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Echt- oder nicht? Meist nur mit geübtem Blick zu erkennen, wissen die Mitglieder von „Blende 8“. Dieses Bild entstand durch einen zweizeiligen Prompt und zwar in 10 Sekunden. © KI
Die Mitglieder sehen ihre künstlerische Arbeit bedroht. Große Fotostudios schließen bereits wegen der neuen Technologie.
Wittorf – Im Gemeinschaftsraum des Fotoclubs „Blende 8“ in Wittorf wird schnell klar, dass dieser Verein kein homogener Zirkel ist. Die 14 Mitglieder – so viele zählt der Club derzeit – eint nicht ein gemeinsamer Stil, sondern gerade das Gegenteil: Jeder fotografiert anders, jeder setzt andere Schwerpunkte. Genau das sei ausdrücklich gewollt, betonen die Beteiligten. „Wir sehen unsere fotografischen Dinge ganz locker“, heißt es gleich zu Beginn des Abends. Einheitlichkeit ist hier kein Ziel, Individualität schon.
Die Serie: Mensch & Maschine
Künstliche Intelligenz (KI) ist eines der großen Themen der Stunde – in allen Bereichen der Gesellschaft. Manche sehen in ihr die größte gesellschaftliche Revolution aller Zeiten, andere sind skeptisch. Wir haben uns in der Region umgeschaut und beleuchten in diesen Thementagen einige Aspekte von KI oder „intelligenten“ Maschinen im Zusammenspiel mit den Menschen und ihren Aufgaben.
Der Fotoclub existiert seit rund 25 Jahren, gegründet um die Jahrtausendwende. „Ich glaube, es war 1998“, erinnert sich Gründer Gerd Richter mit einem Schmunzeln. Seitdem ist Blende 8 fest in Wittorf etabliert, mit einem eigenen Raum, in dem regelmäßig Clubabende stattfinden.
Doch beim jüngsten Treffen geht es weniger um das Vereinsleben als um eine Frage, die auch in der Fotografie längst Wellen schlägt: Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz – und was bleibt eigentlich vom klassischen Fotografenhandwerk übrig?
‚Ich hätte gern die Lichtstimmung wie bei Ikea‘ heißt es dann in den Textbefehlen und die KI liefert in Sekunden.
Erhard Czysty, ehemaliger Berufsfotograf, schildert eindrücklich, wie drastisch sich der Markt verändert. Große Fotostudios, einst mit fünfköpfigen Teams unterwegs, würden reihenweise schließen. Studio Seekamp, laut Czysty eines der führenden Fotostudios in Deutschland, machte bereits vor zwei Jahren dicht, weitere folgten. „KI-basierte Bildgenerierung ersetzt ganze Produktionsprozesse“, weiß der pensionierte Fotograf. Wo früher Räume aufwendig gebaut, tapeziert, eingerichtet und ausgeleuchtet wurden, genügt heute ein Textbefehl. Möbel werden einzeln fotografiert, Perspektive, Lichtstimmung und Raum entstehen am Rechner. „‚Ich hätte gern die Lichtstimmung wie bei Ikea‘ heißt es dann in den Textbefehlen“, weiß Czysty, „und die KI liefert in Sekunden.“
Besonders deutlich wird das im Bereich Mode- und Produktfotografie. Unternehmen wie Mango oder Otto würden mittlerweile bereits mit vollständig KI-generierten Katalogen arbeiten. Models werden nicht mehr gebucht, sondern generiert. Kleider werden real fotografiert, der Rest entsteht digital und das längst branchenübergreifend. Auch die Flyer vom Bäcker um die Ecke seien das Ergebnis der KI und „selbst die Apotheken Umschau macht das so.“
Ein Prompt, also ein Textbefehl, und die Software spuckt aus, was gewünscht ist. Das ist schnell und einfach, doch zur Wahrheit gehöre auch: KI fragt nicht, sie nimmt – auch bestehende Bilder aus dem Netz, ohne Zustimmung der Urheber. Genau das sei eines der Kernprobleme, betonen die Clubmitglieder. Während der kommerzielle Bereich zunehmend automatisiert wird, stellt sich für viele im Raum eine andere, existenziellere Frage: Was bedeutet KI für die künstlerische Fotografie? Irene Dreyer etwa arbeitet seit Jahren mit aufwendigen Fotocomposings – also Zusammenstellungen verschiedener Bilder –, oft für Wettbewerbe.
Stundenlang fotografiert und bearbeitet sie Einzelmotive, stellt sie frei, fügt sie in Photoshop zusammen, gleicht Licht und Schatten an. „Fünf bis sechs Stunden Arbeit pro Bild sind da keine Seltenheit“, erklärt sie ihre Arbeit. Zwar nutzt auch sie inzwischen KI-Werkzeuge – in „Notfällen“, wenn eine „Zutat“ fehle –, doch die Idee, die Komposition, das Zusammenführen der Elemente entstehen im Kopf, nicht im Algorithmus. Genau hier verläuft für viele die entscheidende Grenze. Ein einzelnes KI-Element als Werkzeug – das wird teilweise akzeptiert, auch wenn Wettbewerbe den Einsatz stark begrenzen. Ein vollständig generiertes Bild hingegen wird von vielen nicht mehr als eigene Leistung empfunden.
„Wenn mir jemand sagt: Das hast du aber gut gemacht, was soll ich dann sagen?“, fragt Werner Wietzke, ebenfalls Clubmitglied. Er fotografiert bewusst im manuellen Modus, schaltet Automatiken aus, will Kontrolle über Blende, ISO und Belichtungszeit. Kleine Retuschen seien in Ordnung, ein Pickel im Portrait dürfe verschwinden. Aber ein Bild, das zur Hälfte von einer KI verändert wurde, könne er nicht mehr guten Gewissens als sein eigenes bezeichnen.
Michael Hentschel gehört zu den schärfsten Kritikern im Raum. Er spricht von „Idioten-KI“, die Bilder erzeugt, die mit der Realität nichts mehr zu tun haben. „Ich bin da sehr konservativ, ich lehne KI auch ab!“ Fotos, so seine Überzeugung, verlieren durch KI ihren Wahrheitsgehalt – und damit ihre Glaubwürdigkeit. „Einem muss einfach klar sein, dass man auf gar kein Foto in irgendeinem öffentlichen Rahmen vertrauen kann, dass es echt ist“, ergänzt eine Fotokollegin.
Diese Sorge teilen viele. Fotos gelten vor Gericht inzwischen kaum noch als Beweismittel, es sei denn, sie liegen im RAW-Format vor. Alles andere gilt als manipulierbar. Die Diskussion streift dabei weit über die Fotografie hinaus andere Branchen: Innenarchitektur, Medizin, Musik, Journalismus. Dreyer, auch ehemalige Innenarchitektin, erzählt, wie aufwendig früher 3D-Visualisierungen gewesen seien – und wie heute KI in Minuten komplette Raumkonzepte inklusive Möbel, Farben und Beleuchtung liefert. Eine Entwicklung, die sie froh sein lässt, inzwischen im Ruhestand zu sein. „Manchmal haben Dateien über Nacht gerändert, heute geht das in drei Minuten.“
Und doch: Verteufelt wird KI im Fotoclub „Blende 8“ nicht pauschal. Die Stimmung ist geteilt. Begeisterung gibt es kaum, Akzeptanz für bestimmte Zwecke durchaus. Als Experiment, als Werkzeug, als Spielwiese für Ideen. Aber nicht als Ersatz für eigenes Sehen, Denken und Gestalten. „Intelligenz ist immer biologisch“, bringt es Wietzke pointiert auf den Punkt. KI sei letztlich nichts anderes als ein statistikbasiertes Entscheidungsverfahren. Wie wird es in zehn Jahren aussehen? Werden Menschen noch fotografieren? Die Antworten fallen vorsichtig optimistisch aus. Ja, als Erinnerung. Vielleicht sogar bewusst ohne KI – als Statement. Fotografie könne dann wieder stärker Handwerk sein. Oder, wie es im Club heißt: ein Bild, bei dem man sich selbst auf die Schulter klopfen kann, weil man es wirklich selbst gemacht hat.