Wenn man Kurt Idrizović in seiner Buchhandlung am Obstmarkt besucht, ist er stets beschäftigt. Ein Kunde möchte den Rat des Fachmanns: „Hast du einen Krimi da, mit etwas Erotik?“ Idrizović überlegt kurz und zieht ein Buch aus dem Regal: „Das würde ich empfehlen. Das ist heute taufrisch gekommen.“ Wenn kein Kunde da ist, werden Pakete verräumt, mal eben die Stadtbücherei mit neuer Literatur versorgt oder telefonisch die nächsten Veranstaltungen koordiniert. Idrizović ist seit Jahrzehnten eine feste Größe im kulturellen Leben Augsburgs. Aber wer ist dieser Mann wirklich? Und was macht seine Biografie aus?
„Ich bin hier – wie der Augsburger sagt – „aufgräumt“. Hier habe ich meine Kunden, meine Gäste, meine Freunde. Mein Leben ist dieser Laden“, sagt Idrizović und schaut sich in seiner Buchhandlung um. 73 Jahre ist er alt, seit 1984 führt er den Laden, der für viele weit mehr als ein Geschäft ist. Dass der gebürtige Augsburger in all den Jahren zu einer Art literarischem Gesicht der Stadt geworden ist, liegt nicht nur an seiner Leidenschaft für Bücher, sondern auch an seiner Verbundenheit mit der Stadt, in der er aufgewachsen ist.
Kurt Idrizović: Aufwachsen in der Vorstadt Lechhausen
1952 wurde Idrizović in Lechhausen geboren, der „Arbeitervorstadt“, wie er sie nennt. „Es gab zwei oder drei Autos in unserer Straße, wir konnten dort früh Fußball spielen.“ Wer in Lechhausen zu dieser Zeit aufgewachsen ist, dem sei die Biografie eigentlich vorgezeichnet: Nach der Volksschule wird eine Lehre gemacht, um möglichst früh „Geld nach Hause zu bringen“.
Aber es gab etwas, das ihm schon in der Kindheit andere Welten zeigte. Welten, die über das beschauliche Lechhausen hinausgingen. In Abenteuergeschichten von Karl May oder Jack London schuf er sich seine eigenen Welten. Dort fand er auch Antworten auf Fragen der Identität: Wer bin ich und wer will ich sein? Sein Vater kam aus Montenegro, war Muslim, die Mutter evangelisch. „Da fängt die Identitätsfrage schon an“, sagt er.
Während des Gesprächs kommen immer wieder Kunden herein, manchmal sind es auch Freunde, oder Kunden, die zu Freunden geworden sind. Mit allen hält Idrizović einen Plausch. Erst vor kurzem war Angela Merkel für eine Signierstunde in seiner Buchhandlung. „Oh, was das für ein Aufwand war mit dem Bundeskriminalamt“, sagt Idrizović zu einer Freundin, die gerade ein Buch abholt. Es gibt viel zu erzählen.
Kurt Idrizović ist immer im Einsatz für sein Augsburg
Nach einer Kaufmannslehre konnte er mit Ende 20 über den zweiten Bildungsweg das Abitur nachholen und ein Studium beginnen. Davor gründete er mit 25 Jahren gemeinsam mit Freunden die Augsburger Monatszeitung „Luginsland“. Sie wollten mit diesem Projekt in ihre Stadt „lugen“, in ihre Stadt schauen und herausfinden, wer sie prägt, was sie zusammenhält und was ihre Bewohner bewegt. Es war der Beginn eines lebenslangen Interesses an Stadtpolitik und einer kritischen, aber zugewandten Beobachtung, was in seiner Heimatstadt vor sich geht.
Und wenn Idrizović etwas zu langsam ging, dann hat er versucht, Dinge selbst anzustoßen. „Wenn man meckert, muss man auch was tun“, sagt er und schmunzelt. Umso mehr, wenn es dabei um Bücher und dessen Verfügbarkeit geht. 2005 initiierte er zusammen mit Mitstreitern ein Bürgerbegehren, das schließlich den Neubau der Stadtbücherei am Ernst-Reuter-Platz auf den Weg brachte. Auch in aktuellen Debatten bringt sich Idrizović immer wieder ein: Er gilt als einer der schärfsten Kritiker, was die Sanierung des Augsburger Staatstheaters für rund 420 Millionen Euro anbelangt.
Spaziergänge auf Brechts Spuren
Idrizović steht auf, denn er will noch einen Teil der Buchhandlung zeigen, die er einem ganz besonderen Augsburger gewidmet hat: Bertolt Brecht. Im hauseigenen Bert-Brecht-Shop gibt es alles, was Fans des Dichters mögen könnten. Und sein Lieblingswerk? Die Hauspostille. Dort finden sich frühe Gedichte von Brecht, in denen er sein Leben in Augsburg auf humoristisch-kritische Art verarbeitet. „Wer sich mit Augsburg beschäftigt, landet irgendwann bei Brecht“, sagt er. Ihn fasziniert, dass dieser „Weltklasseschriftsteller“ in denselben Straßen aufwuchs, am gleichen Fluss spielte, dieselbe Mentalität kannte. Augsburg und Brecht, das war keine einfache Beziehung. „Brecht war politisch, so wie ich auch. Das mögen Städte selten, wenn jemand zu genau hinschaut“, meint Idrizović. Heute bietet der Buchhändler Spaziergänge auf Spuren des Dichters an.
Idrizović liebt sein Augsburg. Und seinen Buchladen. Ans aufhören, so verrät er am Ende des Gesprächs, will er auch mit 73 Jahren nicht denken: „Mein Leben ist dieser Laden und ich will mein Leben auch nicht aufs Spiel setzen.“
Der Artikel ist Teil unserer Videoserie „Augsburg, deine Menschen“. Lesen und sehen Sie weitere Begegnungen:
Dieser Artikel zählt zu unseren Favoriten aus dem Jahr 2025. Er stammt aus dem Archiv, aber wir wollten Ihnen die Lektüre – und das Video – noch einmal ans Herz legen. Zuerst wurde er am 12. November veröffentlicht.
-
David Honold
Icon Haken im Kreis gesetzt
Icon Plus im Kreis
-
Augsburg
Icon Haken im Kreis gesetzt
Icon Plus im Kreis
-
Obstmarkt
Icon Haken im Kreis gesetzt
Icon Plus im Kreis