Anlage in der SPIN Listening Bar in München im goldenen Reiter.  | Bild: Sophie Wanninger

Das merkt man im SPIN sofort an dem großen wandfüllenden Holzregal, aus dem unzählige Vinyl-Platten, zwei sich ständig drehende Turntables und große blaue Hi-Fi-Lautsprecher Boxen einen begrüßen.

Hochwertiger Musikgenuss: Listening Bars wie das SPIN in München

„Wir haben uns vom ganzen Konzept her an der japanischen Listening-Bar-Kultur orientiert, von der Minimalistik des Raumes bis zu den Drinks“ sagt der Betriebsleiter Moritz Reil, während er zwei Sparkling Sake mit an einen der kleinen runden Tische der Bar bringt. Listening Bars sind in Japan unter dem Namen Jazz Kissa vor allem nach dem Krieg populär geworden, als sich niemand eine große Plattensammlung und schon gar nicht eine hochwertige Musikanlage leisten konnte.


Bild der Bar in der SPIN Listening Bar in München | Bild: Sophie Wanninger

Das Getränkeangebot in der Bar ist japanisch orientiert

Was früher eine Notwendigkeit war, entwickelte sich über Jahrzehnte zu einer eigenen Kultur. In klassischen Jazz Kissa soll nicht laut gesprochen werden; die Gäste konzentrieren sich voll und ganz auf die Musik und die Qualität der oft extrem hochwertigen Anlagen.

Auch in der Münchner Listening Bar steht eine solche Anlage, die extra aus einem verstaubten Studio gerettet wurde. Gespielt wird die Musik von Vinyl, handverlesen und weit entfernt von jeder „Easy Listening“-Spotify-Playlist. Während des Gesprächs mit Reil läuft eine Jazz-Kompilation mit Stücken der Carla Bley Band oder von Donald Fagen & Steve Khan – Namen, die eher für avantgardistischen Jazz als für Hintergrundbeschallung stehen.

München ist nicht Tokio und das SPIN keine Jazz-Kissa-Bar

Doch nur wenige der Gäste richten ihre volle Aufmerksamkeit auf die Musik. Die meisten unterhalten sich angeregt, manche bleiben vor allem für Fotos für ihre Social-Media-Plattformen länger an der Anlage stehen. „In der ersten Stunde ist Listening Bar eine passende Bezeichnung,  insgesamt muss man eher von einer Hi-Fi-Bar sprechen“, sagt Reil. Zwar habe man sich vom japanischen Vorbild inspirieren lassen, doch wie sich Atmosphäre und Nutzung entwickeln, sei offen.

Anklang findet das Konzept allemal: Bereits zehn Minuten nach Öffnung sind alle Plätze besetzt, vor dem Eingang bildet sich eine Schlange. „Mir wäre es langweilig, nur still dazusitzen und zuzuhören“, sagt ein Gast. Sein Gegenüber ergänzt, er sei selbst schon in einer Jazz-Kissa-Bar in Japan gewesen, sei aber froh, dass man hier nicht nur flüstern dürfe. Aussagen wie diese zeigen, dass sich in Deutschland vermutlich eine eigene Listening-Bar-Kultur entwickeln wird. Auf die Frage, ob das nicht eine Verwässerung des Originals sei, reagieren viele gelassen: Daraus könne schließlich auch etwas Neues entstehen.

Listening Bars als Gegenbewegung zur digitalen Vereinzelung?

Doch warum kommen Listening Bars gerade jetzt so gut an? Ein Gast erklärt, dass das Vinyl-Comeback in seinem Umfeld das Bewusstsein für einen taktileren, bewussteren Musikkonsum geschärft habe. Da kommt so eine Bar sehr gelegen,. Zwar liegt der Altersdurchschnitt etwas höher, doch auch viele junge Menschen sitzen an den runden Tischen im Keller. Eine junge Frau beschreibt die Bar als einen Ort, an dem sie eine Art Live-Kultur erleben könne, die sie in München sonst vermisse.


Sitzmöglichkeiten in der SPIN Listening Bar in München | Bild: Sophie Wanninger

Das Interieur der Bar ist bewusst simpel gehalten

Listening Bars – oder Hi-Fi-Bars wie das SPIN können als Gegenbewegung zum ständig im Ohr hängenden Bluetooth-Kopfhörer verstanden werden. Als Orte, an denen Musik gemeinsam und bewusst erlebt wird, fast so, als säße man im Wohnzimmer von Freunden und spiele sich gegenseitig die spannendsten Flohmarktfunde vor. Nicht zufällig erfährt ja auch der MP3-Playern gerade ein kleines Comeback. Da sich das immer weniger Menschen eine hochwertige Anlage leisten können, entstehen nun öffentliche Räume dafür. Man denke auch über ein Social-Listening-Format nach, sagt Moritz Reil , in dem jeder eigene Platten mitbringen könne.

Gleichzeitig sind sie eine Alternative zum dunklen, überfüllten Club, den ein Teil der Generation Corona meidet. Beim SPIN ist ein solcher aber noch im gleichen Keller. Die Bar gehört zum Goldenen Reiter, ein Club in München, der vor allem für sein junges Publikum bekannt ist. Ob Listening Bars nur ein kurzfristiger Hype bleiben oder sich als fester Bestandteil einer neuen, bewussteren Musikkultur etablieren, wird sich zeigen. Der Sound dafür ist jedenfalls schon da.