Das zu Ende gehende Jahr wird in Russland nicht nur wegen steigender Preise, Krisen in allen Industriebranchen und repressiven Gesetzen in Erinnerung bleiben, sondern auch wegen des noch einmal verstärkten Drucks auf die Kultursphäre. Die Gesetzeslage verschärft sich rasant. Um Kreative zu unterstützen, hat der Vorsitzende des Föderalen Ermittlungsausschusses, Justizgeneral Alexander Bastrykin, die Einrichtung eines Kulturrats innerhalb seiner Behörde angeordnet, damit Strafverfolgungsbehörden, Vertreter der Kultur und öffentliche Organisationen miteinander im Dialog treten. Das werde nach Bastrykins Ansicht bei der Entwicklung von Kulturprodukten für junge Leute helfen, die bei der neuen Generation „Patriotismus und eine aktive staatsbürgerliche Einstellung“ fördern sowie „traditionelle Werte“ vermitteln sollen.
Von den Säuberungsmaßnahmen, die das Kulturleben auf die Linie der Kremlpartei Einiges Russland bringen sollen, ist besonders die Literatur betroffen. Der Aktivismus der Sicherheitskräfte erreichte in diesem Monat einen Höhepunkt, als in Buchläden mehrerer kleinerer Städte wie Naltschik, Uljanowsk, Tschita Razzien stattfanden und die Aufforderung erging, den Science-Fiction-Roman der Amerikanerin Ursula K. Le Guin „Die linke Hand der Dunkelheit“ aus dem Verkauf zu nehmen. Die Polizei berief sich auf Gutachten des FSB, wobei über diese Expertise praktisch nichts bekannt ist. Der Roman, geschrieben in den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts, handelt vom Planeten „Winter“, dessen Bewohner regelmäßig ihr Geschlecht wechseln, also sowohl Männer als auch Frauen sein können, während diejenigen, die das nicht können, als „pervers“ bezeichnet werden. Er war schon zu Sowjetzeiten ins Russische übersetzt und nie beanstandet worden.
„Propaganda des Satanismus“
Im November verhinderten die Behörden in Sankt Petersburg die Durchführung des Comic-Festivals „NekroKomikon“, das in der Vergangenheit unter dem Titel „Starkon: Halloween“ stattgefunden hatte. Das Festival war mit der Stadtverwaltung abgestimmt worden, dennoch beendeten die Organisatoren es vorzeitig und baten das Publikum, es wegen des Eintreffens der Polizei eiligst zu verlassen. Das Organisationsteam wurde der „Propaganda des Satanismus“ beschuldigt, die in Russland als extremistisch gilt. Der Initiator des Festivals, der kasachische Staatsbürger Alexej Samsonow, wurde festgenommen. Es heißt, er habe gegen Einwanderungsbestimmungen verstoßen.
Welche Filme werden hier in Zukunft gezeigt? Das Khudozhestvenny Kino in Moskau.Picture Alliance
Im März nächsten Jahr tritt zudem ein Gesetz in Kraft, das die „Propaganda verbotener Substanzen“, verbietet. Das heißt, in literarischen Texten dürfen Drogen nicht mehr erwähnt werden. Aus Angst vor Strafen wegen dieses Gesetzes hat eine der größten Online-Buchplattformen, Litres, jetzt schon rund 4500 Bücher aus dem Sortiment genommen – es heißt, „aus Vorsicht der Verlage oder weil die Autoren Angst“ hätten.
Die Geldstrafen für Verlage, in deren Büchern „Extremismus, LGBT, Pornographie, Satanismus“ und anderes gefunden wurde, belaufen sich jedes Mal auf umgerechnet bis zu vierzigtausend Euro, was für kleine Verlage ein Todesurteil ist, aber auch die Bilanzen großer Häuser verderben kann. Im Mai wurden bei Razzien drei Mitarbeiter der Kleinverlage Popcorn Books und Individuum, die zum Quasimonopolisten EksmoAST gehören, festgenommen. Die Ermittler werfen ihnen die Publikation von Büchern vor, welche die Aktivitäten der „internationalen LGBT-Bewegung propagierten“. Diese stufen die Behörden als extremistisch ein, sie sind in Russland verboten. Die drei Verlagsleute stehen bis heute unter Hausarrest und wurden auf die Liste der Terroristen und Extremisten gesetzt.
In der angesehenen Petersburger Buchhandlung „Podpisnye isdanija“ (Abonnementpublikationen) hatten Polizeibeamte Dutzende Bücher mit „Anzeichen von LGBT-Ideologie“ beschlagnahmt und Mitarbeiter gezwungen, feministische Literatur aus den Regalen zu entfernen, darunter „Über Frauen“ von Susan Sontag, die Essaysammlung „7 Texte über Feminismus“ und „Die Entwaffnung des Geschlechts“. In der unabhängigen Moskauer Buchhandlung „Falanster“ fanden die Beamten zwar keine verbotenen Bücher, beschlagnahmten aber „Überwachen und Strafen“ von Michel Foucault sowie einige Titel von Hannah Arendt, Susan Sontag und Walter Benjamin.
Kriegstrophäen in Museen
Der Kinderbuchverlag Samokat musste „illegale“ Bücher aus dem Verkauf nehmen, die „Mängel aufweisen, die sie für die Verwendung und Verbreitung ungeeignet machen“. Betroffen waren der Comic über die Geschichte des Feminismus „Freiheit, Gleichheit, Schwesternschaft“ von Marta Breen, „Ein echtes Mädchen. Ein Buch über dich“ von Lena Klimowa, „Sitz und sieh“ von Marta Kaidanowska und Andrej Bulbenko über ein Mädchen, das vor dem Krieg aus seiner Heimatstadt flieht sowie „Die großen Flüsse der Welt“ des deutschen Journalisten Volker Mehnert.
Um die Kollegen zu schützen, veröffentlichte der russische Buchverband, eine Interessenvertretung der Verlage, eine Liste mit Merkmalen von „LGBT-Propaganda“ in literarischen Texten. Dazu gehören die Konstruktion der Handlung um LGBT-Beziehungen herum, die Einstufung von LGBT-Beziehungen als im Vergleich zu traditionellen Familien sozial gleichwertig sowie positive LGBT-Figuren. Die Autoren der Handreichung betonen, man müsse diese Merkmale kennen, damit nicht später die Redaktion aus einer toxisch gewordenen Auflage eines Werkes ganze Seiten löschen oder bei der Vorbereitung eines Manuskripts zum Druck, „den schwarzen Marker benutzen“ müsse.
In der Museumswelt steht die Popularisierung der „Militärischen Spezialoperation“ (SWO) in der Ukraine hoch im Kurs. Laut der unabhängigen russischsprachigen Zeitung „Nowaja Gaseta. Europa“ beteiligt sich schon jedes sechste Museum in Russland an der Kriegspropaganda. In diversen Ausstellungen sind insgesamt mehr als 3300 Kriegstrophäen zu bewundern – neben gestohlenen Kulturgütern persönliche Gegenstände von Söldnern, Drohnen und Kinderzeichnungen aus dem Donbass. Ganz im Sinn der Erzählung von den „Nazis des Kiewer Regimes“ und ihrem „Genozid an Russen im Donbass“ nahm das bei Petersburg gelegene Museum „Durchbruch der Blockade Leningrads“ vom regionalen Transportkomitee Artefakte aus der „Zone der Militärischen Spezialoperation“ auf. Dazu gehören Abzeichen sowie Orts- und Straßenschilder aus Gegenden, wo schwere Kämpfe stattfanden.
Ein Sack ukrainischer Münzen
Auch in Orenburg sammeln Aktivisten Gegenstände, vor allem Waffenteile von der Front für ein geplantes neues Museum der „Militärischen Spezialoperation“. Das „Museum für Kriegsruhm“ in der Schule Nr. 28 im mordwinischen Saransk erhielt von einem aus der Region stammenden Mann Trophäen, darunter einen ganzen Sack ukrainischer Münzen. Das Museum des Lyzeums Nr. 21 im moskaunahen Chimki erhielt Kriegsdevotionalien wie eine Panzerschaufel, den Helm eines ukrainischen Soldaten und eine abgeschossene Drohne. In mindestens zwölf Regionen haben Schulen Exponate für „SWO-Museen“ gekauft. Mit VR-Brillen können Schüler dort etwa ein zerbombtes Wohnhaus auf Sewerodonezk studieren, auf einem Platz im „befreiten“ Melitopol stehen oder einen erbeuteten ukrainischen Panzer erklettern.
Auch der internationale Kulturaustausch wird erweitert. Die Petersburger Zweigstelle der Russischen Nationalbibliothek eröffnete in Kooperation mit nordkoreanischen Institutionen im Oktober die Ausstellung „Kim Il-sung und seine Familie“ über den Großvater des heutigen Herrschers der Volksrepublik und Begründer der Diktatorendynastie. Im Moskauer Museum für Angewandte Kunst konnte man in diesem Herbst nordkoreanische Gemälde bewundern, die die Armee verherrlichten. Und der Popstar des Kremls, Shaman, brachte ein neues Lied über den „Genossen Kim Jong-un“ heraus mit dem Refrain: „Genosse Kim Jong-un führt Korea voran. Im Gleichschritt mit ihm schreitet das ganze Volk.“
Unterdessen werden immer häufiger ältere Filme „korrigiert“: Die Verleiher retuschieren hier eine Kussszene, verdecken da Genitalien oder entfernen Dialoge über die russische Politik. Aus dem Kinoklassiker „Die Sonne die uns täuscht“ wurde sogar eine Saunaszene des Putin-Vertrauten und Regisseurs Nikita Michalkow herausgeschnitten. Neben „extremistischen“ Themen ist auch die Propaganda für Kinderlosigkeit verboten. Gemäß einem 2024 verabschiedeten Gesetz gilt die „Verbreitung von Informationen, die darauf abzielen, die Attraktivität der Kinderlosigkeit zu fördern“, als staatsfeindliche Propaganda.
Verstöße werden mit hohen Geldstrafen geahndet. Die Vorsitzende des Kulturausschusses der Staatsduma, Olga Kasakowa, teilte mit, die Experten des Kulturministeriums würden jeden bereits publizierten Film auf seine Konformität mit den traditionellen Werten überprüfen. Daher werde ab dem 1. März 2026 das Expertenteam aufgestockt
Die meisten Russen sind gegen Zensur
Der Staat finanziert unterdes verstärkt Filme über Patriotismus und traditionelle Werte, im zu Ende gehenden Jahr mindestens 140. Die Themen, für die Haushaltsmitteln ausgegeben werden, stehen „im Zusammenhang mit der Erhaltung und Stärkung traditioneller russischer spiritueller und moralischer Werte“. Dazu gehören die Kultur und Traditionen Russlands, die Geschichte und die „Bekämpfung von Versuchen ihrer Fälschung“, wissenschaftliche Entdeckungen und technologische Errungenschaften sowie die „Popularisierung der Institution Familie“. Ein Lieblingsthema ist der „Heroismus und die Selbstaufopferung der Kämpfer im Großen Vaterländischen Krieg“.
Das Onlinekino „Premier“ hat für das kommende Jahr den Drehstart für die Comedyserie „Kehrseite der Medaille“ angekündigt. Thema ist der „Dienst und der Alltag von Freiwilligen in der Zone der Militärischen Spezialoperation“. Sie lesen richtig, eine Komödie über den Krieg in der Ukraine. Das Drehbuch verfasste Nikolai Sidorow, ein Veteran der „Militärischen Spezialoperation“.
Erzählt wird die Geschichte einer Gruppe von Freiwilligen, die in die Kampfzone kommen und einem erfahrenen Kämpfer unterstellt werden. Man erlebt, wie ihre Unerfahrenheit sie in gefährliche, aber auch komische Situationen bringt, und wie sie dazulernen.
Trotz der totalen Propaganda und staatlichen Kontrolle des Kulturlebens sind die meisten Russen einer Umfrage des Instituts Öffentliche Meinung zufolge gegen Zensur: 64 Prozent der Befragten halten demnach ein Verbot von Kunstwerken für inakzeptabel, nur 23 Prozent finden Zensur gerechtfertigt. Die Meinungen darüber, ob man in der Kunst die Regierung kritisieren darf, gehen auseinander. 47 Prozent halten es für inakzeptabel, Bücher, Theaterstücke und Filme zu verbieten, die die Regierung kritisieren, 39 Prozent finden Zensur in dem Fall zulässig. Am enttäuschendsten aus westlicher Perspektive dürfte jedoch sein, dass die überwiegende Mehrheit – 74 Prozent – noch nie von der realen Zensur gehört hat. Nur 21 Prozent der Befragten sind über die Situation überhaupt informiert. Diese ist wohl, wie der preußische Romancier Theodor Fontane gesagt hätte, ein zu weites Feld.
Irina Rastorgujewa, 1983 in Juschno-Sachalinsk geboren, lebt als Autorin, Grafikerin und Übersetzerin in Berlin. Für ihr Buch „Pop-up-Propaganda” erhielt sie in diesem Jahr den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse.