Es fängt mit einem Effekt an, der nicht nur den Kindern im Publikum ein „Oh“ entlockt: Hunderte Bücher, aufgestellt in einem Schlangenmuster, werden mit dem Dominoeffekt zu Fall gebracht. Im Grunde geht es in „Oda al libro“ von Anton Rudakov und dem Totalitarian Body Kollektiv eher um das Gegenteil: Mögen die Menschen auch straucheln und fallen, Bücher geben Halt. Womöglich überdauern sie auch den Menschen.
Bücher, sie sind Siege, winzige Wälder und das Versprechen von Freiheit. Der Dichter Pablo Neruda hat das in seine „Oda al libro“, eine Ode an das Buch und die Hoffnungen, die er mit ihm verknüpfte, hineingeschrieben, hinein in eine Welt, die gerade erst ein „Gleichgewicht des Schreckens“ errichtet hatte. Mutig oder auch verwegen kann man das nennen, in der Form ebenso wie im Inhalt. Daran knüpft der Wiesbadener Tänzer und Choreograph Rudakov an, der mit „Oda al libro“ eine getanzte, performte, gesungene und musizierte Ode an das Buch entwickelt hat.
Totalitarian Body Kollektiv hat Rudakov sein Ensemble genannt, und das verweist nicht etwa nur auf eine besondere Empfindlichkeit des gebürtigen Sankt Petersburgers für Totalitarismus, sondern auf den feinen und selten gewordenen Begriff einer Ganzheitlichkeit, die das Kollektiv, das Rudakov initiiert hat, in „Oda al libro“ sichtbar macht. Seine Tänzer und Performer, die in wechselnden Konstellationen von überallher kommen, um miteinander für die jeweiligen Projekte zu arbeiten, sind nicht nur Tänzer, sondern auf phantastische Weise vielfach begabt. Und all diese Begabungen fließen auch in dieses Stück ein – als Gesamtheit.
Tänzer, die (fast) alles können
Da lesen in „Oda al libro“ die Tänzer (Anton Rudakov, Alekszandr Szivkov, Miracle Laackmann) kakophonisch und nach dem Zufallsprinzip aus den vielen Hundert Büchern vor, die auf dem gesamten Bühnenboden verstreut liegen, der Countertenor (Bas Van Damme) singt nicht nur zwei wundervolle barocke Arien, sondern tanzt auch, Laackmann legt ein fulminantes Solo, gespeist aus dem Urban Dance, auf den Büchern hin, und die Cellistin Anna Agnes Nagy spielt nicht nur, sondern lässt sich im Spiel von ihren vier männlichen Kollegen auf spektakuläre Weise durch die Luft tragen oder auf einem Stuhl ziehen.
Dass die in Wiesbaden ansässige, aber weit überregional tätige Gruppe um Rudakov, der einst selbst am Ballett in Wiesbaden getanzt hat, nun in der Wartburg des Staatstheaters gastieren konnte, liegt an dem „Fokus Tanz Nah“, den das Staatsballett ausgerufen hat. Eine Verbindung mit der lokalen freien Szene, die es in Wiesbaden alles andere als leicht hat. Seit einigen Jahren wachsen dort Netzwerke und Initiativen, tun sich Räume auf, aber wie generell die freie Szene hat zumal die Tanzszene es in Wiesbaden schwer.
Das Minifestival, das auch Arbeiten jetziger Ensemblemitglieder zeigen wird, die sich choreographisch erproben, gibt bis 20. Dezember freien Gruppen aus Wiesbaden und Mainz in der Wartburg ein Forum. Das ist nicht nur eine nette Geste, sondern der Versuch, die Allianz sichtbar zu machen, die unter den Tänzern, ob fest, ob frei, besteht. Worum es ihnen geht, liegt im Foyer der Wartburg und an vielen anderen Stellen der Stadt aus: die Onlinepetition für ein Tanzhaus in Wiesbadens leer stehendem Kaufhaus Sportarena. Initiiert hat die Petition der Tanzfreund und Gastronom Thomas Schachler. Eine Tagung, verschiedene Szenarien für die Entwicklung und Informationsveranstaltungen hat es in jüngster Zeit gegeben.
Petition für ein Tanzhaus
Seit Jahren wirbt Ballettdirektor Bruno Heynderickx für bessere Arbeitsbedingungen für seine Compagnie, die in arg beengten und fensterlosen Räumen trainieren und proben muss. Die freie Szene wiederum und mit beiden der große Bereich von Vermittlung und Publikumsarbeit, so hoffen die Initiatoren der Petition, all das könnte in einem Tanzhaus ineinander greifen.
Wie das funktioniert, demonstriert nun auch das Festival, mit so fein gearbeiteten Stücken wie „Oda al libro“, das zwischen Abstraktion und einfacher, klarer Nähe schillert. Dabei zeigt sich eine angedeutete Chronologie, die Gesten erinnern an Mittelalter, Aufklärung, eine vage Zukunft, in der womöglich Künstliche Intelligenz und künstliche Körper mit den gedruckten Hinterlassenschaften der Menschheit umgehen.
Videos im Hintergrund erinnern durchaus mahnend an die blutige Geschichte des 20. Jahrhunderts und den Missbrauch der Bücher, von der Bücherverbrennung bis zu Tausenden Chinesen mit der Mao-Bibel in der hochgereckten Hand. Eine feine Volte, dass nach diesem Schrecken, den der Tanz aufnimmt, Bas van Damme Händels Arie „Lascia ch’io pianga“ anstimmt, mit der Zeile „e che sospiri la libertà“ – dass ich nach der Freiheit seufze. Am Ende bleiben die Bücher, aufgeschlagen, die Seiten leise im Wind wehend. Ein starkes Bild. Und wer mag, darf sich eins der Bücher mit nach Hause nehmen.
Weitere Vorstellungen von „Fokus Tanz Nah“ bis 20. Dezember in der Wartburg.