Foto: MDR/MadeFor/Steffen Junghan
Gröschel und Brambach in Bestform? Das neue „Tatort“-Jahr startet stark – und auch für die Reihe aus Dresden sind diese 90 Minuten ein Ausrufezeichen. In mehrerlei Hinsicht. Eine TV-Kritik.
Vorsicht: Der erste neue „Tatort“ des Jahres, der aus Dresden kommt, ist nichts für schwache Nerven. Der 90-Minüter setzt sich aber bestens vom Gegenprogramm ab. Während im ZDF das „Traumschiff“ gemütlich ein neues Ziel ansteuert und dort Ex-„GZSZ“-Star Valentina Pahde sogar einen Flirt mit dem von Florian Silbereisen gespielten Max Parger eingehen darf, wird der schon 20. Fall des Dresdner Teams zum kleinen Horrortrip. Die 16-jährige Amanda, die komplette Laufzeit über hervorragend gespielt von der eigentlich 26 Jahre alten Emilie Neumeister, wird nachts verwirrt und verletzt mitten in Dresdens Innenstadt aufgefunden. Sie hat ein blutiges Skalpell bei sich und wiederholt immer wieder aufgelöst, ihr Vater würde sie verfolgen. Sie sei, wie auch ihre Schwester, von ihm gefangen gehalten worden.
Hängen bleiben wird von diesem Jahresauftakt: Die darstellerische Leistung von Neumeister – und zwar ohne jede Frage. Die Darstellerin blieb schon 2025 durch ihre Performance in einem „Polizeiruf 110“ in Erinnerung, jetzt liegt möglicherweise ihr bestes Werk vor. Das Buch von Viola Schmidt spielt mit einer durchaus heiklen Frage: Ist den Erzählungen des aufgelösten Mädchens zu glauben? Und was ist vor allem, wenn das nicht der Fall ist. Wie muss man vorgehen, wenn es vielleicht auch nur kleinste Anzeichen dafür gibt, die Teenagerin könnte einem Wahn verfallen sein?
Tanz auf dem Vulkan
Der erste „Tatort“ des Jahres ist nicht nur moralisch, sondern auch in der Erzählung für die Kommissare einem Tanz auf einem Vulkan gleich zu setzen. Unverblümt zeigt die Regiearbeit von Saralisa Volm (inszenierte 2024 auch „Am Ende der Wahrheit“) sämtliche Emotionen. Unkontrollierte Ausbrüche der 16-Jährigen, enorm einfühlsames Vorgehen der Ermittelnden. Im Laufe der 90 Minuten gelingt es dem Film, tief in die Psyche und mitunter auch in die Abgründe menschlichen Handelns einzutauchen – geschickt geführt durch die einwandfreie Kameraarbeit von Roland Stuprich.
„Nachtschatten“ zeigt, dass der MDR-„Tatort“ aus Dresden auch mit Ermittler-Duo funktionieren kann. Im Februar 2025 hatte Karin Hanczewski als Karin Gorniak bekanntlich ihren letzten Auftritt. Schnabel und Winkler ermittelten dann schon im Herbst 2025 in einem etwas schwächeren Stück, das die Frage aufwarf, ob das Duo wirklich die Kraft wird entfalten können, die für die bekannteste deutsche Krimireihe überhaupt nötig sein wird. „Nachtschatten“ gibt Aufschluss darüber, dass das gelingen kann (nicht wird!). Nämlich immer dann, wenn starke Impulse von außen dazu kommen. Die Figur Amanda mit ihrer starken Darstellerin ist in diesem Fall ein solcher Impuls. Nachlassen darf das Team der Produktionsfirma MadeFor aber nicht.
„Tatort: Nachtschatten“ hängt die Messlatte in Sachen ARD-Sonntagskrimi prompt äußerst hoch. Der Film ist eine klare Sehempfehlung, wenn auch alles andere als leichte Kost.
„Tatort: Nachtschatten“ am Neujahrsabend ab 20:15 Uhr im Ersten und danach in der ARD Mediathek.
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