Der Mordversuch mit einem E-Scooter auf einen Streifenwagen aus der vergangenen Silvesternacht wirkt bis heute nach. Frankfurt rüstet deshalb so auf wie lange nicht. Auch die Kliniken erwarten viele Verletzte.
Als kurz vor Mitternacht am 31. Dezember 2024 im Frankfurter Stadtteil Nordwest ein E-Scooter von einer Brücke auf einen fahrenden Streifenwagen geworfen wird, schlägt er auf Dach und Windschutzscheibe ein, Glassplitter fliegen durch den Innenraum. Die Beamten überleben nur mit Glück. Der Angriff auch ein Jahr danach als Mahnung, was passieren könnte, wenn Silvester nicht nur gefeiert, sondern instrumentalisiert wird.
Diese Tat hat sich tief eingebrannt – bei Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten. Sie ist einer der Gründe, warum Frankfurt in diesem Jahr so früh und so massiv aufrüstet. Die Polizei verstärkt ihre Präsenz deutlich, nicht nur mit uniformierten Kräften im Stadtgebiet, sondern auch durch zusätzliche Unterstützung der Bereitschaftspolizei. Das Überfallkommando, eine Sondereinheit der Polizei, ist mit mehr Personal im Einsatz als im regulären Dienst, um auf plötzliche Gefahrenlagen sofort reagieren zu können.
In vielen Stadtteilen wurden Mülltonnen geleert, Sperrmüll entfernt, öffentliche Bücherschränke ausgeräumt. Das alles geschieht aus Erfahrung. Auch die Krankenhäuser der Stadt bereiten sich auf diese Nacht vor. Kliniken haben zusätzliches Personal eingeplant, Notaufnahmen verstärkt, Polikliniken arbeiten nicht wie üblich mit einem, sondern mit mehreren Ärzten gleichzeitig. Für den Fall eines plötzlichen Massenanfalls von Verletzten existieren Rückfallebenen, die aktiviert werden können.
Am Nachmittag liegt die Auslastung der Frankfurter Krankenhäuser bei rund 30 Prozent. Drei Kliniken können aktuell keine neuen Patienten mit chirurgischen Verletzungen aufnehmen, unter anderem wegen bereits behandelter Feuerwerksverletzungen. Ein Krankenhaus in Frankfurt meldet „Überlastung der Notaufnahme“ – keine Versorgung von neuen Patienten möglich.
Der Schwerpunkt der Polizei liegt in dieser Nacht klar auf der Innenstadt. Zeil, Hauptwache, Konstablerwache, Eiserner Steg und das Mainufer ziehen traditionell Tausende Menschen an. Hier gelten strikte Feuerwerksverbote, überwacht durch Polizei und Sicherheitsdienste. Taschen werden kontrolliert, Zugänge bei Bedarf gesperrt, Brücken können bei Überfüllung kurzfristig geschlossen werden. In Alt-Sachsenhausen und im Bahnhofsviertel ist die Präsenz besonders hoch. Diese Bereiche gelten als neuralgische Punkte, weil sich dort Feiernde aus allen Richtungen mischen und der unsachgemäße Umgang mit Pyrotechnik immer wieder auffällt.
Unterstützt wird der Einsatz durch Technik: Temporäre Videoschutzzonen sollen helfen, gefährliche Entwicklungen frühzeitig zu erkennen. In den Video-Operation-Centern werden die Bilder in Echtzeit ausgewertet, zusätzlich kommt Technik zur Detektion fremder Drohnen zum Einsatz.
Auch die Feuerwehr Frankfurt setzt in der Silvesternacht auf mehr Personal, etwa in der Leitstelle. Im Stadtgebiet sind zusätzliche Führungsdienste im Einsatz, um Einsätze zu koordinieren und bei komplexen Lagen schnell entscheiden zu können. Alle Freiwilligen Feuerwehren im Stadtgebiet sind in dieser Nacht vollständig besetzt und einsatzbereit. Begleitend setzt die Feuerwehr auf Prävention: An U- und S-Bahnhöfen sowie an Litfaßsäulen wird zu Respekt gegenüber Einsatzkräften aufgerufen. Feuerwehr-Sprecher Florian Erbacher sagte, man erwarte ein respektvolles Entgegenkommen der Bevölkerung, damit die Einsatzkräfte ihre Arbeit sicher erledigen können.
Auch aus der Polizei kommt ein klarer Appell. Die Deutsche Polizeigewerkschaft in Hessen warnt davor, wegen einer kleinen Gruppe von Krawallmachern mit pauschalen Verboten zu reagieren. Silvester sei für Millionen Menschen ein fester Bestandteil des Lebens – einmal im Jahr Feuerwerk, Lichter, der Übergang ins neue Jahr. Wer sich nicht an Regeln halte oder Einsatzkräfte angreife, müsse konsequent zur Verantwortung gezogen werden. Gewalt gegen Polizei und Rettungsdienste gelte als gesellschaftlich hochschädlich und dürfe nicht relativiert werden. Gleichzeitig, so die Gewerkschaft, dürfe man denen, die verantwortungsvoll feierten, diese Tradition nicht nehmen. Entscheidend sei eine starke Präsenz vor Ort und Rückhalt für Beamten, die in dieser Nacht für Sicherheit sorgen.
Kriminologe: „Mischung macht den Jahreswechsel zu einem besonderen Risikotag“
Warum gerade diese Nacht immer wieder kippt, erklärt der Kriminologe Prof. Dr. Dirk Baier: „Silvester ist kein gewöhnlicher Tag. Es gibt keinen zweiten im Jahr mit einem derart starken Erwartungsdruck zu feiern. Menschen sind draußen unterwegs, konsumieren Alkohol, bewegen sich im öffentlichen Raum. Dinge sind erlaubt, die sonst verboten sind, etwa das Zünden von Feuerwerk. Diese Mischung macht den Jahreswechsel zu einem besonderen Risikotag, an dem schlicht mehr passiert als an anderen Tagen.“
Auffällig sind dabei seit Jahren vor allem Jugendliche und Heranwachsende. Das sei kein neues Phänomen, sondern ein Grundbefund der Gewaltforschung. Junge Menschen hielten sich häufiger in Gruppen auf, Fremdkontrolle nehme ab, Selbstkontrolle ebenfalls. „Es ist eine Lebensphase, in der Grenzen getestet werden. Silvester bietet dafür eine Bühne. Gruppendynamiken, Alkohol und das Gefühl einer gesellschaftlichen Ausnahmesituation verstärken sich gegenseitig. Man darf länger unterwegs sein, mehr trinken, lauter sein – all das gehört für viele zum Jahreswechsel dazu“, so der Kriminologe.
Gleichzeitig müsse unterschieden werden. Es gebe die alltägliche Jugendgewalt, die auch an Silvester sichtbar werde, weil mehr junge Menschen draußen seien und Situationen schneller eskalierten. Daneben existiere ein kleinerer, aber gefährlicheres Phänomen: Gruppen junger Männer, die gezielt die Konfrontation suchten, Polizei und Rettungskräfte herausforderten, Hinterhalte planten. Diese Form der Gewalt nutzte den Silvesterabend bewusst aus, weil Aufmerksamkeit sicher ist – gesellschaftlich wie medial. Innerhalb der Gruppe entstehe Anerkennung, wenn es gelinge, den Staat herauszufordern. „Es ist eine Dynamik, die sich vor allem in Großstädten zeigt, dort, wo viele Menschen, Problemlagen und Subkulturen auf engem Raum zusammenkommen“, sagt Baier.
Die Frankfurter Polizei wird in der Nacht fortlaufend Lagebilder erstellen und Einsatzkräfte je nach Entwicklung verlagern. Schwerpunkte bleiben die Innenstadt, Alt-Sachsenhausen, das Bahnhofsviertel sowie einzelne Stadtteile im Norden. Bei Verstößen gegen Feuerwerksverbote oder Angriffen auf Einsatzkräfte ist ein konsequentes Einschreiten angekündigt. Die Erfahrungen der Vorjahre zeigen, dass sich die Lage vor allem in den Stunden rund um Mitternacht und in den frühen Morgenstunden zuspitzen kann. Eine detaillierte Bilanz der Silvesternacht will die Polizei im Laufe des Neujahrstages vorlegen.