Bei diesem Türchen unseres Römischen Adventskalenders tummeln sich kämpfende Legionäre und edle Priesterinnen an einem wahrlich versteckten Ort. Man muss sich schon tief bücken und genau hinsehen, um die römischen Reliefs am Jubiläumsbrunnen zu sehen: Der Waschbeton-Brunnen auf dem Ernst-Ludwig-Platz an der großen Bleiche huldigt tatsächlich den römischen Ursprüngen des Goldenen Mainz. Errichtet wurde er zu einem fiktiven Jubiläum: Im Jahr 1962 feierte die Stadt Mainz einfach mal ihr 2000-jähriges Bestehen. Unser Mainz&-Adventskalender-Türchen Nummer 3.
Nachbildung römischer Reliefs am Jubiläumsbrunnen auf dem Ernst-Ludwig-Platz in Mainz – unser Adventskalender-Türchen Nummer 3. – Foto: gik
Und warum auch nicht? Im Jahr 38 vor Christus, so sagen es die Annalen, erreichten die Römer mit ihren Legionen den Rhein – die Eroberung der linksrheinischen Gebiete machte die Rheinlande für Jahrhunderte zum Herzstück der römischen Eroberungen im Norden, den Rhein zur Lebensader für Handel und Wandel: Auf ihm kamen nicht nur Wein und Olivenöl, sondern eben auch die römische Kultur, das Recht und die Zivilisation mit Bädern und Schulen in den Norden.
Tatsächlich gründeten die Römer aber erst um das Jahr 13 vor Christus den Ort, der einmal zum stolzen Mogontiacum werden sollte: Als nämlich der Feldherr Drusus die Anhöhe oberhalb des Rheins mit Blick auf die Mainmündung erreichte, soll er gesagt haben: Baut hier! Gebaut wurde als erstes denn auch ein Legionslager auf dem heutigen Kästrich, darum herum aber und zu seinen Füßen entstand eine blühende Provinzhauptstadt mit Tempeln und Theatern, mit Palästen, Handwerksbetrieben und Mietshäusern.
Ein fiktives Stadtjubiläum als Wirtschafts-Booster
Eigentlich also hätte Mainz im Jahre 1987 sein 2.000-jähriges Bestehen feiern müssen, aber sei’s drum: Das große Stadtjubiläum wurde zum PR-Coup des damaligen Mainzer Oberbürgermeisters Franz Stein (SPD) – sein berühmterer Nachfolger Jockel Fuchs kam erst 1965 ins Amt. Stein wollte, so sagen es die Annalen, „die prestige-trächtige Zweitausendjahrfeier bewusst dazu nutzen, um nach den schwierigen Nachkriegsjahren nun endlich den Anschluss an andere deutsche Städte zu schaffen“, so berichtet es die Chronik der Stadt Mainz.
Der Ernst-Ludwig-Platz 1962: Modernes Regierungsviertel, frische Platzgestaltung – und der Jubiläumsbrunnen unten am Rand. – Foto: Werkbund
Und das gelang hervorragend: Zu der 2000-Jahr-Feier kam Bund4espräsident Heinrich Lübke höchstselbst, dazu natürlich auch Ministerpräsident Peter Altmaier (CDU), der ja schließlich seinen Amtssitz in Mainz hatte. „Das Jubiläumsjahr wurde auch tatsächlich zu
einem großen Erfolg und zur Initialzündung für den beschleunigten Auf- und Ausbau der Stadt“, heißt es weiter.
Damals sei zwischen Großer Bleiche und Kaiserstraße „mit modernen Regierungsbauten ein echtes Regierungsviertel entstanden“ – und der Ministerpräsident schenkte Mainz 62 Hektar Gelände am Rand des Ober-Olmer Waldes: Hier entstand der Jubiläumsstadtteil Lerchenberg, 1963 zog das ZDF auf den Hügel. Speziell der Ernst-Ludwig-Platz wurde zu einer Art „römischen Dreiecks“: Zum Jubiläum 1962 wurde eine Kopie des römischen Dativius-Victor-Bogens auf dem Platz errichtet – und mitten auf dem Platz entstand der „Jubiläumsbrunnen“.
Jubiläumsbrunnen: Mit Wasser und Stein von den Römern bis heute
Der Brunnen galt damals als Highlight moderner Architektur und stellte „mit den symbolischen Mitteln Wasser und Stein die Entwicklung der Stadt Mainz aus einer Römersiedlung dar“, wie man beim Werkbund weiß. Die Stadt Mainz hatte den Wiesbadener Gartenarchitekten Wolfgang Walter damit beauftragt, die gesamte Freifläche für den Ernst-Ludwig-Platz und das Umfeld des Kurfürstlichen Schlosses samt seinem Innenhof übertragen, Walter gestaltete auch den Brunnen. „Brunnenanlage aus Stahlbeton und Travertin mit Abgüssen antiker Reliefs“, lautet die nüchterne Beschreibung auf den Bildunterschriften jener Zeit.
Römische Portale oder Grabsteine vorne unten am Jubiläumsbrunnen. – Foto: gik
Tatsächlich tummeln sich hier kämpfende Legionäre und posende Gladiatoren, auch eine holde Priesterin ist auszumachen, sowie zwei römische Portale oder Grabsteine, mit Inschriften versehen. Tief bücken muss sich der Betrachter, um diese Erinnerung an das antike Mogontiacum zu finden, oben drüber sprudelte noch bis 2013 Wasser über die verschiedenen Ebenen, samt Fontaine in der Mitte. Seit gut zehn Jahren aber liegt der Brunnen trocken und verfällt immer mehr, alle Versuche, das Denkmal zu reaktivieren, schlugen fehl.
Dem heutigen Geschmack entspricht der Brunnen sicher nicht, doch eine kühlende Oase wäre auf dem Platz eigentlich hochwillkommen. Und ein Foto beim Werkbund zeigt, wie der Brunnen einst gedacht war: Als Wasserkaskade, bei der von drei Seiten Wasser zur Mitte strömt, ein lebendiges und verspieltes Denkmal für die Entstehung von Mainz von der Römerzeit bis heute.
Info& auf Mainz&: Mehr zum Dativius-Victor-Bogen haben wir Euch hier im 2. Türchen unseres Römischen Adventskalenders erzählt. Dieser Adventskalender entsteht in Kooperation mit dem Verein „Rettet das Römische Mainz“, der Mainz& mit Informationen und Fotos unterstützt. Und wer Mainz&, und damit unabhängigen, professionellen Journalismus in Mainz unterstützen will, kann das gerne tun: mit unserem Solidar-Abo helft Ihr mit, Mainz& zu finanzieren und sichert Euch gleichzeitig den Mainz&-Newsletter – dann verpasst Ihr keinen neuen Artikel und kein Türchen! Wie es geht, hier klicken:
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