindet und touristisches Potenzial nutzt“, so die Oederaerin. Die verweist dabei auf ihre Umfragen. „Bis zu 70 Prozent der Oederaner fühlt sich hier gut zuhause, sieht aber die Entwicklung des Ortes als mangelhaft an. Dazu zählt beispielsweise das generationenübergreifende Miteinander, der Mangel eines Platzes des gemeinsamen Austausches, die unbefriedigende Gastronomie- und Übernachtungssituation.“
Diese Aspekte aufgreifend, unterbreitet Johanna Kruse Denkanstöße, diesen Komplex aus beiden Gebäuden zu ertüchtigen. „So ist ein Hotel denkbar, einstige Zellen könnten mit anderen Raumzuschnitten und dem Aspekt des barrierefreien Zugangs als Gästezimmer umfunktioniert werden.“ Als Zielgruppe sieht sie etwa Wanderer auf dem Jakobsweg, die hier Herberge finden.
Eine Videosimulation zeigt, wie das Stadtgefängnis entwickelt werden könnte. Screenshut: Christof Heyden
Auch eine Jugendherberge wäre in den mehrgeschossigen Gebäuden für sie denkbar, wie Vereinsräume, so Probendomizile für die Blasmusikanten. Die anregende Gesprächsrunde rückte vor allem den wirtschaftlichen Aspekt eines solchen Vorhabens mit Fragen nach Investoren, Betreibern und Kostenplanung in den Mittelpunkt. Der Tenor: diskussionswürdiges Thema mit interessanten Vorschlägen, die weiterer realitätsnaher Nachforschungen bedürfen. (HY)