Cover: Alberto Giacometti: "Das Maß der Welt" (Katalog Kunsthalle Bremen)

AUDIO: Bildschöne Bücher: „Alberto Giacometti – Das Maß der Welt“ (4 Min)

Stand: 29.12.2025 12:52 Uhr

Es gibt wenige Bildhauer, deren Stil so einmalig ist wie bei Giacometti. Zudem war er Zeichner und Aquarellmaler. Die Bremer Kunsthalle zeigt diese Seite des Schweizers – begleitet von einem Bildband.

von Silke Lahmann-Lammert

Giacometti steht an der Reling

Alberto Giacometti an Bord der Queen Elizabeth bei der Ankunft in New
York, 1965. Foto: Patricia Matisse, Archives Fondation Giacometti, Paris

1918 fertigt Alberto Giacometti eine Federzeichnung von sich selbst an. Er ist 17, aber sein Gesicht wirkt jünger. Fast noch ein Kind auf der Schwelle zum Erwachsenwerden, mit schwer zähmbaren Locken, vollen Lippen und dunklen, mandelförmigen Augen. Ernst, prüfend und erstaunlich selbstbewusst schaut der junge Künstler in die Welt. Und es ist sicherlich kein Zufall, dass seine Pose, die Art und Weise, wie er sich frontal ins Bild setzt, an ein Selbstporträt des 50 Jahre älteren Ferdinand Hodler erinnert.

Alberto Giacometti stammt aus einer Künstlerfamilie. Bei seinem Vater, dem Maler Giovanni Giacometti, gehen berühmte Kollegen ein und aus. Cuno Amiet ist Albertos Taufpate, Ferdinand Hodler der Patenonkel seines jüngeren Bruders.

Bergwelt prägt Giacometti

Schon früh vertieft Alberto sich in die Kunstbände, die er in den Schränken seiner Eltern findet: Bücher über die Antike, über altägyptische Skulpturen oder die Plastiken Auguste Rodins. Statt sein Taschengeld für Abenteuerromane auszugeben, spart er, um sich Monographien über Leonardo oder den japanischen Maler Hokusai zu kaufen.

Seit ich zum ersten Mal Kunstreproduktionen gesehen habe, (…) habe ich immer sofort, wenn eine von ihnen mir besonders gefiel, Lust bekommen, sie nachzuzeichnen, und diese Kopierlust hat mich eigentlich nie verlassen.

Leseprobe aus „Alberto Giacometti – Das Maß der Welt“

Alberto ist jedoch kein Junge, der seine Kindheit mit dem Kopf zwischen Buchdeckeln verbringt. Ein großer Teil seines Lebens spielt sich draußen in der Natur ab. Und wohl kaum etwas prägt ihn künstlerisch so sehr, wie die Bergwelt, in der er aufwächst. Sein Heimatdorf Stampa liegt im Graubündener Val Bregaglia. Einem engen Flusstal, das nach Norden und Süden durch hoch aufstrebende Gebirgszüge begrenzt wird.

Zerfurchte Oberflächen wie lebendige Berge

Immer wieder zeichnet oder aquarelliert der junge Giacometti, was er täglich vor Augen hat: Die erhabenen Gipfel, die rauen Felswände, die zerklüfteten Granitbrocken. Auch später, als er in Paris lebt, fühlt der Künstler sich der Landschaft seiner Jugend zutiefst verbunden. In einem Brief lässt er die heimatlichen Berge grüßen.

Sie kennen mich. Und ich kenne den Klang ihrer Stimme, denn ja, es sind Menschen.

Leseprobe aus „Alberto Giacometti – Das Maß der Welt“

1959 fertigt er eine Bronzebüste seines Bruders Diego an, die mit ihrer zerfurchten Oberfläche tatsächlich wie ein lebendiger Berg aussieht. Brust und Schultern ein massiver Felsen, aus dem ein seltsam schmaler und unterdimensionierter Kopf wie eine Gipfelspitze hervorwächst.

Alberto Giacometti arbeitet in seinem Atelier (1962) an einer Skulptur.

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Rundum gelungener Bildband

„Frauen wie Bäume. Menschen wie Berge“ ist ein Kapitel in dem Bildband „Alberto Giacometti – Das Maß der Welt“ überschrieben. Und wenn man die Augen ein wenig zusammenkneift, könnte man die schmalen, unendlich in die Länge gezogenen Figuren des Schweizer Künstlers tatsächlich für die Lärchen im Val Bregaglia halten, die Giacometti so oft gezeichnet hat.

Der Mensch als Teil einer beseelten Natur: Diese Idee zeigt das Buch und teilt Giacometti mit den Malern der deutschen Romantik – allen voran Caspar David Friedrich. Der Vergleich mit ihren Werken öffnet den Leserinnen und Lesern die Augen für eine erstaunliche Entdeckung: So modern Giacomettis Skulpturen bis heute wirken, wurzeln sie doch tief in der Kunst früherer Jahrhunderte. Vor allem aber sind sie undenkbar ohne seine Auseinandersetzung mit der grandiosen Alpenlandschaft, in der er aufwuchs. Spannende Texte und ganzseitige Schwarzweiß-Fotos des Bildhauers und seiner Frau Annette beim Wandern in den Bergen komplettieren das Vergnügen an diesem rundum gelungenen Bildband.

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Cover: Alberto Giacometti: "Das Maß der Welt" (Katalog Kunsthalle Bremen)

„Alberto Giacometti – Das Maß der Welt“

von

Zusatzinfo:
Hrsg. von Hugo Daniel und Eva Fischer-Hausdorf
Verlag:
Schirmer/Mosel
ISBN:
ISBN 978-3-8296-1055-1
Preis:
48,00 €