Eine Gruppe der ersten 86 italienischen Gastarbeiter während eines Aufenthalts auf dem Hauptbahnhof in Hannover, aufgenommen am 16.01.1962.

Stand: 20.12.2025 07:49 Uhr

70 Jahre nach dem ersten Anwerbeabkommen ist Deutschland bei Italienern Auswanderungsland Nr. 1, vor allem bei gut Ausgebildeten. Es geht um Berufsperspektiven – und liegt vielleicht auch an den Erinnerungen der ersten „Gastarbeiter“.


Lisa Weiß

Im Anfängerkurs Deutsch beim Goethe-Institut in Rom geht es an diesem Tag um das Thema Essen und Trinken. Etwa ein Dutzend Menschen jeden Alters sitzt Lehrerin Stephanie Schulze gegenüber, die Worte Hamburger, Käse, Salat, Kaffee machen die Runde.

Livia will bald über mehr sprechen können als nur übers Essen. Die 26-jährige Römerin ist seit kurzem fertig mit dem Studium und sucht einen Job als Ingenieurin in Deutschland. Am liebsten in Berlin, aber Hamburg oder München wären auch okay.

Livia reizt das Ausland, sie sei als Studentin mit dem Erasmus-Programm in Oslo gewesen und nach dem Studium einige Monate in Deutschland, erzählt sie. Die deutsche Ingenieurskunst habe einen guten Ruf – aber hauptsächlich geht es ihr doch ums Geld und um eine Perspektive.

Auswanderungs-Ziel Nummer 1

„Hier in Italien machst du deinen Uni-Abschluss und dann fängst du irgendein Praktikum an, für das du nicht mal 1.000 Euro im Monat bekommst. Als ich mich im Ausland umgeschaut habe, ist mir klar geworden, dass du da für Einstiegs-Positionen wirklich Geld bekommst, also, wie für einen normalen Job.“

Also hat sie sich in Deutschland beworben – und festgestellt, ohne Deutschkenntnisse wird’s schwer. Deshalb sitzt sie hier im Kurs, genau wie auch ein anderer junger Ingenieur.

Deutschland war im vergangenen Jahr das Auswanderungs-Ziel Nummer 1 für Italienerinnen und Italiener, das geht aus dem Bericht „Italiener in der Welt“ der Fondazione Migrantes der italienischen Bischofskonferenz hervor. Und: Im vergangenen Jahr sind so viele Italienerinnen und Italiener ausgewandert wie noch nie in den vergangenen 20 Jahren.

Erste Kandidaten, handverlesen

Das Phänomen der Auswanderung von Italien nach Deutschland ist nicht neu. In der Bundesrepublik der 1950er- und 1960er-Jahre brummte die Wirtschaft, und im so genannten Wirtschaftswunderland fehlten die Arbeitskräfte, während in Italien die Arbeitslosigkeit hoch war. Deshalb schloss die Bundesrepublik am 20. Dezember 1955 das erste Anwerbeabkommen ab, eben mit Italien.

Wenige Monate später, im April 1956, kamen die ersten so genannten Gastarbeiter nach Deutschland. In Emigrationszentren in Verona und Neapel wählte eine deutsche Kommission die passenden Kandidaten für freie Stellen in Deutschland aus den italienischen Bewerbern aus. Später konnten sich Italienerinnen und Italiener auch direkt in Deutschland bewerben.

Eigentlich sollten die Gastarbeiter nur begrenzte Zeit in Deutschland bleiben und dann wieder zurückkehren. Viele holten aber ihre Familien nach und ließen sich dauerhaft in Deutschland nieder.

Die aktuellsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen: 2024 lebten immer noch 67.000 ehemalige Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter aus Italien in Deutschland, die zwischen 1955 und 1973 – da endete die Anwerbephase – eingewandert waren, um zu arbeiten. Andere sind zurückgegangen.

„Es reichte fürs Essen und ab und zu fürs Kino“

So wie Agostino de Stefano. Er ist heute 88 Jahre alt, wohnt im Corviale, einem riesigen Hochhaus am Stadtrand von Rom. In den 1960er-Jahren arbeitete er in der Nähe von Stuttgart, zunächst auf dem Bau, später als Automechaniker.

In Kampanien hatte er keinen Job gefunden, mit dem er seine Frau und seinen kleinen Sohn ernähren konnte, also suchte er sein Glück in Deutschland. Der Anfang sei nicht leicht gewesen, sagt er. In den ersten 18 Monaten habe das Geld für einen Heimaturlaub nicht gereicht. „Das bisschen, was ich in meiner Anstellung verdient habe, habe ich meiner Frau geschickt. Und ich habe davon gelebt, was ich nebenher verdient habe. Das reichte fürs Essen und ab und zu fürs Kino.“

Als er noch kein Deutsch konnte, sei er oft beschimpft worden, erzählt er. Aber mit der Zeit habe er die Sprache gelernt, ganz ohne Sprachkurs, an einige Worte erinnert er sich bis heute.

Die deutsche Küche der frühen 1960er-Jahre war für viele „Gastarbeiter“ schwer verdaulich. Immerhin gab es, wie hier 1962 in Wolfsburg, schon damals Spaghetti.

Und mit den Deutschen habe er sich am Ende gut verstanden. Sie hätten ihn als fleißigen Arbeiter geschätzt, sagt er, er sei sogar Vorarbeiter geworden. Und auch, wenn er sich ans deutsche Essen nie gewöhnt und immer italienisch gekocht habe, habe er sich irgendwann doch vorstellen können, in Deutschland zu bleiben.

Eine kleine Wohnung zur Miete, ein Zimmer, Bad, Küche – das war seine Vorstellung. Das Kind sollte bei der Schwiegermutter in Italien bleiben. Aber dann sei seine Frau krank geworden, viereinhalb Jahre lang. „Und irgendwann war klar, das kann so nicht weitergehen, und ich musste eine Entscheidung treffen. Und ich habe gekündigt und bin zurück nach Italien. Aber Arbeit habe ich erst mal keine gefunden.“

Vertrauen auf eine Rückkehr

Keine Perspektive in Italien, dafür attraktive Jobmöglichkeiten in Deutschland – in gewisser Weise klingen die Geschichten des 88-jährigen Arbeiters Agostino und der 26-jährigen Ingenieurin Livia ziemlich ähnlich, obwohl so viele Jahrzehnte dazwischenliegen.

Aber fühlt sich Livia auch als künftige Gastarbeiterin? Ja, sagt sie, „irgendwie schon. Aber ich will daran glauben, dass ich viel privilegierter bin, weil meine Familie hinter mir steht. Wenn es in Deutschland nicht gut laufen sollte, kann ich nach Italien zurück und dann einen anderen Job im Ausland suchen. Bei den Gastarbeitern damals war das nicht so“.

Mehr Perspektiven, gerade für junge Leute in Italien, wünscht sie sich trotzdem. Damit junge Italienerinnen und Italiener sich wirklich frei entscheiden können, ob sie ins Ausland gehen – oder doch lieber bleiben.