Europa kehrt russischem Erdgas endgültig den Rücken. Spätestens Ende 2027 sollen weder Pipeline- noch Flüssigerdgas (Liquefied Natural Gas, LNG) auf dem europäischen Markt verbleiben. Der politische Beschluss ist gefasst, die rechtliche Umsetzung ist für 2026 vorgesehen. Damit markiert die Europäische Union einen historischen Einschnitt: Das Kapitel günstiger, zugleich geopolitisch riskanter Energieimporte aus Russland endet.

Europas Erdgas ist neu sortiert

Kremlsprecher Dmitri Peskow reagierte mit Warnungen auf die Entscheidung der EU. Europa werde von Erdgas abhängig sein, „das teurer und teilweise deutlich teurer ist als russisches Gas“, zitiert ihn die staatliche Nachrichtenagentur TASS. „Europa verurteilt sich damit zu wesentlich teureren Energiequellen, was unweigerlich Folgen für die europäische Wirtschaft und einen Rückgang der Wettbewerbsfähigkeit Europas haben wird.“ Doch die Fakten zeigen, dass Europa längst auf einem neuen Kurs ist – zwar teurer, aber auch stabiler und unabhängiger.

Vor dem Angriff auf die Ukraine stammten fast 45 Prozent des EU-Erdgases aus Russland. Heute liegt der Anteil laut Rat der Europäischen Union bei weniger als 19 Prozent – nur noch 11 Prozent davon als Pipelinegas. Norwegen ist mit 33,4 Prozent Marktführer, gefolgt von den USA und Algerien. Der Rückgang russischer Lieferungen von über 150 Milliarden Kubikmetern im Jahr 2021 auf 52 Milliarden im Jahr 2024 wurde durch wachsende LNG-Importe und sinkenden Verbrauch ausgeglichen.

Auch Deutschlands Importdaten zeigen den Bruch: Die Bundesnetzagentur registrierte ab 2022 den Einbruch russischer Gasflüsse über Nord Stream 1, während Zuflüsse aus Norwegen, Belgien und den Niederlanden stiegen. Seit Anfang 2023 weist die Bundesnetzagentur keine russischen Pipeline-Mengen mehr aus, und am 1. Januar 2025 endete auch der letzte Transit über die Ukraine.

Mit dem neuen Beschluss folgt auch die restliche EU dem Beispiel Deutschlands. „Heute treten wir in eine Ära der vollständigen Energieunabhängigkeit Europas von Russland ein“, konstatierte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Mittwoch. „REPowerEU hat geliefert. Es hat uns vor der schlimmsten Energiekrise seit Jahrzehnten bewahrt und uns dabei geholfen, in Rekordzeit von russischen fossilen Brennstoffen wegzukommen. Heute stellen wir diese Importe endgültig ein.“

Teurer, aber stabiler

Der Preis für diese Unabhängigkeit ist spürbar. Importiertes Erdgas kostete 2024 laut Statistischem Bundesamt im Durchschnitt rund 37 Euro pro Megawattstunde – gut 40 Prozent mehr als 2021, aber deutlich unter den Extremwerten des Krisenjahres 2022, als die Importpreise zeitweise über 80 Euro pro Megawattstunde lagen. Parallel dazu bewegt sich der Großhandel an der europäischen Title Transfer Facility (TTF) aktuell bei etwa 28 Euro pro Megawattstunde.

Laut einer Analyse des Oxford Institute for Energy Studies (OIES) unter Leitung von James Henderson erklärt die globale Knappheit an LNG-Kapazitäten den Preisschock 2022 – nicht primär der Rückgang russischer Gaslieferungen. Die Internationale Energieagentur (IEA) prognostiziert zudem, dass sich das globale Angebot bis Ende des Jahrzehnts deutlich erhöhen wird und damit mittelfristig Preisdruck erzeugen dürfte.

Simulationen zeigen: Europa hält stand

Ein Modell des Pacific Northwest National Laboratory (PNNL) hat untersucht, was passiert, wenn Russland seine Gaslieferungen an die EU komplett einstellt. Bereits 2024 kamen die Autor*innen im Rahmen ihrer in den Energy Strategy Reviews veröffentlichten Studie zu dem Schluss, dass die EU durch reduzierte Gasnachfrage, Ausbau erneuerbarer Energien und verteilte LNG-Infrastruktur einen dauerhaften Lieferstopp weitgehend verkraften kann.

Vor allem Nordwesteuropa zeigt sich in den Modellrechnungen widerstandsfähig, weil die Region bereits heute über dichte Importstrukturen verfügt: mehrere große Flüssigerdgas-Terminals, gut ausgebaute Pipelineverbindungen nach Norwegen sowie leistungsfähige Speicher. Diese Kombination erlaubt es, fehlende russische Mengen flexibel zu ersetzen und Lastspitzen abzufedern.

Das Modell macht jedoch ferner deutlich, dass diese Robustheit kein Selbstläufer ist. Kritisch wird es dann, wenn politische Entscheidungen – etwa langwierige Genehmigungsverfahren, stockende Netzausbauten oder nationale Vetos gegen Infrastrukturprojekte – den Ausbau erneuerbarer Energien und die notwendige Effizienzsteigerung bremsen. In solchen Szenarien steigen die Kosten nicht, weil Europa zu wenig Gas beschaffen könnte, sondern weil der strukturelle Umbau des Energiesystems zu langsam vorankommt und damit der Bedarf an fossilen Energieträgern künstlich hoch bleibt.

Das heißt: Die größte Gefahr liegt weniger im fehlenden Molekül, sondern im mangelnden Fortschritt beim Übergang zu einem weniger gasabhängigen Energiemix.

Drei mögliche Wege für Deutschland

Wie sich der deutsche Erdgasmarkt in den kommenden Jahren entwickelt, hängt weniger von einer einzigen Entscheidung ab als von einer Kombination aus Wetter, Infrastruktur, globalen LNG-Strömen und dem Tempo der Energiewende. Aus diesen Faktoren ergeben sich mehrere realistische Pfade, die jeweils unterschiedliche Risiken und Chancen für Preise, Versorgungssicherheit und Industrie mit sich bringen. Drei Szenarien zeigen, welche Bandbreite an Entwicklungen Deutschland bis 2027 erwarten kann:

  1. Geordneter Ausstieg
    Setzt die EU ihren Plan um und bleiben die Winter mild, könnten sich die Preise zwischen 30 und 50 €/MWh stabilisieren. Die Versorgung gilt als sicher.
  2. Stressszenario
    Ein kalter Winter oder Ausfälle großer LNG-Anlagen könnten kurzfristig Preisspitzen über 100 €/MWh auslösen. Doch volle Speicher und geringerer Verbrauch federn ab.
  3. Beschleunigter Wandel
    Läuft der Ausbau von Effizienz und erneuerbaren Energien schneller als geplant, sinkt der Gasbedarf weiter. Dann verschiebt sich der Kostendruck – von Erdgas zu Strom.

Welches dieser Szenarien eintritt, entscheidet sich nicht am Gasmarkt allein. Je schneller Deutschland und die EU Effizienz steigern, erneuerbare Energien ausbauen und Abhängigkeiten reduzieren, desto geringer fällt der Preisdruck aus – selbst in Belastungslagen wie einem kalten Winter oder globalen Angebotsengpässen. Für die Politik bedeutet das: Versorgungssicherheit entsteht heute weniger durch „billige Moleküle“ als durch Tempo, Planung und Umsetzungskraft.

„Großer Erfolg für uns und für ganz Europa“

Kremlsprecher Peskow ist der Meinung, die jüngste Entscheidung werde „den Prozess, der sich in den letzten Jahren abgezeichnet hat, dass die europäische Wirtschaft ihr Führungspotenzial verliert, nur noch beschleunigen“. Der dänische Minister für Klima, Energie und Versorgung zeigt sich in seinem Statement hingegen zuversichtlicher:

„Dies ist ein großer Erfolg für uns und für ganz Europa. Wir müssen die Abhängigkeit der EU von russischem Gas beenden, und ein dauerhaftes Verbot in der EU ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Ich bin sehr froh und stolz, dass wir so schnell eine Einigung mit dem Europäischen Parlament erzielen konnten. Dies zeigt, dass wir entschlossen sind, unsere Sicherheit zu stärken und unsere Energieversorgung zu sichern.“
Lars Aagaard

Europa reduziert seinen Bezug von russischem Erdgas Schritt für Schritt und macht sich damit unabhängiger von einem einzelnen Lieferanten. Die Kosten steigen, doch gleichzeitig wächst die strategische Handlungsfähigkeit. Russland verliert Marktanteile, während die Europäische Union ihre Versorgung breiter aufstellt und Risiken verteilt. Peskows Warnung trifft daher nur teilweise zu: Energie verteuert sich, wird durch Diversifizierung und klarere Rahmenbedingungen jedoch zugleich berechenbarer und sicherer.

Topaktuell

Quellen: TASS; Rat der Europäischen Union; Bundesnetzagentur; Europäische Kommission; Statistisches Bundesamt; „Quarterly Gas Market Review: Prices defy European fundamentals“ (OIES, 2024); „Gas 2025: Analysis and forecasts to 2030“ (IEA, 2025); „Energy system analysis of cutting off Russian gas supply to the European Union“ (Energy Strategy Reviews, 2024)

Hinweis: Ukraine-Hilfe

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