Gewalt und Angst haben das Bild deutscher Städte verändert. Dazu hat auch ein Fall im März in Baden-Württemberg beigetragen. Der Täter soll psychisch krank und radikalisiert gewesen sein. Doch diese Erklärung allein greift zu kurz.

Das Fahrzeug des Amokfahrers von Mannheim am 3. März dieses Jahres.Das Fahrzeug des Amokfahrers von Mannheim am 3. März dieses Jahres.

Michael Bihlmayer / Imago

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Es ist eine bedrückende Duplizität der Ereignisse. An diesem Donnerstag wird das Urteil gegen den Amokfahrer von Mannheim verkündet. Er hatte Anfang März dieses Jahres in der Fussgängerzone der Stadt mit seinem Auto zwei Menschen getötet und elf teilweise schwer verletzt. Gleichzeitig läuft in Magdeburg der Prozess gegen den Täter des Anschlags auf den Weihnachtsmarkt vom Vorjahr mit sechs Toten und mehr als 300 Verletzten weiter.

Man machte es sich zu leicht, wenn man diese Verbrechen nur als das Resultat einzelner psychisch Kranker sähe. Sie sind nicht zuletzt auch das Symptom grösserer gesellschaftlicher Probleme, die sich mit der Masseneinwanderung aus Kriegsgebieten noch verschärft haben.

Die Ereignisse von Mannheim und Magdeburg zeigen, wie sich der Umgang mit Sicherheit und Gefahr in Deutschland verändert hat. In den neunziger Jahren war ein Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt weitgehend unvorstellbar. Heute ist es eine realistische Bedrohung. Das zeigten gerade wieder die beiden Fälle mutmasslich vereitelter Anschläge in Bayern und Magdeburg.

Hier erwiesen sich die Sicherheitsvorkehrungen und die hohe Aufmerksamkeit der Behörden als möglicherweise lebensrettend. Doch jeder, der in diesem Jahr oder in den vergangenen Jahren auf einem Weihnachtsmarkt war, kennt auch die physischen Sicherheitsmassnahmen. Zäune, Betonpoller, versperrte Zufahrten und Sicherheitskontrollen sind richtig, wirken aber auch bedrohlich und einschüchternd.

Die latente Gefahr trübt die Weihnachtsstimmung

Die latente Gefahr eines Anschlags trübt die vorweihnachtliche Stimmung. Hinzu kommt, dass die Sicherheitsmassnahmen teuer sind und sich auf die Preise auswirken.

Es ist leicht, Taten wie in Mannheim und Magdeburg auf die psychische Verfasstheit der Täter zu schieben. Der Amokfahrer von Mannheim litt unter schwerer psychischer Belastung, der von Magdeburg war isoliert und radikalisiert. Beiden gemein ist, dass es nicht rechtzeitig gelungen ist, die Gefahr zu erkennen, die von ihnen ausging.

Gerade in einem Land wie Deutschland, das viele traumatisierte und psychisch belastete, teilweise radikalisierte Menschen aus Kriegsgebieten wie Syrien, dem Irak und Afghanistan aufgenommen hat, ist es unmöglich, jedes Risiko wahrzunehmen und zu verhindern. Auch das ist ein Erbe verfehlter Migrationspolitik der Vorgängerinnen der jetzigen Bundesregierung.

Radikalisierung und Isolation

Politische oder religiöse Radikalisierung und gesellschaftliche Isolation spielen eine zentrale Rolle bei vielen Anschlägen und Attentaten. Der Täter von Mannheim, ein 40-jähriger Deutscher, fühlte sich von der Gesellschaft entfremdet. Bei ihm spielten persönliche Probleme und ein gestörtes Selbstbild eine Rolle für die Tat.

Bei dem Täter von Magdeburg, einem zum Zeitpunkt der Amokfahrt 50-jährigen Gefängnispsychiater aus Saudiarabien, deuten die Ermittlungen auf persönliche Frustration, Hass auf Behörden und innere Konflikte als Antrieb hin. Beide Taten werfen die Frage auf, wie eine zunehmend polarisierte Gesellschaft verhindern kann, dass Menschen in extreme Ideologien abdriften.

Es gibt verschiedene Gründe für Radikalisierung. Die Taten von Mannheim und Magdeburg zeigen, dass das Gefühl dazugehört, von der Gesellschaft nicht akzeptiert zu werden. Gleichzeitig nehmen psychische Erkrankungen in der allgemeinen Bevölkerung zu. Trotz allen Bemühungen werden sich solche Taten daher auch künftig nicht vollständig verhindern lassen.

Nur mehr Sicherheit löst nicht das Problem

Die Strategie der Sicherheit, also immer stärkere Überwachung, Zäune, Poller und Kontrollen, ist das eine und berechtigt. Doch Massnahmen wie diese reichen nicht aus. Die beiden Täter von Mannheim und Magdeburg waren keine islamistischen Terroristen und sind auch nicht im Zuge der Migrationskrise nach 2015 eingewandert. Es ist wichtig, das zu betonen.

Doch ist Deutschland durch die Massenmigration überfordert. Sie hat massgeblich dazu beigetragen, dass das Land unsicherer geworden ist. Deshalb ist es richtig und notwendig, die Grenzen zu sichern und die illegale Migration nach Kräften zu unterbinden. Das Problem ist, dass man den Menschen nicht in den Kopf schauen kann. Das Risiko durch vielfach traumatisierte Menschen ist einfach zu gross.

Die Gesellschaft muss sich fragen, wie sie den wachsenden Problemen durch die soziale und psychische Fragmentierung in Deutschland begegnet, ohne nur nach mehr Sicherheit zu rufen. Es braucht mehr verlässliche Bindungen: erreichbare psychische Hilfe, starke Schulen und Quartiere – soziale Infrastruktur gegen Einsamkeit. Das ist anstrengend, zeitaufwendig, kann aber bereichernd sein. Ein Sicherheitsstaat jedenfalls kann dauerhaft keine Lösung sein.