Am 29. Oktober 1982, einem Freitag, erschien im lokalen Teil der Süddeutschen Zeitung, der dem Münchner Süden gewidmet war, ein Artikel über eine Bürgerversammlung, die im Haderner „Waldheim“ stattgefunden hatte. Im vollen Saal war es hoch hergegangen. Der Plan der Stadt, die Heiglhofstraße an die Tischlerstraße anzubinden, rief viel Kritik hervor. Ihre Straße sei „bereits eine Rennstrecke“, mehr Verkehr könne man nicht gebrauchen, trugen Anwohner vor. Auch der Vorschlag der SPD-Fraktion im Bezirksausschuss, die Durchfahrt mit Schranken zu regeln, stieß auf wenig Begeisterung. „Teilweise heftige Proteste“ vermeldete der Chronist, den die SZ geschickt hatte. Sein Name: Franz Kotteder.
Der Text, unter dem die Sonderaktion einer Kosmetikpraxis in Solln beworben wurde („Manicure neun Mark“), ist das erste publizistische Zeugnis, das sich von Franz Kotteder im SZ-Archiv finden lässt. Wirklich sicher, dass es sein erster Beitrag für die SZ ist, sind sich die Experten allerdings nicht. In jenen Jahren wurde noch nicht alles digital gespeichert, was zeigt, wie weit das Wirken von Franz Kotteder zurückreicht. 1982 gab es die SZ seit 37 Jahren. Inzwischen sind es 80 Jahre. Franz Kotteder oder fjk, wie sein Kürzel war, hat an mehr als der Hälfte der SZ-Geschichte mitgeschrieben.
Was ebenfalls gesichert ist: Geschrieben hat er auch vorher schon. In der Schule gab er eine „Art Schülerzeitung“ heraus, wie er es selbst einmal genannt hat: Ein Heft, das er mit seinem Banknachbarn erstellte und das den Namen „Der kleine Brunnenvergifter“ trug. Ansonsten begeisterte ihn in der Schule weniges wirklich. Berufsziel seinerzeit: „Irgendetwas zwischen Schriftsteller und Rockgitarrist“.
Geld mit Schreiben verdiente er dann erstmal beim Würmtal-Boten, einem Blatt, das dreimal in der Woche erschien und sich dem Geschehen in Pasing und der Umgebung widmete. Als der Bote pleiteging, zog Kotteder weiter: zum Werbe-Spiegel, zum Stadtanzeiger. Die Bezirksausschüsse blieben zunächst sein Revier. „Diese kleinen, lokalen Politikgremien, die über jede Kleinigkeit beraten durften, aber so gut wie nichts zu entscheiden hatten, waren eine gute Schule“: So hat er es in den Neunziger Jahren selbst in einem Porträt von sich im SZ-Betriebsratsmagazin formuliert.
Zu dieser Zeit war er – nach Abitur, Zivildienst, abgebrochenem Volkswirtschaftsstudium und Volontariat – schon nicht mehr nur Redakteur der Münchner Kultur, sondern bereits zum verantwortlichen Redakteur für den Bereich aufgestiegen. 1998 wurde er zum leitenden Redakteur und hob das SZ-Extra mit aus der Taufe, die Beilage, die das Kulturgeschehen in der Stadt einmal in der Woche auf neuartige und unterhaltsame Art bündelte.
Um Kultur auf andere Weise ging es dann auch in der nächsten Station, die sich im Sommer 2010 anfügte. Als „Leitender Redakteur mit Reporter-Aufgaben im Ressort München, Region und Bayern“ kümmerte er sich um die Kulinarik. Die Gastronomie-Berichterstattung in einer so vielfältigen Stadt wie München ist ein weites Feld.
Von Bier- und Brezen-Trends bis zur Sterne-Deutung und der gewissenhaften Organisation und Pflege der wöchentlichen Restaurantkritik (der wegen der Nicht-Erkennbarkeit der Testerinnen und Tester unter Pseudonymen verfassten „Kostproben“) und der wöchentlichen Kolumne über die Veränderungen in der Gastroszene, der „Lokalrunde“: In dieser Rolle ging Franz Kotteder auf.
Wenn sich etwas tat in der Münchner Spitzenküche oder bei den Wiesn-Wirten, wenn ein bekannter Küchenchef ging, ein neuer kam oder sich jemand aus der Sternenküche mit einem eigenen Restaurant selbständig machte: Franz Kotteder schrieb es, bestens vernetzt, sehr oft als erster auf. So auch in einer seiner letzten Geschichten, erschienen im Mai 2025, die davon handelte, dass Arabella Schörghuber als Wiesn-Wirtin die Paulaner-Festhalle abgibt.
In die Rolle des Wiesn-Reporters war Franz Kotteder quasi schon hineingeboren worden. Er hatte das Licht der Welt einst zur Oktoberfestzeit erblickt und hat lange unweit der Festwiese gewohnt. Im Zeitalter der Videobesprechungen, welches in der SZ-Redaktion, so wie auch anderswo, mit der Corona-Pandemie begann, zierte stets auch ein aktuelles Bild der Theresienwiese – mal mit, mal ohne Zelte – seinen Hintergrund, wenn er sich in der München-Konferenz oder in der großen SZ-Konferenz zu Wort meldete.
Vom freien Mitarbeiter zum Leitenden Redakteur: Franz Kotteder hat an vielen Stellen der SZ auf viele Weise gewirkt. (Foto: Florian Peljak)
Was mit den Jahren ebenfalls wuchs: sein Engagement als Betriebsrat. Ein Fürsprecher für Arbeitnehmerbelange war er jedoch auch schon, bevor er zum stellvertretenden Vorsitzenden des Gremiums bei der SZ aufstieg und zentrale Aufgaben bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi übernahm, für die er zuletzt den Landesvorsitz der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in Bayern innehatte. Bis zuletzt ließ er sich von nichts davon abhalten, mit den Arbeitgebern bei den jüngsten Tarifverhandlungen für die Zeitungsredakteure um höhere Gehälter zu ringen.
Furchtlosigkeit gegenüber den vermeintlich Mächtigen, eine Unerschütterlichkeit der eigenen Standpunkte, eine mitunter schneidende Rhetorik: Konzilianz war nicht die herausstechende Eigenschaft, mit der er diese Rolle interpretierte. Aber es war eine kraftvolle Interpretation, die vieles bewegte und ihm jahrelang viele Stimmen bei den Betriebsratswahlen einbrachte, nicht zuletzt Stimmen aus der Redaktion.
Für etwas einstehen. Denjenigen beistehen, die es nötig haben: Dafür stand Franz Kotteder. Widerstände hat er dabei nie gescheut. Wenn ihm der Rummel um die vermeintlich Prominenten auf der Wiesn zu groß wurde oder das Mitgefühl für Besserverdienende, denen die Regierung die Elterngeldansprüche entzog, dann konnte der Furor in ihm losbrechen, ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten anderer. Manche Konferenz wurde deshalb lebhaft. Und gerade deshalb entstanden immer wieder auch grandiose Texte.
Stets den Menschen zugewandt, im Kleinen das Große erkennen und im Großen nie die Schwächsten aus dem Blick verlieren, skeptisch, aber doch grundheiter und nie hoffnungslos: Mit dieser Herangehensweise ist Franz Kotteder immer echte SZ im besten Sinne gewesen.
Als 2022 das Oktoberfest nach zwei Jahren Corona-Pause zum ersten Mal wieder stattfand, hat er geschrieben: „In Zeiten wie diesen, in denen vielen Menschen schlicht das Geld ausgeht und der Krieg in der Ukraine Ängste weckt, ist ihnen eben nicht nach Party zumute. Und sie wundern sich, warum andere umso ungehemmter feiern wollen. Da hilft zur Erkenntnis vielleicht das Modell der ‚Krisenheterotopie‘ des französischen Soziologen und Philosophen Michel Foucault weiter. Der sagt, in Zeiten der Krise schafften sich die Menschen gerne ‚tatsächlich realisierte Utopien, in denen die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind‘. Passt irgendwie ganz gut zum Oktoberfest, nicht wahr?“
Seine Meinungsbeiträge dokumentierten, ebenso wie seine Glossen für den Bayern-Teil, dass er stets mehr als das Geschehen in München im Blick hatte. Er war einer der besten Politikversteher und -deuter im Freistaat. Dass das Medium Magazin ihn vor einiger Zeit zu einem der Top-Unterhaltungsjournalisten der Republik kürte, dokumentierte, wie weit seine Stimme wirkte.
Diese Stimme ist nun verstummt. Franz Kotteder ist im Alter von 62 Jahren nach einer längeren, schweren Krankheit gestorben.