Kiel. Keine Pause für Kiels nächsten Oberbürgermeister: Nach einer rauschenden Wahlparty Sonntagnacht im Kulturzentrum Pumpe musste Samet Yilmaz (Grüne) am Montagmorgen erst einmal wieder zur Arbeit ins Innenministerium. Im Anschluss: Interview mit den Kieler Nachrichten. Am Mittag eilte Yilmaz ins Rathaus, wo Amtsinhaber Ulf Kämpfer (SPD) bereits das erste Gespräch mit seinem Nachfolger führen wollte. Danach reihte sich ein Medientermin an den anderen. Trotz des monatelangen Wahlkampfs bleibt die Schlagzahl für den 44-Jährigen hoch.

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Herr Yilmaz, herzlichen Glückwunsch zum Wahlsieg. Wann sind Sie in der Wahlnacht ins Bett gekommen?

Samet Yilmaz: Vielen Dank. Gegen Viertel vor zwei in der Nacht. Aber der Adrenalinschub ist noch immer groß, ich musste Montag ja wieder zur Arbeit ins Innenministerium. Bei meinem Referatsleiter im Sportreferat gab es Glückwünsche und Blumen, das hat mich sehr gefreut. Im Anschluss habe ich mit der Personalabteilung besprochen, wie es nun weitergeht.

Wie werden die gut vier Monate bis zur Amtsübergabe bei Ihnen aussehen?

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Ich mache als Verwaltungsbeamter meine Arbeit, und zwar bis zum letzten Tag. Wie genau wir das unmittelbar vor der Übergabe gestalten, müssen wir noch besprechen.

Sie haben am Sonntag gesagt, dass Sie keine Vorlaufzeit brauchen, sondern sofort im Rathaus starten können. Haben Sie die Messlatte nicht zu hoch gehängt?

Nein, das ist ernst gemeint. Verwaltungserfahrung ist für das Amt des Oberbürgermeisters wichtig – und die bringe ich mit. Ich bin startklar. Ich mache mir aber nichts vor. Die Kieler Verwaltung ist ein großes Schiff mit 6000 Mitarbeitern, die geführt werden wollen. Ich kenne das Rathaus seit 2023 als Co-Fraktionsvorsitzender der Grünen und als Vorsitzender des Hauptausschusses aus der Perspektive der Selbstverwaltung. Da bekommt man schon vieles mit, auch aus den Eigenbetrieben.

Wie wollen Sie den Wechsel vom Fraktionsvorsitzenden der Grünen zum neutralen OB schaffen?

Das ist zwar ein ganz anderer Blickwinkel. Aber es ist wichtig zu wissen, wie die Fraktionen arbeiten und wie die Erwartungshaltung an den OB in Kiel ist. Wie nahbar ist er, wie gut ist er zu erreichen, wie transparent arbeitet er? Das hat damit zu tun, ob sich die Selbstverwaltung mitgenommen fühlt. Daher weiß ich, was ich anders machen kann.

Gilt das für alle Fraktionen?

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Ja, natürlich. Ich werde der Oberbürgermeister für alle demokratischen Parteien im Rathaus. Meine Aufgabe wird es sein, sie alle mitzunehmen.

Hieße das auch, mal Mehrheiten abseits der SPD zu organisieren?

Das steht jetzt noch gar nicht zur Debatte. Wir haben bis zur Kommunalwahl 2028 eine Kooperation aus Grünen und SPD. Aber wenn andere Parteien gute Inhalte haben, muss man ins Gespräch kommen.

Ein wichtiger Punkt im Wahlkampf war die Stadtbahn. Zuletzt hatten Sie einen Bürgerentscheid nicht mehr ausgeschlossen. Wie wollen Sie mit dem Thema weiter umgehen?

Die Stadtbahn wird kontrovers diskutiert. Meine Aufgabe wird es sein, in den Dialog zu gehen und die Kielerinnen und Kieler von dem Projekt zu überzeugen. Ich möchte zeigen, wie zukunftsorientiert die Stadtbahn ist, möchte aber auch die Bedenken ausräumen.

Aber Sie schließen einen Bürgerentscheid weiterhin nicht aus? Würden Sie ihn als OB auch selbst beantragen?

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Ich schließe ihn nicht aus, favorisiere ihn aber auch nicht. Wenn die Kielerinnen und Kieler einen Bürgerentscheid wollen, ist das der demokratische Wille. Das wird sich dann zeigen.

Ich definiere mich als Kieler, da spielt die türkische Migrationsgeschichte keine Rolle.

Samet Yilmaz (Grüne)

übernimmt am 21. April 2026 das Amt des Kieler Oberbürgermeisters

Politisch wird Kiel mit Beginn Ihrer Amtszeit im April 2026 so grün dominiert sein wie nie zuvor. Bei der OB-Wahl haben Sie vor allem im Zentrum gepunktet. Am Stadtrand lag aber Ihr Kontrahent Gerrit Derkowski vorn. Wie gehen Sie mit diesem Gegensatz um?

Ich bin der Oberbürgermeister für alle Kielerinnen und Kieler. Meine Aufgabe ist es, auch Menschen mitzunehmen, die ihr Kreuz woanders gesetzt haben. Ich möchte sie mit meiner Politik überzeugen, indem ich sie in ihrem Alltag stärke. Die Menschen wollen gehört werden von einem nahbaren Oberbürgermeister, dafür bin ich eine gute Wahl.

Ohne den Fall „Graue Wölfe“ wäre das Wahlergebnis möglicherweise noch klarer zu Ihren Gunsten ausgefallen. Werden Sie noch für weitere Aufklärung sorgen?

Die Geheimhaltungspflichten gelten auch nach Beendigung des Arbeitsverhältnisses. Viele Menschen hielten übrigens von der Debatte nichts und haben mich genau aus dem Grund gewählt. Ich betone noch einmal, dass ich mich klar von den „Grauen Wölfen“ und dem türkischen Nationalismus distanziere. An den Vorwürfen ist nichts dran. Jeder, der mich kennt und meine Arbeit schätzt, etwa meine damalige Chefin, Innenministerin Sabine Sütterlin-Waack, weiß, wie loyal ich bin. Ich habe nur die Anfrage weitergeleitet, mehr nicht.

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Amtsinhaber Ulf Kämpfer (SPD, links) empfing seinen Nachfolger Samet Yilmaz (Grüne) bereits am Tag nach der Wahl zum ersten Gespräch im Amtszimmer des Oberbürgermeisters.

Sie haben eine irre Aufstiegsgeschichte hinter sich, vom Hauptschüler bis ins Amt des Oberbürgermeisters. Was bedeutet es Ihnen, nicht nur der erste grüne OB zu werden, sondern auch der erste mit Migrationsgeschichte?

Ob Migrationshintergrund oder nicht – die Kielerinnen und Kieler haben ihr Kreuz aufgrund meiner Kompetenz und meiner Person bei mir gesetzt. Ich definiere mich als Kieler, da spielt die türkische Migrationsgeschichte keine Rolle. Natürlich bin ich auch stolz darauf, wenn Menschen mich auch aufgrund meines Werdegangs gewählt haben. Denn damit habe ich gezeigt, dass es jeder durch gute Bildung und Zielstrebigkeit schaffen kann.

Während der Wahlparty haben Sie auf der Bühne über Ihren Vater gesprochen, der Ende vergangenen Jahres verstarb. Welche Rolle hat er in Ihrem Leben gespielt, dass Sie diesen Weg hingelegt haben?

Mein Vater hat Menschen nie nach Herkunft oder Religion definiert oder sie in Schubladen gesteckt. Er war Gastarbeiter, der Anfang der 70er-Jahre nach Deutschland gekommen ist und viel gearbeitet hat – auch daran, ein guter und integrierter Kieler zu werden. Davon habe ich viel gelernt. Mein Vater hat mir Vertrauen, Zuneigung und Mut gegeben. Wir dürfen die Kielerinnen und Kieler auch in Zukunft nicht nach Herkunft und sozialen Schichten definieren.

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Was hätte Ihr Vater am Sonntagabend gesagt?

Dass er stolz auf mich ist. Seine zweite Frage wäre gewesen, ob ich schon etwas gegessen habe. Denn er war Koch und hat immer darauf geachtet, dass ich ausreichend esse.

KN