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Henrik Boldt ist der zuständige Architekt für den Verdener Dom. Henrik Boldt ist der zuständige Architekt für den Verdener Dom. © Pauline Vockenroth

Henrik Boldt führt auf den Dachboden des Verdener Doms. Dort offenbart sich eine faszinierende Holzkonstruktion aus dem Mittelalter.

Hohe Wände mit runden Decken, buntes Licht, das durch die Fenster fällt, und der weite Hall an Schritten und Geflüster. Kirchen vermitteln Ehrfurcht und Ruhe. Beim Blick in die Höhe kommt das Gefühl auf, dass alles andere klein scheint. Mit voller Absicht: Kirchen sind konzipiert, um zu beeindrucken und innezuhalten. Sie sind Meisterwerke der Architektur, die berühmtesten unter ihnen sind viele hundert Jahre alt und geben einen Einblick in das Genie früherer Baumeister. Der Verdener Dom ist eines dieser Bauwerke, die auch hinter den Kulissen faszinieren. Abseits des Kirchenschiffs, auf der anderen Seite der rot gestrichenen Kuppel, zeigt sich eine Perspektive, die nicht weniger beeindruckend ist.

Im Haupteingang des Foyers steht ein Modell des Dachstuhls. Verdener Dom Im Haupteingang des Foyers steht ein Modell des Dachstuhls. © Pauline Vockenroth

Ein Haftungsverzicht ist notwendig, wenn Architekt Henrik Boldt den Dachboden und Domturm zeigt. Er ist seit Jahren der zuständige Architekt für das Bauwerk und die weiteren Liegenschaften des Domstrukturfonds Verden (DSV), dem auch der Dom gehört. Der DSV wird verwaltet von der Klosterkammer Hannover und finanziert die Bestandserhaltung, etwaige Renovierungen und Sanierungen seiner Liegenschaften. Dafür werden weder staatliche noch kirchliche Steuern verwendet. Alle Einnahmen kommen durch sogenannte Erbbaurechte, welche der Fonds verwaltet.

Über eine schmale, steinerne Wendeltreppe geht es im Turm neben der barocken Hillebrand-Orgel 20 Meter nach oben auf den Dachboden. Das Licht ist karg auf der Treppe, die Stufen ausgetreten und nur ein Seil in der Mitte dient als Haltehilfe. Der Aufstieg ist ein kleines Abenteuer für sich. Und dann ist man oben. Über der Decke und in einem Gerüst aus zahlreichen Holzbalken, alle so erhalten wie zu Zeiten ihrer Erbauer. Der Dachstuhl selbst ist rund 20 Meter hoch und sitzt auf dem Kirchenschiff. Wer nicht die Möglichkeit hat, einen Blick auf den Dachboden in Originalgröße zu bekommen, beispielsweise zum Tag des offenen Denkmals, der findet im Foyer des Kirchenschiffs eine Nachbildung des Holzgerüsts. „Man kann erkennen, dass das Holz für die Balken geflößt wurde“, erklärt Boldt. Es wurde also über die Weser nach Verden transportiert – ist kontrolliert über den Fluss getrieben worden. Woher es genau kommt, ist nicht klar, Boldt vermutet jedoch, dass es aus dem Vorharz kommen könnte, beispielsweise über die Oker bei Goslar.

Der Bau des hochgotischen Doms, wie er heute zu sehen ist, begann gegen 1290. Immer wieder durch Mangel an finanziellen Mitteln begründet, begannen die Arbeiten erneut jeweils 1306 und 1323, bevor sie 1326 vorerst zum Erliegen kamen. Erst 1474, nach 150 Jahren, begann der letzte Bauabschnitt. Auch wenn sich im Verlauf der Bauzeit die Bauweise für Dachkonstruktionen weiterentwickelt hatte, wurde die Technik für den Dachstuhl beibehalten. Was besonders beeindruckend ist, kennt Boldt an.

Neben der Holzkonstruktion gibt es noch mehr auf dem Dachboden zu bestaunen. Von der „dunklen Seite“ betrachtet, verliert die Decke des Kirchenschiffs etwas von der symmetrischen Eleganz, die im Kirchenschiff zu sehen ist, aber die Bautechnik aus Ziegelsteinen ist dadurch nicht minder interessant. Über Holzbrücken geht es zwischen den Kuppeln entlang auf die andere Seite des Doms. Es bedarf einer weiteren Holztreppe, bis es in den Domturm geht, in dem die Kirchenglocken hängen.

Der Domturm besteht quasi aus zwei Bauwerken, erklärt der Architekt. Dem inneren Holzturm, an dem auch die Glocken befestigt sind, und dem äußeren Backsteinturm. Beides sei wichtig, um der Last und den Schwingungen standzuhalten. Die Außenhülle aus Steinen sei geeignet, um die vertikale Belastung zu halten, da die Schwingungen der Glocken sich jedoch horizontal ausbreiten, ist es wichtig, dass die Glocken am Holzgerüst hängen, bei dem die Schallabsorption genau umgekehrt ist.

Auf dem Rückweg an den Dachfenstern vorbei, über die man eine gute Aussicht über das Umland bekommt. Sollte es zwischen den Holzbalken mal zu einem Brand kommen, gibt es auch eine Holztür, über die die Feuerwehr in den Dom von oben einsteigen kann. Das würde regelmäßig geübt, so Boldt.

Dachstuhl des Verdener Doms.Der Dachstuhl des Verdener Doms. © Pauline Vockenroth

Abwärts geht es wieder über die steinerne Wendeltreppe, in der das Licht nur durch kleine Scharten einfällt. Immerhin sind keine Spinnen zu sehen. „Die sitzen hier alle im Keller“, erzählt Boldt mit einem Schmunzeln. Die letzten Meter noch und durch die Holztür geht es wieder zurück ins lichtdurchflutete Kirchenschiff. Von der hölzernen Welt über der Deckenkuppel ist nichts mehr zu sehen. Aus weißem Strahler-Licht ist wieder Sonne und Buntglas geworden.