Der Glaube, die Liebe, die Hoffnung, das Gute und auch die Wahrheit fehlen. Sie sind nicht unter den etwa 45.000 Wörtern, deren Bedeutung im einsprachigen „Erklärenden Wörterbuch der Staatssprache der Russischen Föderation“ der Universität Sankt Petersburg erläutert wird. Dieses Wörterbuch ist kein beliebiges Nachschlagewerk. Was darin steht, ist Gesetz, Zuwiderhandlungen können geahndet werden. Es ist eines von vier Werken zu Wortschatz, Rechtschreibung und Grammatik der russischen Sprache, deren Inhalt die Regierung in Moskau im Frühjahr für verbindlich erklärt hat.

Als erstes Wörterbuch „legt es genau fest, welche Bedeutung Wörter haben und in welchen Bereichen sie genutzt werden können und wo ihre Anwendung verboten ist“, teilte die Petersburger Universität anlässlich seiner offiziellen Vorstellung im Mai stolz mit. Ihr Rektor ging noch weiter: „Das Wörterbuch wird ein praktisches Instrument zur Verwirklichung der staatlichen Politik zur Bewahrung und Stärkung der traditionellen russischen geistlich-sittlichen Werte“, sagte Michail Kropatschow, ein glühender Befürworter des russischen Einmarschs in die Ukraine und Wahlkämpfer für Präsident Wladimir Putin.

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.



Die Formulierung „Bewahrung und Stärkung der traditionellen russischen geistlich-sittlichen Werte“ stammt aus einem gleichnamigen Erlass Putins von November 2022. Diese „von Generation zu Generation weitergegebenen“ Werte, heißt es darin, seien die Grundlage der Einheit Russlands; sie würden von Terroristen, Extremisten, den USA und anderen feindlichen Ländern, ausländischen Organisationen sowie bestimmten Massenmedien, Organisationen und Personen in Russland bedroht.

Definitionen des Wörterbuchs sind verbindlich

Durch ideologische und psychologische Beeinflussung solle den Menschen in Russland eine „dem russischen Volk fremde“ destruktive Ideologie eingepflanzt werden. Diese kultiviere Egoismus und Unsittlichkeit, verneine den Dienst am Vaterland, die schöpferische Arbeit und den „positiven Beitrag Russlands zu Geschichte und Kultur der Welt“; durch „Propaganda nichttraditioneller sexueller Beziehungen“ wolle sie die traditionelle Familie zerstören. Dem müsse durch eine systematische staatliche Politik entgegengewirkt werden. Die wichtigste Rolle bei dieser Aufgabe komme dem orthodoxen Christentum zu.

Daran knüpft das „Erklärende Wörterbuch“ an. Es enthalte besondere Definitionen der Schlüsselbegriffe von Putins Erlass, heißt es im Vorwort. Sie seien „unter der Kontrolle des Justizministeriums“ erstellt und mit der Russischen Orthodoxen Kirche abgestimmt worden. Und so findet sich in den Definitionen von Begriffen wie Leben, Humanismus, Würde, Ehe, Patriotismus, Barmherzigkeit oder Kollektivismus der Hinweis, es handle sich um einen „traditionellen russischen geistlich-sittlichen Wert“.

Auch die Beispiele für die richtige Verwendung von Wörtern sind durchzogen von Verweisen auf Putins Erlass. Unter dem Stichwort „Priorität“ (eigenartigerweise als Wort aus dem Deutschen charakterisiert) wird einer der im Erlass genannten Werte zitiert: „Die Priorität des Geistlichen über das Materielle“. Zur Erklärung heißt es: „Die Anerkennung dessen, dass wirkliches Glück und Befriedigung nicht von materiellem Reichtum kommen, sondern von der tiefen Beziehung zwischen den Menschen, gründend auf der Anerkennung der vorrangigen Bedeutung geistlicher Werte wie dem Glauben an Gott“.

„Feind“, „Leben“ oder „Limitroph“: Das Wörterbuch definiert Begriffe im Sinne des Kreml.„Feind“, „Leben“ oder „Limitroph“: Das Wörterbuch definiert Begriffe im Sinne des Kreml.Typo

Die Definitionen des „Erklärenden Wörterbuchs der Staatssprache der Russischen Föderation“ sind überall dort verbindlich, wo die Verwendung des Russischen durch das „Gesetz über die Staatssprache“ geregelt ist: Bei Behörden und Gerichten, in Schulen und Hochschulen, aber auch in Medien, Werbung, Film, Theater, Musik – kurz: fast überall, wo Sprache in der Öffentlichkeit verwendet wird. Abweichende Erklärungen von Wörtern zum Beispiel in Lehrbüchern sind nicht mehr zulässig.

Wörterbücher als Werkzeuge für die ideologische Expansion

Mit dem Versuch, den Gebrauch der Sprache durch Vorgaben in Wörterbüchern zu regeln, schließt Putins Regime an sowjetische Traditionen an. In der Sowjetunion habe es einen „politisch getriebenen Boom“ der Lexikographie gegeben, sagt der Sprachwissenschaftler Mihail Kopotev von der Universität Helsinki. Den Grund dafür sieht er in dem „Bedürfnis, andere Nationen zu kolonisieren, wobei Wörterbücher zu Werkzeugen für die ideologische Expansion wurden“. Doch während die sowjetischen Wörterbücher trotz dieser Funktion große wissenschaftliche Leistungen gewesen seien, zeuge das neue Petersburger Wörterbuch angesichts vieler Lücken im Wortschatz und sachlicher Fehler von „erstaunlicher Achtlosigkeit“ ­seiner Verfasser gegenüber ihrem Gegenstand. „Wäre es ein echtes Wörterbuchprojekt, hätte dieses Buch niemals veröffentlicht werden dürfen“, sagt Kopotev. Doch sein wahrer Zweck sei, sagt er, „sprachliche Normen zu rechtlichen Normen zu transformieren“.

Das Wörterbuch der russischen Staatssprache ist ein Wörterbuch der Propaganda des Kremls. „Autoritarismus“ wird darin als „effektivste Form der Staatsführung in schwierigen Zeiten für das Land“ beschrieben. Über die Demokratie heißt es: „In der Praxis des politischen Lebens der Länder des Westens: Eine Regierungsform, bei der die Bürger bestimmte Rechte und Freiheiten haben, die staatlichen Institutionen aber im Interesse einflussreicherer Institutionen handeln.“ Für „Regime“ wird als Beispiel angeführt: „Kiewer Regime (in der Ukraine seit 2014: festgelegtes Muster der politischen Führung, die eine Bedrohung für die Grundrechte und Interessen der russischsprachigen Bevölkerung ist).“ Unter „Einheit“ – einer der „traditionellen russischen geistlich-sittlichen Werte“ aus Putins Erlass – wird als Beispiel genannt: „Historische Einheit der Belarussen, Russen und Ukrainer.“

Eingang gefunden haben auch Wörter wie „Limitroph“, die in den russischen Medien seit dem Großangriff auf die ­Ukraine Karriere gemacht haben: „Im Europa des 21. Jahrhunderts: über einen Staat, der als Puffer zwischen Westeuropa und Russland verwendet wird und in politischer, wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht nicht fähig ist, selbständig zu sein.“ Gemeint sind ausdrücklich die baltischen Staaten, Finnland und Polen.

Wer Zweifel äußert, muss mit Repressionen rechnen

Solche Begriffe können in Russland ebenso wie die von Putin propagierten Werte nicht mehr hinterfragt werden. Alle Medien, die kritisch auf das Regime blicken, mussten spätestens nach dem Überfall auf die Ukraine 2022 ins Exil gehen – und wer es im Land noch wagt, Zweifel zu äußern, muss mit schweren Repressalien rechnen. Dennoch hat das Wörterbuch kurz nach seinem Erscheinen im Frühjahr auch in Russland für Aufsehen gesorgt. Der Grund war das darin ausgesprochene Verbot für eine ganze Reihe von Wörtern, die in der Umgangssprache weit verbreitet sind.

In den Medien kamen sie schon bisher fast nie vor. Die durch Sternchen in der Wortmitte verfremdeten Nennungen in den Artikeln über das Wörterbuch waren seltene Ausnahmen. Doch in Filmen, im Theater, in Liedtexten oder den Auftritten von Komikern könnte sich das Verbot bemerkbar machen – also dort, wo die Menschen Ablenkung vom Alltag suchen, und in den letzten verbliebenen Nischen kleiner kultureller Freiheiten.

Gesellschaftlich akzeptiert war obszöne Ausdrucksweise nie.Gesellschaftlich akzeptiert war obszöne Ausdrucksweise nie.AFP

Das Verbot findet sich in der Definition des schwer übersetzbaren russischen Adjektivs „nezensurnyj“. Es setzt sich aus „nicht“ und „Zensur“ zusammen und bezeichnet unflätige, beleidigende und obszöne Ausdrücke, die durch keine Zensur kommen. Die Verwendung solcher Wörter in der Öffentlichkeit ist schon seit zwanzig Jahren durch das „Gesetz über die Staatssprache“ verboten. Doch welche Ausdrücke darunter zu verstehen sind, war bisher nicht genau festgelegt und eher locker gehandhabt worden. Damit macht das Wörterbuch Schluss. Es nennt „zur Sicherstellung der Beachtung des Verbots“ vierzehn Wortstämme, deren öffentliche Verwendung nun nicht mehr erlaubt ist. Darunter sind Wörter wie „Furz“, „Arsch“ oder „pinkeln“.

Obszöne Sprache als Ausdruck antisowjetischer Haltung

Bis dahin galt, dass „vier allgemein bekannte Wörter“ und „die von ihnen abgeleiteten Wörter und Ausdrücke“ – so die russische Medienaufsicht Roskomnadsor im Jahr 2013 – verboten waren. Diese vier Wörter sind mit „Schwanz“, „Fotze“, „ficken“ und „Nutte“ nur unzureichend übersetzt. In der russischen Alltagssprache haben sie eine besondere Stellung, weil aus den Wortstämmen eine Vielzahl von Adjektiven und Verben abgeleitet wurden, die je nach Zusammenhang und Gesprächssituation sehr unterschiedliche Bedeutungen von freudiger Überraschung bis zu abgrundtiefer Verachtung zum Ausdruck bringen können. Man kann in Russland hören, wie Marktverkäufer oder Bauarbeiter ganze Unterhaltungen mit diesem Grundwortschatz bestreiten.

Gesellschaftlich akzeptiert war diese Ausdrucksweise nie. In der Sowjetunion war sie offiziell mit einem vollständigen Tabu belegt. Aber genau deshalb breitete sich die als „nezensurnyj“ bezeichnete Sprache in der Untergrundkultur aus: „Manche Intellektuelle nutzten sie gerne, weil das ihre antisowjetische Haltung ausdrückte“, sagt der Sprachwissenschaftler Mihail Kopotev. Mit dem Zerfall der Sowjetunion fand diese obszöne Sprache seit Ende der Achtzigerjahre von den Rändern der Gesellschaft den Weg in die Literatur, ins Theater, in Filme und in die Texte von Rockmusikern und Rappern. Auch im Alltag ist sie in allen sozialen Schichten heute weiter verbreitet als vor drei Jahrzehnten.

Unter Wladimir Putin versucht der Staat bereits seit den Nullerjahren, diese Entwicklung zurückzudrehen. Die Medienaufsicht verwarnt regelmäßig Medien, wenn in Beiträgen solche Wörter vorkommen; vor zwölf Jahren wurde einer oppositionellen Nachrichtenagentur deshalb sogar vorübergehend die Lizenz entzogen – obwohl die Ausdrücke aus Zitaten öffentlicher Äußerungen stammten. Aber als russische Medien nach dem Erscheinen des Wörterbuchs über die drastische Verlängerung der Liste verbotener Wörter berichteten, versuchte die Medienaufsicht zu beruhigen: Es gebe keine zusätzlichen Einschränkungen, alles bleibe wie bisher, nichts habe sich verändert. Offenbar hielt sie es für nötig, die Aufregung auf diese Weise im Keim zu ersticken.

Doch der rechtliche Status des „Erklärenden Wörterbuchs der Staatssprache der Russischen Föderation“ lässt eigentlich keine Zweifel an der Gültigkeit der ganzen Verbotsliste zu. Und so ist es wahrscheinlich, dass das Werk zu einem weiteren Instrument willkürlicher Repression wird: Wer in der Öffentlichkeit ein falsches Wort verwendet oder ein richtiges Wort mit der falschen Bedeutung versieht, kann bestraft werden.

Ob das auch für „nawalnyj“ gilt? Wladimir Putin hat den Namen des im Straflager getöteten Regimegegners zu dessen Lebzeiten nie ausgesprochen. Es wäre in seinem Sinne, wenn sein einstiger Herausforderer nur noch als das Adjektiv in Erinnerung wäre, das vom „nawal“ – Haufen oder Aufschüttung – abgeleitet ist. „Haufenweise Aufbewahrung von Kartoffeln“ nennt das Wörterbuch des Regimes als Beispiel für die richtige Verwendung von „nawalnyj“.