Die französische Politikrevue „Le Grand Continent“ ist eine der interessantesten medialen Neuerscheinungen der jüngeren Vergangenheit. Wo sonst liest man, um nur aktuelle Artikel zu erwähnen, eine Untersuchung der Frage, ob die Volksrepublik China auch eine kulturelle Weltmacht werden kann, ebenso wie eine scharfsichtige Analyse der jüngsten Ausgabe des Magazins des russischen Außenministeriums, das in einem Beitrag unter dem Titel „Bis zum Ärmelkanal brennen?“ dieses bedrohliche Postulat formuliert: „Die westlichen Ländern sind stets mehr bereit, zuzuhören, wenn die russischen Truppen sich in Paris oder Berlin blicken lassen.“
Krieg mit Russland: das war vor Kurzem für die meisten Europäer noch reine Fiktion. Nach bald vier Jahren Vernichtungskrieg gegen das ukrainische Volk und einer sich verstärkenden Kampagne hybrider Kriegsführung gegen mehrere EU-Mitgliedstaaten hat sich die Meinung geändert. Laut einer heute, Donnerstag, veröffentlichten Umfrage im Auftrag von „Le Grand Continent“ in neun EU-Staaten (Belgien, Deutschland, Frankreich, Niederlande, Italien, Polen, Portugal, Spanien und Kroatien) sehen 51 Prozent der Befragten ein hohes bis sehr hohes Risiko, dass Russland in den nächsten Jahren ihrem Land Krieg erklären wird.
„Dieser Meinungsumschwung ist stark territorialisiert“, hält der Umfragenleiter Jean-Yves Dormagen fest. 77 Prozent der Polen bewerten das Risiko eines neuen Krieges mit Russland mit hoch, fast die Hälfte davon mit sehr hoch. In den Niederlanden (59 Prozent), Belgien (58 Prozent), Frankreich (54 Prozent), Deutschland (51 Prozent) und sogar im fernen Spanien (49 Prozent) wird die Gefahr eines Kriegs gegen Russland ebenfalls von klaren absoluten oder relativen Mehrheiten als hoch bewertet.
„Das Barometer zeigt weitverbreitete Sorge, die hoch entwickelt, und politisch signifikant ist“, schreibt Dormagen. „Die russische Bedrohung ist hoch, aber die Europäer fühlen sich schlecht ausgestattet, um alleine mit ihr zurande zu kommen.“
Denn das ist der zweite wesentliche Befund dieser Umfrage: das Vertrauen der Europäer in ihre militärischen Fähigkeiten ist überall niedrig. 69 Prozent der Befragten gaben an, nicht zu glauben, dass ihr Land sich im Fall eines russischen Angriffes allein verteidigen könnte. Dabei tritt eine „Geografie der wahrgenommenen Macht“ zutage, schreibt Dormagen. „Jene Länder, die sich am wenigsten fähig fühlen, sind dieselben, die mit geringster Wahrscheinlichkeit in eine direkte militärische Konfrontation mit Russland kämen. Geografische Entfernung setzt sich folglich in einen schwachen Glauben an die nationale Bereitschaft um.“ In Portugal (60 Prozent), Belgien (59 Prozent) und Italien (52 Prozent) gibt es starke Mehrheiten, die der Ansicht sind, ihre nationalen Armeen könnten sich „überhaupt nicht“ gegen einen russischen Überfall zur Wehr setzen.
„Dieser Punkt legt eine zentrale strategische Schwachstelle offen“, warnt Dormagen. „Die Europäer müssen nun die Möglichkeit eines offenen Krieges mit Russland in Erwägung ziehen, aber sie fühlen sich ungenügend gerüstet, um auf ihrer nationalen Ebene zu antworten. Wir treten in ein Zeitalter der Gefahr, während wir das hartnäckige Gefühl nationaler Schwäche verspüren.“
Eine Diagnose, die vermutlich auch der deutsche Bundeskanzler, Friedrich Merz, teilt. „Das imperialistische Russland strebt danach, seine Einflusszone weit über das eigene Staatsgebiet hinaus in die Staaten Europas auszuweiten“, warnt er in einem neuen Gastbeitrag in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. „Moskau bereitet sich militärisch und die eigene Gesellschaft militaristisch auf einen Konflikt mit dem Westen vor. Ein solches Russland bedroht die europäische Freiheit und Sicherheit.“
Merz‘ Schlussfolgerung aus diesem Lagebild ist deutlich: beim Europäischen Rat übernächste Woche in Brüssel müsse es grünes Licht für das EU-Hilfsdarlehen an die Ukraine geben, welches auf den eingefrorenen Vermögen der russischen Zentralbank fußt. „Es liegt damit in unserer Hand, nicht nur die Ukraine zu stärken, sondern auch ein unmissverständliches Signal an Moskau zu senden, dass eine Fortsetzung dieses Angriffskrieges sinnlos ist“, mahnt er. „Dies ist ein Signal nicht zur Verlängerung dieses Kriegs, sondern zu seiner Beendigung. Wir senden ein Signal der Eigenständigkeit Europas, ein Signal, dass wir Europäer entscheiden und gestalten, was auf unserem Kontinent geschieht.“