Magdeburg. Stille Nacht, heilige Nacht. Der THW Kiel hat sich beim Bundesliga-Tabellenführer SC Magdeburg mit einem Punkt beschenkt. Am Ende sicherte Routinier Hendrik Pekeler mit einem Sprung ins Glück das 26:26-Unentschieden der Zebras beim Champions-League-Sieger. „Niko hat mir die Verantwortung gegeben. Ich wusste, dass nicht mehr viel Zeit ist, und jetzt bin ich sehr zufrieden“, sagte ein strahlender Pekeler nach seinem Treffer zwei Sekunden vor dem Ende.

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Den ersten Kollaps erleidet am frostig kalten Dienstagabend an der Elbe allerdings Magdeburg. Zumindest der Verkehr, der sternförmig zur Getec-Arena zum Erliegen kommt. Mehr als 25.000 haben ihre Stimmen für das zeitgleich zu dem Nachholspiel im Stadion des Fußball-Zweitligisten 1. FC Magdeburg nebenan angesetzte Weihnachtssingen geölt. Alle Jahre wieder – erweist der völlig absurde Handball-Kalender den Protagonisten dieser Sportart einen Bärendienst. Für den THW Kiel ist es das dritte Spiel in sechs Tagen. O du fröhliche!

Niko hat mir die Verantwortung gegeben. Ich wusste, dass nicht mehr viel Zeit ist, und jetzt bin ich sehr zufrieden.

Hendrik Pekeler

THW-Routinier

Emil Madsen, Bence Imre und nun auch noch Spielmacher Elias Ellefsen á Skipagøtu fehlen dem Rekordmeister verletzt. Nikola Bilyk führt im Rückraum zwischen Harald Reinkind und Eric Johansson Regie. Das Trio braucht eine Weile, um Tiefe zu erzeugen. Tiefe, die sich mit zunehmender Spieldauer aus Tempo und Mut speist. Ja, zu leicht kommt SCM-Schlussmann Sergey Hernández zu seinen ersten Paraden, zu leicht ist das Kieler Spiel auszurechnen.

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Doch aus dem sicheren Fundament einer wirklich starken, leichtfüßigen Deckung, hinter der Nationaltorwart Andreas Wolff wichtige Nadelstiche setzt, zwei Siebenmeter pariert (16./17.) finden die Kieler ins Spiel. Stark, wie Hendrik Pekeler und Veron Nacinovic mit ihrer Spannweite Räume eng machen. Wie Domagoj Duvnjak, Magnus Landin und Co. flink zu doppeln wissen, Ex-Zebra Gisli Kristjánsson und seinem isländischen Landsmann Ómar Ingi Magnússon das Leben schwer machen.

Abwehrschlacht: Zur Pause steht es 13:13

Phasenweise operiert THW-Cheftrainer Filip Jicha mit einem Dreier-Wechsel, vertraut Lukas Laube, Landin und Reinkind im Angriff, während Pekeler, Nacinovic, Duvnjak in der Abwehr malochen. Richtig in Position gebracht, zündet Harald Reinkind auf der rechten Seite, sorgt beim 8:7 (18.) für die erste Kieler Führung. Eric Johansson schüttelt den Frust der vergangenen Spiele ab, übernimmt Verantwortung mit Schlagwurf-Repertoire (12:11/25.). Es ist kein Turbo-Festival, weil der THW klug dosiert, auf die Positionskarte setzt, nie den Kopf verliert. 13:13 zur Pause.

Vielleicht war es illusorisch, zu glauben, der THW könne dieses (Defensiv-)Pensum auch nach der Pause aufrechterhalten. Mit Beginn des zweiten Abschnitts treten Kieler Probleme im Rückzug auf, kommt der SCM mit Daniel Pettersson ins Laufen. Vor Spielbeginn hatte der Champions-League-Sieger die 6600 in der ausverkauften Arena mit der Vertragsverlängerung des Schweden bis 2027 in Ekstase versetzt. Eine Art Weihnachtspräsent, auf das die Kieler Fans am vergangenen Sonnabend vergeblich gewartet hatten.

7:1-Run der Gastgeber nach Wiederanpfiff

Mit einem 7:1-Run geht der Gastgeber mit 20:16 in Führung (41.). Besonders Kristjánsson sorgt für Abrieb in der Kieler Defensive. Geht da noch was? Ja! Teufelskerl Wolff geht, der bei zahlreichen SCM-Treffern ans Gebälk auch das Glück des Tüchtigen hat. Im Angriff setzen Müdigkeit, Stagnation ein. Doch die „Alleinunterhalter“ Johansson und Reinkind bekommen keine Pause. Youngster Rasmus Ankermann muss weiter auf der Bank schmoren.

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Eine von vier Siebenmeter-Paraden von THW-Keeper Andreas Wolff (Mitte), hier gegen Ómar Ingi Magnússon (rechts).

„Alles spricht beim 20:16 für uns, aber dann geht es mir viel zu schnell, kommen wir nicht ins Verteidigen“, kritisiert SCM-Trainer Bennet Wiegert. Und dann pariert Andi Wolff seinen vierten Siebenmeter (gegen Magnússon/54.), schweißt Reinkind den Ball in den Winkel (24:23 für den THW/55.), trifft wieder (25:24/56.), pariert der unglaubliche Wolff einen Gegenstoß von Elvar Örn Jonsson (56.). Doch Laube trifft nur den Pfosten. Was ist das bloß mit der Kieler Chancenverwertung frei vor dem Tor? Magdeburg verdichtet weiter glänzend mit Magnus Saugstrup.

Hendrik Pekeler: Vom Himmel hoch, da komm ich her

Kristjánsson on fire (26:25/59.), Auszeit THW Kiel, noch eine Minute zu spielen. Fast geht der letzte Ball verloren, dann endet alles mit einem Weihnachtsgemälde, einem Kempatrick von Johansson auf Reinkind. Hernández pariert. Alles aus? Nein, Pekeler macht das Unmögliche per Sprungwurf möglich. Vom Himmel hoch, da komm ich her! Der 34-Jährige zielt über Christian O’Sullivan hinweg, spricht selbst von einem „Schuss ins Glück”. Wolff hält auch den letzten Verzweiflungswurf. 26:26! Ein Remis, das sich wie Balsam auf Kieler Seelen anfühlt.

„Weihnachtsmensch“ Filip Jicha wäre am liebsten irgendwo bei seiner Familie und würde lieber „nicht mit Benno hier sitzen“. Der findet das Remis „sehr, sehr gerecht“. Und dann verabschiedet sich der Mannschaftsbus des THW Kiel in die Nacht. Driving home for Christmas.

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SC Magdeburg – THW Kiel 26:26 (13:13)

SC Magdeburg: Hernandez (1.- 60. Minute/12 Paraden) , Mandic (bei einem Siebenmeter/0) – Musche 2/2, Claar 1, Zechel n.e., Kristjansson 6, Pettersson 3, Magnússon 4/1, Hornke 1, Jonsson 1, Weber n.e., Lagergren, Mertens 6, Saugstrup 2, O’Sullivan, Bergendahl.

THW Kiel: Wolff (1.-60. Minute/ 15/4 Paraden) Peréz de Vargas (bei zwei Siebenmetern/0) – Duvnjak, Reinkind 7, Landin 1, Øverby n.e., J. Dahmke n.e., Laube 2, Johansson 4, Ankermann n.e., R. Dahmke, Zerbe 7/5, Abdelhak n.e., Bilyk 3, Pekeler 2, Nacinovic.

Schiedsrichter: Ramesh Thiyagarajah/Suresh Thiyagarajah (München/Köln) – Strafminuten: SCM keine, THW 12 (2x Pekeler, R. Dahmke, 2x Nacinovic, Bilyk) – Siebenmeter: SCM 7/3 (Wolff pariert 2x Magnússon, Hornke und Musche), THW 5/5 – Spielfilm: 1:0, 3:3 (9.), 6:6, 7:8 (18.), 10:9, 11:12 (23.), 13:13 – 13:15, 17:15 (37.), 20:16, 20:20 (47.), 22:20, 23:23, 23:24 (55.), 26:25, 26:26 – Zuschauer: 6600 in der Getec-Arena in Magdeburg (ausverkauft).

KN