Wenn einen die Vergangenheit einholt, heißt das oftmals nichts Gutes. Ganz anders bei Ulf Kirsten (60): Die Stürmer-Legende bekam jetzt endlich einen DDR-Pokal, den er schon vor 35 Jahren hätte bekommen müssen!

Rückblick: In der Saison 1989/1990 wurde der damalige Dynamo-Spieler mit großem Vorsprung zum DDR-Fußballer des Jahres gewählt, was stets mit dem „Silbernen Fußballschuh“ honoriert wurde. Dieser Wanderpokal wurde im Original am ersten Spieltag der Folgesaison feierlich übergeben, danach aber gleich wieder eingezogen. Für den Gewinner gab’s dann später eine Miniaturausgabe.

Mehr zum ThemaHeiko Scholz überrascht Kumpel Kirsten

Nicht aber für Kirsten! Der Vollblut-Stürmer war inzwischen zu Bayer Leverkusen gewechselt, erhielt das Objekt der Begierde auch tatsächlich – aber eben nur kurz. „Ich habe damals ein Foto gemacht, als ich den Pokal überreicht bekommen habe“, erinnert sich Kirsten. „Danach hieß es, ich bekomme eine andere Variante zugeschickt. Die ist aber nie angekommen. Irgendwann habe ich noch einmal nachgefragt, dann ist es in Vergessenheit geraten.“

Bis kurz vor Weihnachten. Beim diesjährigen Walter-Fritzsch-Turnier für Traditionsteams (u.a. mit Dynamo Dresden, Werder Bremen, Kaiserslautern, Magdeburg) traute Kirsten, der als Schirmherr fungierte, seinen Augen nicht: Sein früherer Mitspieler, bester Kumpel und Co-Trainer bei Zweitligist Dresden Heiko Scholz (59), zauberte tatsächlich eine Nachbildung des „Silbernen Fußballschuhs“ aus dem Sack und übergab ihn unter tosendem Applaus der 2500 Zuschauer in der Dresdner Ballsport Arena an seinen neuen Besitzer.

Endlich hat er seinen Pokal: Ulf Kirsten mit dem „Silbernen Fußballschuh“

Endlich hat er seinen Pokal: Ulf Kirsten mit dem „Silbernen Fußballschuh“

Foto: DRESDNER FUSSBALLMUSEUM

Pokal für Kirsten extra nachgebaut

Kirsten, der seit Jahren als Markenbotschafter für seinen Heimatverein Dynamo tätig ist, völlig überwältigt: „Das ist wirklich etwas ganz Besonderes. Eine riesige Überraschung, mit der ich überhaupt nicht mehr gerechnet hätte.“ Eingefädelt wurde sie vom Traditionsbeauftragten des Ostklubs Jens Genschmar und von Turnier-Organisator Niels Grell samt dessen Orga-Team.

Deren Motto: Klotzen statt kleckern. Sie marschierten zur weltbekannten Dresdner Hochschule für bildende Künste und fanden bei Professor Ulrich Eißner (63) offene Ohren. Das künstlerische Multitalent – er ist Texter, Pianist, Zeichner, Grafiker, Theaterplastiker und Bildhauer – erklärte sich sofort bereit, den Pokal nachzubauen. Was ihm vorzüglich gelang.

Die Nachbildung für Kirsten ist deutlich größer, als das Original

Die Nachbildung für Kirsten ist deutlich größer, als das Original

Foto: DRESDNER FUSSBALLMUSEUM

Wanderpokal steht bei Torsten Gütschow

Als Vorbild diente eine Trophäe von Dynamo-Legende Hans-Jürgen Dörner († 70). Genschmar: „Dixie wurde dreimal DDR-Fußballer des Jahres. Einen der drei silbernen Fußballschuhe hatte er dem Dresdner Fußballmuseum geschenkt.“ Witzig: Die Nachahmung für Kirsten wurde bewusst größer gestaltet, als das Original. Grell schmunzelnd: „Das sind die Wartezinsen, die wir einfach mit reingepackt haben.“

„Es war nach 35 Jahren wirklich an der Zeit, dass der Pokal endlich an Ulf Kirsten übergeben wurde“, sagt Mit-Initiator Genschmar. „Der Titel Fußballer des Jahres steht in seiner Biografie, den kann man ihm nicht wegnehmen. Das wäre ja so, als ob ein Weltmeister keine Medaille bekäme.“

Übrigens: Der Wanderpokal, den alle Gewinner so schnell wieder abgenommen bekamen, steht inzwischen bei Kirstens früherem Dynamo-Kollegen Torsten Gütschow (63). Der Ex-Torjäger wurde 1991 letzter DDR-Fußballer des Jahres. Weil es den Staat da bereits nicht mehr gab, wollte das wertvolle Stück ostdeutscher Zeitgeschichte auch keiner mehr zurückhaben …