Tierrechtsaktivisten haben am Mittwochnachmittag die Silvestervorstellung des Weltweihnachtscircus auf dem Cannstatter Wasen gestört, um damit gegen die Pferde-Nummern zu protestieren. Zwei von ihnen gelangten kurzzeitig in die Manege, weitere Demonstranten breiteten zwei Transparente mit Aufschriften wie „Tierschauverbot jetzt“ von ihren regulär gekauften Logenplätzen aus. Große Teile des Publikums konnten jedoch nicht sehen, um was es ging, da im Zelt umgehend das Licht ausgeschaltet wurde.
Sicherheitspersonal griff rasch ein, hinderte die Aktivisten daran, ihre Banner vollständig zu zeigen, und brachte drei junge Frauen und einen jungen Mann hinter die Kulissen des Zeltes. Als sie abgeführt wurden, klatschte ein Teil des Publikums. Backstage wurden die Mitglieder von Animal Rebellion der kurz danach eintreffenden Polizei übergeben.
„Dann ging alles sehr schnell“: Tumult im Zirkuszelt
Zirkusmoderator Björn Gehrmann schilderte später, er habe in einer Loge im vorderen Bereich des Zeltes vier oder fünf junge Leute beobachtet, die sich auffällig wenig für die Darbietungen interessiert hätten. Nach der Nummer des Artisten Tulga, der als „stärkster Mann der Welt“ angekündigt wird, seien sie aufgestanden. „Dann ging alles sehr schnell. Das Licht ging aus, es entstand ein Tumult. Die Zuschauer im Zelt konnten nichts sehen“, sagte Gehrmann.
Aktivisten zeigen Transparente in der Loge. Foto: Animal Rebellion
Eine Aktivistin erhebt schwere Vorwürfe gegen das Sicherheitspersonal. Sie sei bei einem friedlichen Protest mit Gewalt aufgehalten worden. „Man hat uns voll frontal ins Gesicht geschlagen“, sagte sie. „Das ist unfassbar.“ Zirkusfans hielten dagegen: Es sei auch nicht gerade friedlich, wenn man eine Vorstellung für 2500 Zuschauer störe.
Weltweihnachtscircus verstärkt Sicherheitsmaßnahmen
Nachdem Tierrechtsaktivisten in München die Manege des Circus Krone gestürmt hatten, bereitete sich der Weltweihnachtscircus in Stuttgart auf mögliche Proteste vor und verstärkte die Sicherheitsmaßnahmen. Zirkuschef Dalien Cohen erklärte, ursprünglich habe man geplant, Demonstranten im Falle eines Protests das Mikrofon zu geben, damit sie ihre Aktion erklären könnten. „Danach hätten sie die Manege wieder verlassen sollen, dazu kam es leider nicht, weil alles sehr schnell ging“, sagte Cohen.
Inhaltlich richtet sich der Protest vor allem gegen die Pferdenummer „Ungarische Post“, bei der 20 Pferde von Angelina Richter präsentiert werden. Die Organisation Animal Rebellion kritisiert, die Tiere würden in „extrem enge Kopf-Hals-Positionen gezwungen, in die sogenannte Rollkur“, eine aus tierschutzrechtlicher Sicht umstrittene Praxis. Zudem seien Stresssignale wie Schweifschlagen, Schäumen oder Kopfschlagen sowie offene Mäuler zu beobachten gewesen.
Stuttgart bestätigt: Pferdenummer im Zirkus bleibt erlaubt
Zirkuschef Cohen verweist dagegen auf Kontrollen durch die Stadt Stuttgart. „Zwei Amtstierärzte der Stadt waren vor Ort. Sie haben die Acts, die komplette Tierhaltung und alle Tiere eingehend kontrolliert“, sagte er. Das Ergebnis: Die Ungarische Post darf weiter aufgeführt werden. Auch die Stadt Stuttgart bestätigt den Einsatz der Veterinäre. „Es wurden Auffälligkeiten in der Manege festgestellt, mit dem Zirkus besprochen sowie schriftlich verfügt. Die Haltung, Unterbringung und Pflege der Pferde sind ordnungsgemäß“, erklärte Stadtsprecher Sven Matis.
Welche Auffälligkeiten konkret beanstandet wurden, wollte die Stadt nicht öffentlich machen. „Es waren keine grundsätzlichen Erwägungen, sondern Kleinigkeiten, die anzupassen sind, um das Wohlergehen der Pferde zu verbessern“, so Matis. Cohen nennt die Details: „Es geht um die korrekte Kopf-Hals-Position. Man hat schriftlich festgehalten, wie die aussehen muss.“ Daran werde sich der Zirkus halten. Vorwürfe eines „zu engen Anbindens“ hätten sich als unzutreffend erwiesen.
Die Aktivisten werden bis zum Eintreffen der Polizei hinter den Kulissen festgehalten. Foto: engelhard-photography-
Animal Rebellion fordert generelles Tierverbot im Zirkus
Hinter der Aktion stehen Aktivisten der Organisation Animal Rebellion. Diese erklärte, man begrüße, dass eine Tauben-Nummer im Weltweihnachtscircus bereits gestrichen worden sei, um weiteres Tierleid zu verhindern. Zugleich fordern die „Tierrebellen“, auch Pferde künftig nicht mehr im Zirkus einzusetzen. Animal Rebellion appelliert an die Stadt Stuttgart und die zuständige Veterinärbehörde, Tiere im Zirkus generell zu untersagen.
„Sensible Fluchttiere werden in Angst und Stress versetzt“
„Genau wie Löwen, Elefanten oder Hunde gehören auch Pferde nicht in eine Zirkusmanege“, findet Scarlett Treml, Tierwissenschaftlerin und Sprecherin von Animal Rebellion. Der Lärm durch Musik und Publikum, das Geschrei sowie der Einsatz von Peitschen versetzten die sensiblen Fluchttiere in Angst und Stress. „Hinzu kommt, dass die Dressur meist auf Gewalt, Einschüchterung und Misshandlung basiert“, so Treml. „Fakt ist: Die Mehrheit der Bevölkerung findet es moralisch nicht in Ordnung, dass Tiere im Zirkus gehalten und vorgeführt werden.“
Zukunft der Tiere im Weltweihnachtscircus ungewiss
Ein Sprecher der Polizei erklärte auf unsere Anfrage, man ermittle gegen die Demonstranten wegen Hausfriedensbruchs. Außerdem habe man ihnen einen Platzverweis erteilt. Ob auch künftig Tiere Teil des Programms im Weltweihnachtscircus sein werden, ist offen. Zirkusgründer Henk van der Meijden sagte unserer Zeitung, man werde die Argumente der Tierschützer prüfen und darüber nachdenken.