Kiel. Die KN-Spendenaktion „Gutes Tun im Advent“ setzt sich für im Dienst verletzte Polizistinnen und Polizisten ein. Neben Verletzungen bleiben häufig seelische Narben zurück. Deshalb sind geschulte Betreuer nach belastenden Einsätzen für ihre Kolleginnen und Kollegen da – so wie Jens Wiedemann (56), der hauptamtlich das Kommissariat 13 bei der Kieler Kriminalpolizei leitet.
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Herr Wiedemann, die Funktion von Betreuern nach belastenden Einsätzen gibt es bei der Landespolizei seit 1996. Sie selbst sind seit 2008 im Nebenamt Betreuer. Wie hat sich die Resonanz auf das Angebot in der Polizei entwickelt?
Die ist im Laufe der Zeit viel besser geworden. Die Akzeptanz des Themas hat sehr stark zugenommen. Es war damals eine Initiative unserer Polizeipsychologin Gundhild Ameln. Sie wurde anfangs in der Landespolizei deutlich abgelehnt. In den Augen vieler Kollegen hatte so ein Thema bei uns eigentlich gar nichts zu suchen. Heute haben wir fünf Psychologen bei der Landespolizei. Und die Akzeptanz und Bereitschaft, an einer Einsatznachbereitung teilzunehmen, hat deutlich zugenommen.
Wie können Sie helfen?
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Wir nehmen Kolleginnen und Kollegen zum Beispiel aus dem Einsatz heraus, „Diffusing“ nennen wir das. Dann führen wir strukturierte Gespräche mit ihnen, damit sie den Einsatz abschließen können, und sprechen über die möglichen Auswirkungen des Stresses. Dass es zum Beispiel ganz normal ist, dass man schlecht schläft.
Es gibt auch die strukturierte Einsatznachbereitung, in der wir nochmal in den Einsatz eintauchen. Die Kolleginnen und Kollegen können hier ihre Gefühle darstellen. Das macht man auch, um zu erkennen, ob jemand wenige Tage nach dem Erlebten bereits große Belastungsreaktionen zeigt, und damit er oder sie diese loswerden kann. Zu Hause im privaten Rahmen gelingt das in vielen Fällen nicht. Ich habe es schon oft erlebt, dass Menschen, die nicht im Polizeiberuf arbeiten, davon gar nicht so viel hören wollen.

Welche belastenden Einsätze sind Ihnen besonders in Erinnerung?
Sie waren fast alle sehr beeindruckend. Aber dazu gehört sicherlich der Schusswaffengebrauch von Kolleginnen und Kollegen im November 2024 vor der BKI (Bezirkskriminalinspektion) hier in Kiel, und auch der Schusswaffengebrauch kurz darauf im Dezember in Gaarden an der Werftstraße. Da waren wir auch schnell vor Ort, weil wir von der BKI-Leitung sofort informiert worden waren.
Mir ist noch ein Banküberfall vor einigen Jahren in der Sternstraße in Erinnerung. Da war eine Praktikantin schwer betroffen. Ihr war die Waffe aus der Hand genommen und sie damit bedroht worden. Das ging damals viral, und war so eine Vorgeschichte der heutigen Social-Media-Geschichten. Das hat die junge Frau und auch viele weitere Beteiligte sehr beschäftigt. Und ein weiterer Fall hat mich mal ziemlich mitgenommen.
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Ich habe damals die Einsatznachbereitung geleitet, hätte manchmal aber lieber auf der anderen Seite Platz genommen.
Jens Wiedemann
Polizist
Welcher war das?
Das war im Jahr 2010. Wir waren als Dauerdienst zur Holtenauer Hochbrücke gerufen worden, weil dort jemand heruntergesprungen sein sollte. Doch es stellte sich als tragischer Unfall heraus. Ein Fahrradfahrer war über das Brückengeländer gefallen, weil sich seine Kette im Hinterrad verfangen hatte und er ins Schlingern geriet.
Auch ein weiterer Fall einige Jahre später ist sehr präsent, als ein Vater unter Drogeneinfluss sein wenige Wochen altes Kind tötete. Ich war damals selbst relativ frisch Vater. Das hat mich sehr mitgenommen. Ich habe damals die Einsatznachbereitung geleitet, hätte manchmal aber lieber auf der anderen Seite Platz genommen.
Rückblickend kann ich sagen, dass mir die Arbeit als Betreuer auch selbst unheimlich viel gebracht hat.
Jens Wiedemann
Polizist
Das klingt nach sehr belastenden Erfahrungen. Warum sind Sie 2008 den Schritt gegangen, im Nebenamt als Betreuer zu arbeiten?
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Ich habe damals die Ausschreibung gelesen, und hatte schon immer ein gewisses Interesse daran, einen Bereich zu finden, in dem man über aufgestaute Dinge sprechen und diese loswerden kann. Zum einen wollte ich Kolleginnen und Kollegen helfen, zum anderen hatte ich aber auch das Interesse, für mich ein Ventil zu finden. Rückblickend kann ich sagen, dass mir die Arbeit als Betreuer auch selbst unheimlich viel gebracht hat.
Was zum Beispiel?
Mich selbst besser kennenzulernen, hat mich zum Beispiel auch im Umgang mit Kolleginnen und Kollegen als Führungskraft sehr weitergebracht. Es gibt viele weitere Beispiele. Wir hatten gerade ein Treffen auf Landesebene. Wir sind 40 Betreuer im ganzen Land. Die sind auf die Polizeidirektionen verteilt, sodass überall genügend Personen vorhanden sind, die eine Betreuung übernehmen können. Und wir waren uns auf dem Treffen einig darüber, dass die Betreuertätigkeit eine der besten Geschichten ist, die wir bei der Polizei kennengelernt haben.
Wie grenzt man sich da ab, wenn man regelmäßig mit schwierigen Erlebnissen konfrontiert ist?
Das ist auch ein Thema der Aus- und Fortbildung. Man lernt, die Fälle mitzunehmen, sie aber auch wieder loslassen zu können. Sie also nicht zum eigenen Problem zu machen, sondern Kraft daraus zu schöpfen, jemandem helfen zu können. Eine Lösung für sich kann nur der betroffene Polizist oder die betroffene Polizistin selbst finden. Wir können nur dabei helfen, Strukturen aufzuzeigen, wie man zum Beispiel wieder in einen geordneten Alltag zurückfinden kann.
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Welche Eigenschaft ist in Ihrer Tätigkeit am wichtigsten?
Zuhören. Wir neigen ja immer dazu, schnell Lösungen zu finden, wenn jemand ein Problem hat – sei es in einer Beziehung, bei Problemen im Dienst, mit dem Chef oder mit anderen Mitarbeitern. Es sind kaum drei Worte ausgesprochen, da hat man schon eine Lösung parat.
KN