Kiel. Fachleute schätzen, dass in Deutschland etwa ein Prozent der Jungen und fünf Prozent der Mädchen unter 14 Jahren sexuell missbraucht werden und dass allein in Schleswig-Holstein etwa 8000 pädophile Männer leben. Jetzt hat das Kieler Justiz- und Gesundheitsministerium auf Anfrage der FDP-Landtagsfraktion Zahlen veröffentlicht, die den Erfolg eines Präventionsprojekts am Kieler Uniklinikum (UKSH) untermauern.
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Das Projekt heißt „Kein Täter werden“: Im Jahr 2025 (Stand: 8. Dezember) registrierte das Zentrum für Integrative Psychiatrie (ZIP) am UKSH demnach 204 Kontaktaufnahmen. Davon waren 140 Personen potenzielle Patienten. 39 von ihnen stammten aus dem sogenannten Hellfeld – das bedeutet, dass gegen sie bereits ein Verfahren wegen Kindesmissbrauchs läuft. 31 Mal kam es im Anschluss zum Erstgespräch. Insgesamt waren 42 Patienten in Behandlung.
Zum Vergleich: Nach dem Projektstart hatte es im Jahr 2018 nur 42 Kontaktaufnahmen mit 28 potenziellen Patienten gegeben. Keine Person kam aus dem Hellfeld. Es fanden 20 Erstgespräche statt. Insgesamt hatte man 24 Patienten in Behandlung.
Das Angebot „Kein Täter werden“ hat das Ziel, die Häufigkeit sexueller Übergriffe auf Kinder zu senken. Es ist für Patienten kostenfrei und anonym. Interessenten brauchen sich nicht namentlich zu erkennen geben. Allerdings können nur Personen aufgenommen werden, gegen die keine polizeilichen oder gerichtlichen Verfahren anhängig sind, beziehungsweise gegen die keine Bewährungsauflagen wegen Sexualstraftaten vorliegen.
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Bundestag sichert Förderung für Präventionsprojekt bis 2027
Seit 2018 wird das Projekt in Kiel mit seinen 1,5 Therapeutenstellen, der halben Verwaltungsstelle und einer studentischen Hilfskraft aus Mitteln des Spitzenverbands der Krankenkassen (GKV) finanziert. Jetzt beschloss der Bundestag die Fortsetzung der GKV-Förderung auch für 2026 und 2027.
Eine Ausweitung des Angebots auf andere Standorte in Schleswig-Holstein sei nicht geplant, teilte das Ministerium mit, insbesondere weil sich nur wenige Fachleute auf ein Angebot für pädophile Patienten spezialisiert hätten. „Hinzu kommt, dass derartige Präventionsangebote (noch) nicht zu den Regelleistungen der Krankenkassen zählen.“
Das Projekt ist unglaublich wichtig, weil hier Kinder vor schlimmsten Taten geschützt werden.
Bernd Buchholz (FDP)
Innenpolitiker
Der FDP-Innenpolitiker Bernd Buchholz bezeichnet das Projekt als „unglaublich wichtig, weil hier Kinder vor schlimmsten Taten geschützt werden“. Allerdings halte er die aktuelle Möglichkeit einer Kontaktaufnahme für „indiskutabel“. Die Beratungsstelle sei zwar „rund um die Uhr“ über eine eigens eingerichtete E-Mail-Adresse und telefonisch per Anrufbeantworter erreichbar. Doch Buchholz hält das für vollkommen unzureichend: „Ein persönlicher Kontakt muss innerhalb von maximal 24 Stunden hergestellt werden und darf sich nicht auf ein Mailpostfach und einen Anrufbeantworter beschränken.“
Finanzielle Hürden für Projekt „Kein Täter werden“: Notfalldienst als Streitpunkt
Am ZIP weist man den Vorwurf zurück. „Das Büro ist auch zwischen den Feiertagen besetzt“, berichtet Abteilungsdirektor Prof. Christian Huchzermeier. „Das Telefon wird abgehört, die E-Mails werden gecheckt, und bei dringlichen Fällen oder einem Notfall, zum Beispiel wenn die Gefahr eines Suizids besteht, können wir reagieren.“ Die Notfallambulanz am ZIP sei rund um die Uhr besetzt. Im Übrigen sei das Team in der Lage, innerhalb von ein bis zwei Wochen ein Erstgespräch anzubieten.
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Ein Rund-um-die-Uhr-Notfalldienst mit psychologischem und psychiatrischem Personal für das Präventionsprojekt „Kein Täter werden“ wäre im Übrigen sehr teuer und müsste bezahlt werden. Huchzermeier: „Dazu ist die Politik bisher nicht bereit.“ Allerdings sei ein solches Angebot aus fachlicher Sicht auch gar nicht notwendig. „Wir halten das Angebot für ausreichend.“
KN