Architekt aus Stuttgart: Vermittler und Menschenfreund – Jörg Aldinger ist tot Jörg Aldinger Foto: Aldinger Architekten

Häuser müssen sprechen können, war seine Überzeugung. Am zweiten Weihnachtsfeiertag ist der Stuttgarter Architekt Jörg Aldinger gestorben.

Eines seiner letzten Projekte war die Neugestaltung des Hölderlin-Hauses in Nürtingen. Aus dem im Lauf der Zeit bis zur Unkenntlichkeit veränderten, piefigen Gebäude mitten in der Altstadt, in dem der Dichter seine Kindheit und Jugend verbrachte, hat Jörg Aldinger wieder ein stattliches, des großen Namens würdiges Haus geschaffen. Das hohe Mansarddach ist dabei eine Neuerfindung und mag für manchen Geschmack zu französisch wirken in diesem schwäbischen Erdenwinkel, aber der Architekt hat im Blick gehabt, dass Hölderlin eben nicht nur Nürtinger, sondern in seiner Kunst auch Weltbürger war.

Architekt in dritter Generation

Architektur, war Aldinger der Meinung, muss so etwas zum Ausdruck bringen können, ohne deshalb in platte Bildhaftigkeit zu verfallen. Von dieser Überzeugung spricht auch das Hospiz St. Martin in Stuttgart-Degerloch, ein Haus, das ihm besonders am Herzen lag. Der Entwurf ist eine räumliche Übersetzung von Martin Luthers Satz, dass wir mitten im Leben vom Tod umfangen sind, und mitten im Tod vom Leben: Durch das Gebäude führt ein öffentlicher Weg, der den benachbarten Kindergarten mit der viel befahrenen Jahnstraße verbindet. Man geht dabei unter der kleinen Brücke zwischen Verwaltungsteil und Hospizzimmern hindurch, in denen die Bewohner ihre letzten Tage verbringen.

Planerische Sorgfalt, handwerkliche Qualität

Jörg Aldinger, gebürtiger Stuttgarter, Jahrgang 1955, war Architekt in dritter Generation. Schwerpunkt der Arbeit seines Büros, dem seit zwanzig Jahren Dirk Herker und Thomas Strähle als Partner angehören, sind Schulen, Kindertagesstätten, und Wohnbauten – gebauter Alltag also, der, orientiert an Zweck und Gebrauch, sich durch planerische Sorgfalt und handwerkliche Qualität auszeichnet. Dazu kam in jüngerer Zeit immer wieder die Sanierung und Umnutzung historischer Bauten, etwa des Neuen Schlosses in Meersburg oder des Wirtschaftshofs des Schwetzinger Schlosses, der zur Justizakademie umfunktioniert wurde.

Hochschulprofessor und Preisrichter

Seit 1994 lehrte Jörg Aldinger als Professor an der Hochschule Biberach, wo er auch seine zweite Frau, die Bauingenieurin Irmgard Lochner, kennenlernte. Fast ein weiterer Vollzeitjob war daneben noch die bundesweite Tätigkeit als Preisrichter in Wettbewerbsjurys. In diesen Gremien, in denen Fachpreisrichter – Architekten – und Sachpreisrichter – Bürgermeister, Politiker, Investoren, Nutzer – oft sehr gegensätzlicher Ansicht sind, war er mit seinen diplomatischen Fähigkeiten der ideale Vermittler. Eloquent und freundlich konnte er einen Konsens herbeiführen, ohne jemanden auszugrenzen. Meistens wurde ihm darum der Vorsitz in solchen Jurys anvertraut.

„Er war ein Menschenfreund“, sagen Kollegen, die ihn gut kannten. Einer der neben der Architektur seine Familie, das Klavierspielen und die Jazzmusik liebte. Am zweiten Weihnachtsfeiertag ist Jörg Aldinger nach kurzer, schwerer Krankheit in Stuttgart gestorben.