In Dietlikon verschwindet eine wichtige Arbeit von Jürg Altherr – und sie ist nicht das einzige Kunstwerk, das plötzlich weg ist.

BIlder PD, Illustration Ida Götz / NZZ

Vor der Migros in Dietlikon fristet ein Steinbrunnen jahrelang ein trostloses Dasein. Er ist defekt und von Unkraut überwuchert. Manchmal klettern Kinder darauf herum, am Wochenende hinterlassen Teenager auf dem Weg zum Bahnhof leere Chipstüten und zerknüllte Bierdosen.

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Die Gemeinde entscheidet: Der Brunnen muss weg. Er ist für die Bevölkerung unzumutbar und steht dem Neubau einer Migros-Filiale und einer Bushaltestelle im Weg. Und so fahren eines Tages die Laster auf und entsorgen die Steinbrocken.

Es dauert mehr als ein Jahr, bis der Gemeinde Dietlikon klarwird, was sie da entsorgt hat: eine wertvolle Arbeit des 2018 verstorbenen Schweizer Künstlers Jürg Altherr.

Seine Tochter Johanna Altherr kümmert sich um den künstlerischen Nachlass. Im Sommer bekommt sie den Hinweis, der Brunnen ihres Vaters in Dietlikon sei verschwunden. Sie erkundigt sich, wo man den Brunnen hingebracht habe, und erfährt: Das Einzige, was vom Brunnen übrig ist, sind ein paar Fotos. Wie konnte das passieren?

1971 überreicht die Migros den Brunnen der Gemeinde als sehr grosses Geschenk, sie hat ihn davor bei Altherr in Auftrag gegeben.

Etwa 30 Jahre später geht eine der Leitungen kaputt, die dem Brunnen Wasser zuführen. «Um diese zu reparieren oder zu erneuern, wäre es erforderlich gewesen, den Brunnen zu entfernen und anschliessend wieder zu installieren, was mit hohen Kosten verbunden gewesen wäre», sagt die zuständige Gemeinderätin Cristina Cortellini (GLP).

2011 habe man dann gemeinsam mit der Migros entschieden, den lädierten Brunnen ganz ausser Betrieb zu nehmen. Dokumente zum Urheber waren keine vorhanden. Und so wurde der Brunnen im Zuge der Bauarbeiten entsorgt.

Johanna Altherr sagt: «Es ist bitter, dass ich zu spät war. Es war ein sehr wichtiges Werk meines Vaters.» Es sei die erste ortsspezifische Arbeit, die er geschaffen habe – mit Bezug zur räumlichen Situation rundherum. Etwas, das später zu einem Markenzeichen des Künstlers werden sollte.

Der Altherr-Brunnen in Dietlikon wurde abgerissen.Der Altherr-Brunnen in Dietlikon wurde abgerissen.

PD

Werke im Wert von einer Million Franken verschrottet

Der Fall Altherr ist erstaunlicherweise kein Einzelfall im Kanton Zürich: So ist es dem Lichtkünstler Christian Herdeg kürzlich ähnlich ergangen mit zwei seiner Werke. Sie wurden ebenfalls entsorgt. Herdeg hat per Zufall davon erfahren – als die Objekte schon zerstört waren.

Eines der beiden Werke war eine Leuchtröhren-Installation, die im Terminal A des Flughafens Zürich hing. 1986 hatte der Flughafen sie mit Steuergeldern für 250 000 Franken gekauft. Die Gründe für das Entfernen des Werks seien nicht dokumentiert, heisst es vonseiten des Flughafens.

Die Leuchtröhren-Installation im Flughafen ist verschrottet worden.Die Leuchtröhren-Installation im Flughafen ist verschrottet worden.

A. N. Simmen / Pro Litteris, Zürich

Das zweite kürzlich entsorgte Kunstwerk hing ab 1995 in der Halle des damaligen Verwaltungsbaus des Elektrizitätswerks der Stadt Zürich (EWZ). Kosten für das Kunstwerk: ebenfalls 250 000 Franken.

Und auch einer Skulptur von Bernhard Luginbühl drohte jüngst ein ähnliches Ende. Eine 8,5 Meter hohe rote Giraffe des Bildhauers stand jahrelang vor dem Swiss-Re-Gebäude am Zürichsee. Anstatt auf dem Schrottplatz endete sie immerhin im Auktionshaus Koller.

Die Auktion war jedoch eine Enttäuschung für Swiss Re: Niemand bot für die rote Giraffe. Im Nachgang soll nun jedoch noch ein Käufer gefunden worden sein, er ist bereit, 62 500 Franken zu zahlen. Identität des neuen Besitzers: unbekannt.

Gratis zu haben wäre derzeit eine Kunstinstallation von Jürg Altherr: Es handelt sich um einen 18 Meter hohen Turm. Seine Geschichte ist ein Drama in unzähligen Kapiteln. Und auch dem Turm droht nun ein Ende auf dem Schrottplatz – immerhin in diesem Fall mit Ankündigung.

So sah Jürg Altherrs Turm aus, als er einige Tage lang stand.So sah Jürg Altherrs Turm aus, als er einige Tage lang stand.

Christoph Ruckstuhl / NZZ

Der Zürcher Architekt Hannes Strebel will den Turm 2008 in der Gemeinde Wald aufstellen – doch er scheitert am Widerstand der Bevölkerung. 2014 schenkt er den Turm deshalb der Stadt Uster.

Die freut sich anfänglich sehr über das Kunstwerk – doch der Turm stösst auch dort auf Widerstand. Erst 2019 kann er aufgerichtet werden. Doch stehen bleibt er nicht lang.

Nur wenige Stunden nach der Vernissage lösen sich zwei der 120 Stahlseile, die den Turm stabilisieren. Sie krachen zu Boden, beinahe werden Menschen erschlagen. Zwei Tage später fahren Kräne auf und bauen den Turm wieder ab. Die Staatsanwaltschaft ermittelt und verurteilt einen am Projekt beteiligten Architekten sowie einen Ingenieur zu Geldbussen.

Strebel bleibt hartnäckig. Er will, dass der Turm repariert und wieder aufgestellt wird. Er betreibt Fundraising. Mit Kosten von 20 000 Franken rechnet er. Die Stadt Uster holt beim Seilbahnhersteller Garaventa eine Offerte ein. Diese veranschlagt 305 000 Franken für neue Seile und Seilendverbindungen zuzüglich der Kosten für Fundament und Montage.

Strebel kann die hohe Offerte nicht nachvollziehen und ärgert sich: «Die Stellungnahme von Garaventa dürfte faktisch den Todesstoss für den Turm bedeuten. Es gibt keinen Plan B für das ungeliebte Kunstwerk.»

Sowohl Strebel als auch die Stadt Uster haben versucht, den Turm weiterzuschenken. Uster hat sogar offeriert, sich an den Kosten für den Transport zum neuen Standort zu beteiligen. Trotzdem wollte den Turm niemand haben. Weder andere Städte noch der Kanton Zürich.

«Somit fehlt dem Werk sowohl eine Perspektive als auch ein Lagerort», sagt dazu Christian Zwinggi, der das Projekt für die Stadt Uster jahrelang begleitet hat. Denn es gibt noch ein weiteres Problem: Auf dem Zeughausareal, wo der Turm momentan liegt, werden in den nächsten Jahren Bauarbeiten für ein Kultur- und Begegnungszentrum beginnen. Der Turm muss also weg.

«Ich bedaure es sehr, dass es nicht gelungen ist, das Werk zu montieren», sagt Zwinggi. Man habe Johanna Altherr angeboten, dass sie den Turm zu einem symbolischen Materialpreis zurückkaufen könne. Die Entwürfe und Pläne hat Altherr bereits – und damit immerhin mehr als vom Brunnen in Dietlikon.

Kaum Chancen auf Schadenersatz

Denn zum Brunnen gibt es ausser ein paar wenigen Fotos keine Unterlagen mehr. Johanna Altherr hat von der Gemeinde Dietlikon Schadenersatz verlangt, weil es ihr durch die Entsorgung nicht mehr möglich ist, ein Modell des Werks erstellen zu lassen. Ein solches steht dem Urheber laut Gesetz zu.

Die Schadenersatzforderung wurde jedoch abgelehnt. Dietlikon begründet: Die Gemeinde habe trotz «eingehender Recherche» keinen Hinweis auf den Urheber Jürg Altherr finden können – vielleicht auch weil dieser zu Lebzeiten nie Interesse am Objekt gezeigt habe.

«Den Fall juristisch weiterzuziehen, können wir uns nicht leisten», sagt Altherr. Zudem sei die Chance gering, vor Gericht Schadenersatz zugesprochen zu bekommen. Das habe der Fall Herdeg gezeigt. Herdeg hatte einen im Kunstrecht erfahrenen Anwalt engagiert, um den Fall abzuklären. Schliesslich entschloss er sich aber aus Kostengründen, darauf zu verzichten, gegen EWZ und Flughafen juristisch vorzugehen.

Johanna Altherr hofft, dass ihre Geschichte ein Weckruf ist für andere Künstler. Sie sollen sich vertraglich zusichern lassen, dass sie informiert werden, bevor ein Kunstwerk entsorgt wird.