Seine vorherige Adresse: Das Haus der Wohnhilfe südlich der halleschen Innenstadt. „Trüb, traurig, perspektivlos“, erinnert sich Mario an das Leben in der Unterkunft für Wohnungslose. „Wer sowas noch nicht erlebt hat, der kann sich das nicht vorstellen, wie perspektivlos das ist. Man entwickelt einen Kreislauf, der irgendwann nicht mehr zu stoppen ist.“ Der Alltag für viele dort: Zum Frühstück zur Bahnhofsmission. Mittagessen in der Wärmestube. Nachmittags zum „Bus Vierjahreszeiten“.

Das kann ja nicht der Lebenskreislauf sein. Da muss man irgendwann wieder rauskommen.

Mario

Vom Dreibettzimmer zur eigenen Wohnung

Mario hat es geschafft. Das Schönste nach den Monaten im Dreibettzimmer? „Ich kann meine Tür hinter mir zumachen“, sagt er. Ruhe. Privatsphäre. Und Raum, sein Leben wieder in die Spur zu bringen. Mario schnappt sich einen alten Schuhkarton, wickelt Tassen aus der Folie und stellt sie behutsam in die verspiegelte Glasvitrine seiner Schrankwand. Die Motive: Züge, Loks und die Berliner S-Bahn. Mario hat einen großen Teil seines Lebens in Berlin verbracht. Zuletzt hatte er aber mit Frau und Kindern im sächsischen Vogtland gelebt. Familienleben auf drei Zimmern Altbau.

Seine neuen Möbel kommen teilweise aus dem Sozialkaufhaus, aber Mario hatte auch Hilfe von einem guten Freund. „Komm Leopold, komm“, sagt er und kippt eine Packung Katzenfutter in den Napf seines Katers. 14 Wochen ist der gerade einmal alt, ein Geschenk seiner Tochter zum Geburtstag. Dann wirft er sich eine Jacke über, zieht die Tür hinter sich zu. Seine Tür.

Nächster Schritt: Arbeitssuche

In Halle muss er jetzt seinen Platz finden. „Ich brauch‘ ein bisschen was zu tun. Den ganzen Tag nur in der Bude sitzen, da fällt dir die Decke auf den Kopf.“ Auch deshalb ist er heute wieder mal unterwegs nach Halle-Ost, zur CompetenzWerkstatt Beruf. Heute: Der erste Besuch seit dem Einzug.

Am Ende des Flurs trifft Mario auf Mareike Küttner. „Grüße Sie“, sagt er, strahlt und umarmt sie dabei. Man spürt die Dankbarkeit. Sie hat die Wohnung für ihn gefunden, den Kontakt zum Vermieter hergestellt, Mut gemacht. „Sie haben ja eiskalte Hände. Wollen Sie einen Kaffee?“, fragt Küttner zurück, scherzt: „Sie haben ja eine Flatrate.“

Beratungsgespräche wie dieses sind Teil der Psychosozialen Beratung, die Kosten dafür trägt die Stadt Halle. Heute geht es für Mareike Küttner um die Versorgung mit einem Hausarzt. Und: Um die Frage nach einer neuen Arbeit. Mario ist Mitte 50, hatte schon viele Jobs: Maschinenschlosser gelernt, zuletzt als Security gearbeitet. Dann wurden die Rückenprobleme zu groß.

„Die Wohnung ist ja nur der erste Schritt“

„Wir haben gerade in letzter Zeit gute und tolle Arbeitgeberkontakte gehabt“, erzählt Küttner. „Wo auch im Sicherheitspersonal immer wieder gesucht wird. Können Sie sich grundsätzlich vorstellen, im Sicherheitsdienst nochmal was zu machen? Als Pförtner oder im Supermarkt zum Beispiel?“ Mario nickt. Und Mareike Küttner will ihm ein Praktikum organisieren. „Super, eine Perspektive“, sagt Mario. „Die Wohnung ist ja nur der erste Schritt.“

Nicht viele schaffen es so schnell zurück auf die Spur wie Mario. Aber er hatte auch gute Karten: Keine Mietschulden, keine Drogensucht, gültige Papiere. Ein klarer Verstand, die richtigen Tipps und ein soziales Umfeld. Aber auch das reicht nicht immer, wenn man erst einmal auf der Straße ist. „Ich hab halt auch viel Glück gehabt“, sagt Mario. „Aber nicht jeder hat so viel Glück.“