Noch ist kein Friedensvertrag unterzeichnet, doch Putins Forderung ist klar: Er will mindestens die eroberten Gebiete und dazu den gesamten Donbass. Die USA unterstützen diese Forderung in ihrem 28-Punkte-Plan.

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Verliert die Ukraine den Donbass, verliert sie einen Teil ihrer Identität. Und Putin gewinnt eine Region, die reich an Bodenschätzen ist. Das ist bekannt, weil die Ukraine diese detailliert vermessen hat. Mittlerweile hält das Land Informationen darüber unter Verschluss, manche Rohstoffreserven sind gar als geheim klassiert. Doch dank Archivdaten lässt sich zeigen, was auf dem Spiel steht: Rohstoffreserven, die auch die EU dringend braucht.

Kohle
27 Milliarden Tonnen Reserven

Der Donbass ist die Kohlekammer der Ukraine, und das schon seit Hunderten von Jahren. 1796 eröffnete das erste Bergwerk. Ein sowjetisches Propagandaplakat zeigt den Donbass als pumpendes Herz Russlands. Kein anderes europäisches Land hat grössere Reserven an Steinkohle.

29 Millionen Tonnen Kohle hat die Ukraine im Jahr 2021 gefördert. Davon stammten 41 Prozent aus jenen Gebieten, die Russland mittlerweile erobert hat oder haben will. Das zeigen Daten des ukrainischen Statistikdienstes.

Weitaus bedeutender sind jedoch jene Kohlevorkommen, die noch nicht erschlossen wurden. Das staatliche geologische Amt der Ukraine kam 2021 auf gesicherte Reserven in den besetzten Gebieten von 27,6 Milliarden Tonnen Kohle. Es schätzt, dass weitere 8 Milliarden Tonnen vorhanden sein könnten, die aber noch nicht vermessen wurden. Die Daten sind wegen des Kriegsrechts nicht mehr zugänglich.

Das bedeutet: Bekommt Russland den Donbass, würde es 67 Prozent der gesamten ukrainischen Kohlereserven kontrollieren. Nicht eingeschlossen sind jene kohlenreichen Gebiete im Donbass, die bereits 2014 von Russland völkerrechtswidrig annektiert wurden.

In diesen Gebieten befindet sich nicht nur die Mehrheit der Kohlereserven, auch die meisten der rund 150 Kohlebergwerke stehen bereits jetzt unter russischer Kontrolle.

Russlands neue Kohlereserven wären gewaltig, deren Abbau aber auch. Die ukrainische Kohlewirtschaft ist in desolatem Zustand. Seit dem Zerfall der Sowjetunion nimmt die Fördermenge stetig ab. Wurden 1989 noch rund 180 Millionen Tonnen gefördert, waren es 2021 noch deren 29 Millionen.

Die Minen sind technologisch veraltet, oft mafiös geführt und gefährlich. Berüchtigt ist etwa das Bergwerk Sassjadko in der von Russland 2014 besetzten Stadt Donezk. Hunderte Kohlearbeiter haben ihr Leben dort verloren. 2007 starben bei einer einzigen Methan-Explosion 101 Arbeiter, 93 weitere im selben Jahr bei zwei weiteren Unfällen.

«Trotz der strategischen Bedeutung von Steinkohle wird deren Förderung immer komplexer und schwieriger», schreiben ukrainische Forscher der Nationalen Bergbauuniversität in Dnipro. Das sei auf dünne Kohleflöze, hohen Gasgehalt, geringe Stabilität des umgebenden Gesteins und zunehmende Fördertiefe zurückzuführen.

Es geht aber auch anders: Die Minen in der Region Dnipropetrowsk wurden in den letzten Jahren privatisiert und modernisiert. 2021 förderten sie mehr als die Hälfte der ukrainischen Kohle. Doch selbst mit einem «Friedensplan» liegen diese ausserhalb von Putins Reichweite.

Lithium, seltene Mineralien, Titan
Die Hälfte der Lithiumvorkommen

Eine Energiewende ohne Lithium ist kaum vorstellbar. Der Rohstoff ist integraler Bestandteil von Batterien, und er ist selten.

Das hat auch die EU erkannt. Mit der Critical Raw Materials Act will sie unabhängig vom Ausland werden und kritische Mineralien wie Lithium teilweise selbst fördern. Bis heute dominieren Australien, Chile und China den Weltmarkt.

In der Ukraine befindet sich einer der grössten Lithiumvorräte Europas. In einer Werbebroschüre schreibt die Ukraine, dass genügend Lithium- und Grafitvorräte vorhanden wären, um 20 Millionen Elektrofahrzeuge anzutreiben.

Mindestens vier Lagerstätten sind bekannt. Zwei davon befinden sich in besetztem Gebiet in den Regionen Saporischja und Donezk. Wirtschaftlich genutzt wird keine der Lagerstätten. Der Gehalt und die Tonnage der gemeldeten Lagerstätten seien geringer als bei Weltklasse-Lagerstätten, heisst es in einem Bericht Ulrich Blums, des Professors und Gründers des Deutschen Lithiuminstituts, «aber das Niveau der ukrainischen Exploration ist noch wenig erforscht und könnte daher ein beträchtliches Potenzial bergen».

Im August hat die Ukraine Förderlizenzen für eine der Lithiumlagerstätten ausgeschrieben. Das könnte der Startschuss für das amerikanisch-ukrainische Mineralabkommen sein, das den USA Zugang zu ukrainischen Bodenschätzen gewährt.

Nebst Lithium befinden sich in den eroberten Gebieten auch andere Vorräte von selten vorkommenden Elementen wie Tantal, Niob, Rubidium oder Cäsium. Die britische Forschungsanstalt CEOBS hat 37 Lagerstätten mit kritischen Mineralvorkommen ausgemacht, die für die Herstellung von Chips, Batterien und Hightech-Geräten benötigt werden. Acht dieser Depots liegen in besetzten Gebieten. Nur eine Mine war bereits in Betrieb, als Putins Panzer die Grenze überquerten.

Eisen, Mangan, Uran
Erze, welche die Wirtschaft braucht

Die Ukraine führt die europäische Rangliste bei diversen Erzen an. Uran (Platz 1), Titan (Platz 2), Mangan (Platz 1) oder Eisen (Platz 1) etwa.

Die grössten Eisenerzvorkommen liegen jedoch in einem schmalen Gürtel östlich von Dnipro, weit weg von der Front. 14 der 260 Vorkommen jedoch liegen auf der Krim oder im besetzten Gebiet.

Die Ukraine deckt etwa die Hälfte ihres Energiebedarfs mit Atomstrom. Gleichzeitig ist es das europäische Land mit den grössten Uranvorkommen. Diese werden bereits abgebaut, können aber den Eigenbedarf des Landes nicht decken. Das Land ist auf Importe aus den USA und vormals aus Russland angewiesen.

Die Vorkommen konzentrieren sich auf das Zentrum der Ukraine. Vom russischen Angriffskrieg sind diese Vorkommen bisher nicht betroffen.

Gas und Öl
Rohstoffe, welche Russland bereits hat

Das drittgrösste Gasvorkommen in Europa liegt in der Ukraine. Allerdings sind die Vorkommen nur begrenzt erschlossen – günstiges russisches Gas hat dies bisher nicht nötig gemacht. Die Gasvorkommen konzentrieren sich im nordöstlichen Teil der Ukraine, im Westen nahe der polnischen Grenze sowie im Schwarzen Meer.

Mittlerweile kontrolliert Russland rund 20 Prozent und 150 Gasförderanlagen. Für Russland ein schöner Gewinn, aber dem Land mangelt es zurzeit nicht an Gas, sondern an Käufern.

Ähnlich verhält es sich mit den Ölreserven. Diese konzentrieren sich auf drei Regionen, zwei davon sind vom Krieg nicht betroffen: jene im Westen des Landes nahe der polnischen Grenze sowie im Nordosten in den Oblasten Sumi und Tschernihiw.

Schon länger unter russischer Kontrolle sind hingegen die Ölreserven auf der Halbinsel Krim.

Fruchtbare Böden
Weizen, Sonnenblumen und Raps

Die ukrainischen Böden gehören zu den fruchtbarsten der Welt. Das Land ist überzogen mit «Schwarzerde», einer besonders nährstoffreichen Erde (mehr zur ukrainischen Schwarzerde lesen Sie hier). Sie ist selten, nicht so in der Ukraine. Das Land besitzt ein Viertel der weltweiten Vorkommen.

Entsprechend ertragreich ist die ukrainische Landwirtschaft. Besonders Weizen wird in grossen Mengen angebaut. Das Korn ist für das Land so wichtig, dass es sogar in der Flagge verewigt wurde: goldgelbe Weizenfelder unter blauem Himmel.

Seit Kriegsbeginn ist die Weizenproduktion jedoch um eine Million Hektaren zurückgegangen. 2021 wurden 7,3 Millionen Hektaren bewirtschaftet, zurzeit sind es noch 6,3 Millionen. Das geht aus aktuellen Zahlen hervor, welche das Unternehmen One Soil anhand Satellitendaten erhoben hat.

Für die NZZ hat das auf die Vermessung der Landwirtschaft spezialisierte Unternehmen One Soil ausgerechnet, wie gross die Agrarfläche in den besetzten Gebieten ist. Zurzeit kontrolliert Russland ein Viertel der bewirtschafteten ukrainischen Weizenfelder, insgesamt 1,6 Millionen Hektaren. Seit 2021 sind durch Eroberungen 1,1 Millionen Hektaren dazugekommen.

Das Unternehmen schätzt, dass 2025 auf gestohlenem Land 7,2 Millionen Tonnen Weizen produziert wurden – 25 Prozent der gesamten ukrainischen Produktion.

Russland kontrolliert aber nicht nur Weizen, sondern auch 18 Prozent des Raps- und 15 Prozent des Sonnenblumenanbaus.

Ein teurer «Friedensplan»

Muss die Ukraine die eroberten Gebiete und den Donbass an den Angreifer abtreten, verliert sie den Zugang zu bedeutenden Bodenschätzen. Auch wenn viele davon bisher nicht erschlossen sind, entziehen sie dem Land langfristig essenzielle Bestandteile seiner Volkswirtschaft.

Methode
Viele Bodenschätze der Ukraine sind gut erforscht, aber seit Kriegsbeginn sind die Daten unter Verschluss. Die Geodaten wurden aus verschiedenen Archiven extrahiert und zusammengefügt. Seltene Elemente wurden anhand von Archivdaten, Ausschreibungen und Informationen von CEOBS erfasst. Für die Berechnung wurden die besetzten Gebiete (Stand 19. Dezember 2025) und der nicht eroberte Teil des Oblast Donezk verwendet.

Quellen
One Soil, CEOBS, Liveuamap