Die Europäische Union will spätestens 2027 vollständig aus russischem Erdgas aussteigen. Ein entsprechendes Gesetzespaket soll kommendes Jahr beschlossen werden, erste Verbote greifen bereits Ende 2026. Politisch ist der Kurs klar, wirtschaftlich jedoch sind die Folgen ungleich verteilt.

Erdgas: Zwei Gründe, eine Folge

Ein aktueller Bericht der Nachrichtenagentur Reuters sowie eine bereits im Mai veröffentlichte Analyse der EU-Energieaufsicht ACER zeigen: Fünf Mitgliedstaaten sind besonders stark betroffen.

Sie eint entweder eine hohe Abhängigkeit von russischem Pipeline-Erdgas oder eine zentrale Rolle beim Import russischen Flüssigerdgases (LNG) – zwei sehr unterschiedliche Ausgangslagen mit ähnlichem Risiko.

1. Ungarn: Alternativlose Pipeline-Abhängigkeit

Ungarn ist der größte Importeur russischen Erdgases in der EU. Die Lieferungen erfolgen überwiegend über die TurkStream-Pipeline, ergänzt durch einen langfristigen Vertrag bis 2036. Als Binnenstaat ohne LNG-Terminal fehlen kurzfristige Ausweichmöglichkeiten.

Ungarn importierte 2025 wahrscheinlich zwischen 8 und 8,5 Milliarden Kubikmeter russisches Erdgas, mit weiter steigender Tendenz. Das geht aus einem Bericht der russischen Nachrichtenagentur Interfax unter Berufung auf eine bereits im Juni angestellte Prognose des ungarischen Außenministers Peter Szijjarto hervor. Das erklärt auch den scharfen politischen Widerstand des Landes gegen die EU-Pläne.

2. Slowakei: Neues Routing, gleiche Abhängigkeit

Mit dem Ende des Gastransits durch die Ukraine zum 1. Januar 2025 verlor die Slowakei ihre wichtigste Erdgas-Route. Zwar fließt weiterhin russisches Erdgas, nun aber über Ungarn und TurkStream. Reuters zufolge sollen die Mengen ab Frühjahr 2025 sogar steigen. Für Bratislava bedeutet das weniger Versorgungssicherheit und höhere politische Abhängigkeit.

3. Frankreich: Europas wichtigstes Tor für russisches LNG

Frankreich ist laut ACER der größte Importeur russischen LNGs in der EU. Zusammen mit Spanien und Belgien entfielen 2024 85 Prozent der russischen LNG-Mengen auf diese drei Länder. Frankreichs Rolle als Import- und Verteildrehscheibe, etwa über den Terminal in Dunkerque, macht ein Importverbot besonders einschneidend, auch weil langfristige Lieferverträge betroffen sind.

4. Spanien: Viel Infrastruktur, hohes Risiko

Spanien verfügt über die größte LNG-Importkapazität Europas. Diese Stärke wurde nach 2022 zur Abhängigkeit: Spanien stieg zu einem der größten Abnehmer russischen LNGs auf. Laut ACER liegt das Land EU-weit auf Platz zwei. Ein Stopp trifft weniger die physische Versorgung als die Wirtschaftlichkeit der Infrastruktur.

5. Belgien: Kleiner Markt, große Hebelwirkung

Belgien importiert relativ wenig Erdgas für den Eigenbedarf, spielt aber mit dem Hafen Zeebrugge eine Schlüsselrolle im europäischen Gashandel. Auch hier kam viel russisches LNG an. ACER weist darauf hin, dass Weiterleitungen innerhalb der EU schwer nachzuverfolgen sind – ein Problem für Regulierung und Markttransparenz.

Topaktuell

Erdgas bleibt kurzfristig unverzichtbar

Zwar sinkt der Anteil russischen Erdgases am EU-Energiemix deutlich, während erneuerbare Stromerzeugung stark wächst, wie Daten des Think Tanks Ember zeigen. Doch kurzfristig bleibt Erdgas für Industrie, Stromversorgung und Millionen Haushalte zentral. Die Internationale Energieagentur (IEA) betont zudem, dass LNG klimapolitisch problematisch ist, Emissionen jedoch technisch deutlich senkbar wären.

Der Ausstieg aus Russlands Gas ist damit kein gleichmäßiger Schnitt, sondern ein Stresstest für Europas Energiearchitektur – mit besonders hohen Kosten für jene Staaten, die geografisch, infrastrukturell oder vertraglich am stärksten gebunden sind.

Quellen: Reuters; „Analysis of the European LNG market developments“ (ACER, 2025); Interfax; Ember; „Assessing Emissions from LNG Supply and Abatement Options“ (IEA, 2025)

Hinweis: Ukraine-Hilfe

Seit dem 24. Februar 2022 herrscht Krieg in der Ukraine. Hier kannst du den Betroffenen helfen.